Beirut/Damaskus. (sd) Der Libanon schlittert immer tiefer in den Bürgerkrieg, der im benachbarten Syrien tobt; der Graben zwischen den libanesischen Bevölkerungsgruppen wird immer größer. Diese sind in ihrer Haltung zum Konflikt in Syrien geteilt: Die Schiiten – und damit auch die mächtige Hisbollah-Miliz – stehen auf der Seite des syrischen Machthabers Bashar al-Assad, während die Sunniten die Aufständischen in Syrien unterstützen.
"Die Sorge, dass der Libanon in den syrischen Bürgerkrieg rutscht, ist nicht unberechtigt", sagt Nahost-Experte Cengiz Günay vom Österreichischen Institut für Internationale Politik. Syrien spiele eine wichtige Rolle im libanesischen Machtgefüge und stelle auch eine logistische Verbindung zwischen der Hisbollah-Miliz und dem verbündeten Iran dar.
"Der Libanon ist ähnlich bunt wie Syrien"
Die Gewalt zwischen den Bevölkerungsgruppen im Libanon nimmt ständig zu: In der Hauptstadt Beirut gingen schiitische Libanesen am Mittwoch gewaltsam auf Syrer los. Hintergrund waren Berichte über den angeblichen Tod von in Syrien verschleppten libanesischen Pilgern. Bewaffnete Männer verwüsteten Geschäfte, zerstörten Autos und verschleppten "dutzende Syrer", berichtete die amtliche Nachrichtenagentur ANI.
Der schiitische Al-Mokdad-Clan hatte zuvor mehr als 20 Syrier entführt, um die Freilassung eines angeblich durch die syrischen Rebellen entführten Angehörigen zu erzwingen. Die jüngsten Entführungen im Libanon erinnern an den Bürgerkrieg, der von 1975 bis 1990 im Libanon tobte. Damals drohte das Land zwischen Sunniten, Schiiten, Christen und Drusen zu zerreißen. "Der Libanon ist in ethnischer und konfessioneller Hinsicht ähnlich bunt wie Syrien", erklärt Günay. Das Machtgefüge beruht auf einem Proporzsystem, bei dem Posten im Hinblick auf die verschiedenen Konfessionen aufgeteilt werden. "Das Gleichgewicht ist nicht sehr stabil, die Situation im Libanon also sehr fragil", sagt Günay.
Golfaraber verlassen Beirut fluchtartig
Den Ernst der Lage haben auch zahlreiche Golfstaaten erkannt. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar, die offen die syrischen Rebellen unterstützen, forderten ihre Bürger zum sofortigen Verlassen des Libanons auf. Grund dafür sind Drohungen des Al-Mokdad-Clans, Araber aus Staaten entführen zu wollen, die den Aufstand in Syrien unterstützen. Aus Angst vor Gewaltakten übernachteten viele Golfaraber in der Nacht auf Donnerstag auf dem Beiruter Flughafen, um den ersten Flug nach Hause zu erwischen.

Unterdessen spitzt sich die Lage der Zivilbevölkerung in Syrien immer mehr zu. Nach Einschätzungen von UN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos sind inzwischen rund 2,5 Millionen Menschen in Not. Die UN-Beobachtermission "Unsimis" in Syrien geht noch im August zu Ende - ohne Verlängerung. "Unsmis wird auslaufen", gab der französische UN-Botschafter Gerard Araud am Donnerstag in New York nach Beratungen des Weltsicherheitsrats bekannt.
Moskau "kein extremer Fan" von Assad
Russland wollte sich bis zuletzt nicht mit dem Ende abfinden, beharrte auf die wichtige Bedeutung der Mission und warnte vor "ernsthaften, negativen Konsequenzen", sollte diese tatsächlich beendet werden. Die UN-Mission in Syrien sei deshalb so wichtig für Moskau, denn "sie steht für den Versuch, doch noch eine Lösung auf internationaler diplomatischer Ebene zu finden", sagt Günay. Russland versuche, die Reaktionen auf die Gewalt in Syrien mitsteuern zu können; die UN-Mission liefere eine Plattform dafür. "Russland hat Bedenken, dass es nicht mehr mitzureden hat, wenn der Konflikt außerhalb, also zum Beispiel innerhalb der Nato, gelöst wird", sagt Günay. Gemeinsam mit China hat die Vetomacht Russland bereits drei UN-Resolutionen gegen Syrien verhindert. Als bedingungslosen Unterstützter des syrischen Regimes will Günay Moskau aber nicht bezeichnen: "Trotz unbestrittener eigner Interessen: Russland ist kein extremer Fan des Assad-Regimes", so der Nahost-Experte.
Das österreichische Außenministerium warnt unterdessen vor Reisen in den Libanon. In bestimmten Gebieten bestehe ein "hohes Sicherheitsrisiko", von Reisen werde außer bei "absoluter Notwendigkeit" abgeraten, hieß es am Donnerstag.
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