• vom 17.04.2015, 14:00 Uhr

Armenier Hintergrund

Update: 23.04.2015, 16:08 Uhr

Genozid

Das Trauma der Vergangenheit




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Von Barbara Eder

  • In den Jahren 1915 und 1916 wurden die Armenier systematisch verfolgt und ermordet. Die Erinnerung an den Genozid prägt auch 100 Jahre danach grundlegend das Selbstverständnis des armenischen Staates.

Das Mahnmal für die Opfer des Genozids auf der Schwalbenfestung in Armeniens Hauptstadt Jerewan.

Das Mahnmal für die Opfer des Genozids auf der Schwalbenfestung in Armeniens Hauptstadt Jerewan.© CTHOE/ Wikimedia Commons Das Mahnmal für die Opfer des Genozids auf der Schwalbenfestung in Armeniens Hauptstadt Jerewan.© CTHOE/ Wikimedia Commons

Im Jahr 1921 ging ein junger Orientreisender aus Amerika in Venedig an Bord eines Schiffes, das ihn nach Istanbul bringen sollte. Unter den Mitreisenden befanden sich besonders viele Armenier, darunter einer, "dessen Vater, Mutter und drei Schwestern in Trapezunt vor seinen Augen von den Türken in kleine Stücke zerhackt wurden". Der Reisende, es war Schriftsteller John Dos Passos, wurde mit den Erzählungen der Überlebenden eines Genozids konfrontiert, die ihre Diaspora-Existenzen seither auf Schiffen fortsetzen mussten.

Der Vernichtungsplan
In den Jahren 1915 bis 1916 wurden die dazumal im Osmanischen Reich lebenden Armenier Opfer eines ethnisch-rassistischen Vernichtungsplans, der nach aktuellen Schätzungen 800. 000 bis 1,5 Millionen Menschenleben gefordert hat. Dieser begann mit einer Razzia gegen die armenische Intelligentsia von Konstantinopel im April des Jahres 1915 und wurde mit dem Erlass eines Deportations-Gesetzes seitens des jungtürkischen "Komitees für Einheit und Fortschritt" im Mai desselben Jahres fortgesetzt. Bis zum Juni 1915 wurden die Armenier und Armenierinnen an zentralen Orten des Landes zentriert und entweder sofort ermordet oder auf Befehl des türkischen Innenministers Mehmet Talaat auf Todesmärsche in Richtung der syrischen Wüste geschickt.

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Während der Deportationen starb die Mehrheit in Folge von Hunger, Krankheiten, Dehydrierung und Erschöpfung. Familien wurden getrennt, alte und kranke Menschen sowie Frauen und Kinder oftmals am Wegesrand ausgesetzt. Es gibt sowohl Berichte, die bestätigen, dass syrische Beduinen, Kurden und Türken sich der Deportierten annahmen, wie auch solche, die vom Gegenteil erzählen: In der Wüste zurückgelassene Kinder wurden nicht selten auf Sklavenmärkten verkauft oder mit dem Ziel, sie zu türkisieren, in neuen Familien untergebracht.

Über all dies wurde die internationale Öffentlichkeit gezielt im Unwissen gehalten. In Folge von Zensurmaßnahmen durften deutsche Journalisten nichts von den Verbrechen des Kriegspartners Türkei berichten und auf Seiten der deutschen sowie der österreichisch-ungarischen Diplomatie wurde trotz besseren Wissens nichts getan, um den Genozid zu verhindern. Nach Meinung des österreichisch-ungarischen Botschafters in Konstantinopel, Markgraf Pallavicini, wäre eine Intervention gegen die an den Armeniern verübten Gräuel nur deshalb einer Erwägung wert gewesen, weil man der Entente damit ein Argument liefere, um gegen den eigenen Bündnispartner Türkei vorzugehen.

Auch der deutsche Botschafter im Osmanischen Reich, Hans von Wangenheim, hat nichts in seiner Möglichkeit Stehendes unternommen, um die andauernden Gewalttaten zu beenden. Seitens der sich im Dreibund mit Italien befindlichen Allianz von Österreich-Ungarn und Deutschland wurde die Mitverantwortung für den Genozid an den Armeniern später mit dem Argument einer diplomatisch notwendigen Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der Türkei geleugnet. Anlässlich einer parlamentarischen Anfrage vom Jänner 1916 wurde das genozidale Geschehen damit abgetan, dass man den Armeniern dazumal nur "neue Wohnstätten" zugewiesen hätte.

Während Deutschland und Österreich-Ungarn keinen aktiven Widerstand aufbrachten, intervenierten die USA auf diplomatischer und humanitärer Ebene. Der amerikanische Botschafter in Konstantinopel, Henry Morgenthau, verfasste im Mai 1915 eine Erklärung, in der er die Türken davor warnte, ein juristisch zu verfolgendes Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen, und sie aufforderte, die Deportationen sofort zu stoppen.

Zögerliche Hilfe
Morgenthau erhielt zahllose Besuche von verstörten Armeniern, die ihm von den Verbrechen berichteten. Er wandte sich darauf hin an die amerikanische Regierung, die unter dem Vorwand, die eigene Neutralität beibehalten zu wollen, ihm weitere Unterstützung versagte. Obwohl seitens der USA eine militärische Intervention möglich gewesen wäre, fand diese vor allem aus Sorge um die eigene Infrastruktur auf türkischem Gebiet nicht statt. Nachdem der Befehl erteilt wurde, Erzurum von Christen zu säubern und an einem Nachmittag 10.000 Menschen ermordet wurden, klärte eine Titelstory der "New York Times" die amerikanische Öffentlichkeit über den Völkermord auf.

Dass es sich bei den Ereignissen von 1915/16 um Aktionen im Rahmen der gezielten Ermordung einer ethnischen und religiösen Minderheit im Osmanischen Reich handelt, ist unter Historikern heute eine unbestrittene Tatsache, deren Leugnung in Frankreich per Gesetz unter Strafe steht. Von der türkischen Regierung wird dies nach wie vor bestritten - trotz jüngerer Revisionsversuche des sozialdemokratischen Politikers Gürbüz Çapan, der massiven Kritik an der offiziellen türkischen Haltung zum Genozid durch Orhan Pamuk und der Solidaritätsbekundungen der "Taksim"-Aktivisten gegen Rassismus und Nationalismus 2010.

Diese türkische Politik führte etwa dazu, dass im vergangenen Jahr am Gedenktag des Genozids, dem 24. April 2014, am Mahnmal auf der Jerewaner Schwalbenfestung die türkische Flagge verbrannt wurde; mehr als 90 Morde gehen auf das Konto von unterschiedlichen armenischen Terror-Gruppen, die auf das Ausbleiben der Verurteilungen aller am Genozid Beteiligten Selbstjustiz verübten. Während Mehmet Talaat - neben den beiden anderen Paschas Ismail Enver und Ahmed Djemal einer der Hauptverantwortlichen des Genozids - 1921 durch den später freigesprochenen armenischen Studenten Soghomon Tehlirian erschossen wurde, machten einige deutsche Akteure, die in den Genozid involviert waren, während des NS-Regimes beachtliche Karrieren.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-04-16 17:44:20
Letzte Änderung am 2015-04-23 16:08:03



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