Damaskus. Gerade eben hat der Sargschreiner 26 schlichte Holzsärge zum Hinterausgang des Tishreen-Militärspitals geliefert. Sie werden vom blauen Lieferwagen gehoben, während Soldaten in Gala-Uniform mit syrischen Fahnen drapierte Särge, die die sterblichen Überreste von "Märtyrern" enthalten, in einer feierlichen Verabschiedungszeremonie im Hinterhof den Hinterbliebenen übergeben.
Zwölf Namen stehen heute auf der Überführungsliste: Mohsen Al-Qadi aus Tartus, Rang: General. Er war ein hochrangiger Kommandeur beim Luftverteidigungsregiment 601 und starb bei einem Attentat. Oder: Amgad Idris aus Dair az-Zur, Soldat. Oder: Ahmed Taha Huedi aus Homs. Seine Leiche war derart entstellt, dass er nur mithilfe einer DNA-Analyse identifiziert werden konnte. Meist sind es um die 20 Soldaten, die das Spital im Sarg verlassen. Ein paar seien im Spital ihren Verletzungen erlegen, sagt eine Ärztin, doch die meisten habe man hierher gebracht, um sie ins Leichenschauhaus im Keller des Spitals zu bringen, wo sie identifiziert und den Angehörigen übergeben werden.
Die Routine ist den handelnden Akteuren am Appell-Platz des sieben Kilometer nördlich vom Zentrum von Damaskus gelegenen Spitals nach dem nun schon über eineinhalb Jahre andauernden Konflikt bestens vertraut: Die Militärkapelle nimmt in einem Hinterhof vor einem riesigen Triptychon Aufstellung. Das Bild rechts zeigt die ewige Flamme am Grab des unbekannten Soldaten, das Bild in der Mitte die übereinandergelegten Symbole der drei Teile der syrischen Streitkräfte: Flügel für die Luftwaffe, Anker für die Marine und gekreuzte Schwerter für die Armee. Am Bild rechts: die syrische Flagge.
Trommelwirbel, dann die ersten Takte eines kämpferischen Marsches. Schließlich Frédéric Chopins getragener Marche funèbre in c-Moll. Die Särge werden den Familien übergeben und von Soldaten der Gardekompanie in Minibusse verladen und zum Friedhof gefahren. Keine Reden, keine großen Gesten. Die Gesichter der Hinterbliebenen, der Söhne, Töchter, Brüder, Schwestern, Mütter und Väter sprechen von Verzweiflung, Verlust und Trauer. Zwei Brüder haben eingerahmte Bilder eines der Verstorbenen mitgebracht, die ihn in Uniform und mit Kalaschnikow zeigen, und tragen es bei der Überführung in den Minibus mit trotzigem Stolz hinter dem Sarg her. Bei der Sargübergabe-Zeremonie des verstorbenen Generals Mohsen Al-Qadi werden seine drei wichtigsten Orden auf einem mit Goldkordeln versehenen Samtpölsterchen vor dem Sarg hergetragen. Drei Orden, ist das alles, was den Angehörigen bleibt? Jede Zeremonie dauert nicht einmal fünf Minuten.

Patienten aus ganz Syrien
Jede Seite in diesem nun bald 18 Monate dauernden Konflikt hat ihre "Märtyrer", die Opfer der Gegenseite sind entweder "Terroristen" oder "Schergen des Regimes". Und die toten Zivilisten? Kollateralschäden, wie in jedem Krieg. 6000 bis 8000 Soldaten und Polizisten sollen bisher bei den Kämpfen getötet worden sein, ebenso viele Kämpfer der syrischen Rebellen sowie fast 1900 Demonstranten und 30.000 Zivilisten. Die Angaben sind jedoch kaum überprüfbar, da beide Seiten die Opfer-Zahlen für die eigene Propaganda benutzen. Dass die Zahl der Toten in den Reihen des staatlichen Sicherheitsapparats in den vergangenen Monaten gestiegen ist, wird vom Direktor des Armeespitals, General Maurice, bestätigt. Er will nur seinen Vornamen nennen, da bereits einige seiner Ärzte und Schwestern von Rebellen ermordet wurden.
Wie viele der Patienten durch Kriegseinwirkung verwundet wurden? "Vor dem Konflikt wurden jeden Tag rund 100 Patienten ins Spital gebracht, nun sind es zwischen 120 und 150", sagt er. Die meisten der Verwundeten würden aus der Umgebung von Damaskus eingeliefert, wo es in den vergangenen Monaten immer wieder zu heftigen Gefechten gekommen ist, "aber wir sind das beste Armeespital Syriens und bekommen schwere, komplizierte Fälle aus dem ganzen Land." Die kämen dann meist im Armeehelikopter, sagt der grauhaarige 57-Jährige. 350 bis 400 Ärzte arbeiten in seinem Spital, dazu kommen 700 Schwestern und Pfleger, das Spital hat 1200 Betten. "Wir behandeln Soldaten und deren Familien, im Notfall würden wir aber jeden aufnehmen, sogar Obama", sagt General Maurice und lacht. Er sitzt nicht im Ärztekittel an seinem Schreibtisch, sondern in Tarnuniform samt schwarzen Schnürstiefeln.
Infiltrierte Rebellen
An den Wänden seines Büros sind Bilder des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad sowie zwei Bilder von dessen Vater, Hafez al-Assad. Europa, Israel, die USA, Ägypten und die Golfstaaten würden einen schweren Fehler machen, indem sie die "Terroristen" unterstützen, sagt General Maurice. "Mindestens 50 Prozent" der Kämpfer seien nämlich "extremistische, mit Al-Kaida vernetzte Jihadis" und keine Syrer.
Diese Aussage deckt sich mit Angaben von Jacques Beres, Mitbegründer von Medecins Sans Frontieres, der eben aus Aleppo, wo er in einem geheimen Feldspital gearbeitet hatte, nach Paris zurückgekehrt ist. Dort sagte Beres gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, dass rund die Hälfte der von ihm in Aleppo behandelten Kämpfer der Rebellenarmee keine Syrer waren. "Sie sagen, dass sie nicht an Bashar al-Assads Fall interessiert sind, sondern denken daran, wie sie danach an die Macht kommen können, um einen islamischen Staat mit der Sharia einführen können."

"Let us shape the future together – not wait for it", "Lasst uns die Zukunft gemeinsam gestalten und nicht darauf warten"...
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