• vom 12.04.2015, 11:15 Uhr

Armenier Hintergrund

Update: 23.04.2015, 16:43 Uhr

Papst Franziskus

Gedenken an den Genozid




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Von WZ Online, APA/AFP

  • Messe im Petersdom zum 100. Jahrestag des Massenmords an den Armeniern.

Vatikanstadt. Die offizielle Türkei leugnet bis heute, was im Rest der Welt als Genozid gilt. Deshalb gelten Worte, wie sie Papst Franziskus am Sonntag bei einer Gedenkmesse im Petersdom fand, als Affront, und diplomatische Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten. Der Papst sprach einmal mehr von einem "Völkermord" der osmanische Regierung vor 100 Jahren an den Armeniern.

Gleich danach zitierte die Türkei den Apostolischen Nuntius ins Außenministerium in Ankara, wie türkische Medien übereinstimmend berichteten. Und damit nicht genug, wurde auch gleich der türkische Botschafter beim Vatikan nach Ankara zurückbeordert.


Im vergangenen Jahrhundert habe es "drei gewaltige und beispiellose Tragödien" gegeben, die erste, die "weithin als 'erster Völkermord des 20. Jahrhunderts' gilt", habe das armenische Volk getroffen. Er zitierte damit eine Erklärung von Papst Johannes Paul II. und dem armenischen Patriarchen aus dem Jahr 2000.

Am 24. April 1915 begann die damalige Regierung des Osmanischen Reiches mit der Verhaftung der Armenier. In der Folgezeit fielen nach armenischen Angaben bis zu 1,5 Millionen Angehörige der Minderheit einem Völkermord zum Opfer. Die Türkei weist diesen Begriff, entgegen der überwiegenden Historiker-Meinung, zurück und setzt die Zahl der Opfer deutlich niedriger an.

An der Messe im Petersdom nahmen auch der armenische Patriarch Nerses Bedros XIX. (Tarmouni) und der armenische Präsident Serzh Sarksyan teil.

Völkermorde im 20. Jahrhundert

Der Papst sagte, für die beiden anderen Völkermorde des 20. Jahrhunderts seien der "Nazismus und Stalinismus" verantwortlich. In jüngerer Vergangenheit habe es aber noch weitere Massenmorde gegeben, etwa in Kambodscha, Ruanda, Burundi und Bosnien. Die Menschheit sei offenbar nicht dazu in der Lage, "dem Vergießen von unschuldigem Blut ein Ende zu setzen", sagte Franziskus.

Im Jahr 2006, als Jorge Mario Bergoglio noch Erzbischof von Buenos Aires war, hatte er die Türkei aufgefordert, die Massaker als "das größte jemals von der ottomanischen Türkei begangene Verbrechen gegen das armenische Volk und die Menschheit insgesamt" anzuerkennen. Ankara legte daraufhin Beschwerde ein und zitierte den Apostolischen Nuntius ins Außenministerium.

Als Franziskus die Gräueltaten an den Armeniern knapp drei Monate nach seinem Amtsantritt als Papst, Anfang Juni 2013, als "ersten Genozid des 20. Jahrhunderts" bezeichnete, protestierte die Türkei ebenfalls offiziell. "Absolut inakzeptabel" sei diese Äußerung, hieß es in einer Erklärung des Außenministeriums in Ankara. Wieder wurde der vatikanische Botschafter zu einem Gespräch zitiert.

Dabei war der Begriff nicht in einer offiziellen Stellungnahme gefallen, sondern im persönlichen Gespräch mit Nachfahren von Opfern der Vertreibung am Rande einer Privataudienz für Nerses Bedros XIX. im Vatikan. Bekannt wurde die Äußerung durch einen Mitschnitt des vatikanischen Fernsehens.

Türken feiern "Gegengedenkjahr"

Die Türkei wird auch weiter bei dieser Linie bleiben. Angesichts der bevorstehenden Parlamentswahlen am 7. Juni droht das Gedenken an den Völkermord der Armenier heuer vor hundert Jahren in einer neuen Welle des Nationalismus unterzugehen.

Vor dem offiziellen Gedenktag an die Gräueltaten an den Armeniern im Osmanischen Reich am 24. April hat der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan 2015 das Gedenkjahr des "Sieges von Canakkale" (Gallipoli) - die verlustreiche und gescheiterte Invasion der Entente-Mächte im Ersten Weltkrieg in den Dardanellen - ausgerufen. Für die armenische Tageszeitung in Istanbul, "Agos", ist das von Erdogan verfügte "Gegengedenkjahr" zum Genozid nichts anderes als ein "übler Scherz".

Der Völkermord an bis zu 1,5 Millionen Armeniern jährt sich heuer zum 100. Mal. Auch eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren türkischen Vergangenheit, der Pogrom gegen Nichtmuslime in Istanbul, fand vor genau 60 Jahren statt. Im September 1955 zogen Tausende, mit Eisenstangen, Hacken und Knüppeln bewaffnet, in jene Bezirke Istanbuls, in denen Griechen, Juden und Armenier lebten und ihre Geschäfte betrieben, brandschatzten, plünderten und mordeten.

"Glorreicher Widerstand"

Bereits vor vier Jahren ließ der damalige türkische Außenminister und heutige Ministerpräsident Ahmet Davutoglu es nicht an Deutlichkeit fehlen: "Wir werden das Jahr 2015 für die ganze Welt bekannt machen, aber nicht als Jahrestag eines Völkermordes, wie manche Leute behaupten und verleumden, sondern als glorreichen Widerstand einer Nation."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-04-12 11:19:30
Letzte ─nderung am 2015-04-23 16:43:31



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