• vom 16.04.2015, 18:05 Uhr

Armenier Hintergrund

Update: 23.04.2015, 16:11 Uhr

Armenier

Trauma und Paranoia




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Von WZ-Korrespondent Gerd Höhler

  • Gedenktag der Armenier-Verfolgungen am 24. April: Die offizielle Türkei verweigert sich der Aufarbeitung.



Athen. (n-ost) Vor fünf Monaten, beim Besuch von Papst Franziskus in der Türkei, war die Welt noch in Ordnung. Eine Visite im Prunk-Palast von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, ein gemeinsames Gebet mit dem Istanbuler Mufti Rahmi Yaran in der Blauen Moschee - die Reise war auf Harmonie und versöhnliche Gesten angelegt. Damit ist es nun vorbei zwischen der Türkei und dem Vatikan. Weil Franziskus am vergangenen Sonntag in einer Messe den Tod von möglicherweise bis zu 1,5 Millionen Armeniern als "ersten Völkermord im 20. Jahrhundert" bezeichnete, rief die türkische Regierung ihren Vatikan-Botschafter zur Berichterstattung nach Ankara zurück. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu reagierte scharf: Mit seiner "falschen und widersinnigen Äußerung" fördere der Papst den "steigenden Rassismus in Europa". Staatschef Erdogan warnte den Papst sogar, "diesen Unsinn" zu wiederholen.

Türkei hadert mit dunklem Geschichtskapitel
Alljährlich am 24. April gedenken die Armenier der Verfolgung und Vertreibung ihrer Landsleute im Osmanischen Reich. Die Osmanen sahen in den damals etwa 2,5 Millionen Armeniern innere Feinde - wegen ihres Strebens nach religiöser und politischer Autonomie und wegen ihrer Nähe zum "Erzfeind" Russland. In diesem Jahr hat der bevorstehende Gedenktag eine besondere Bedeutung: Seit am 24. April 1915 die Massaker mit der Festnahme und Deportierung armenischer Intellektueller, vor allem in Istanbul, begannen, sind 100 Jahre vergangen. Die Debatte um die damaligen Ereignisse ist auf armenischer Seite geprägt vom Trauma der Verfolgungen. Auf türkischer Seite schwingt Paranoia mit. Immer noch hadert die Türkei mit diesem dunklen Kapitel ihrer Vergangenheit. Man versucht, die Tragödie auszublenden und kleinzureden. Das beginnt schon bei den Zahlen: Nicht 1,5 Millionen Menschen, wie von armenischer Seite behauptet, seien ums Leben gekommen, sondern allenfalls 200.000, und nicht durch Verfolgung, sondern infolge von "Krankheit und Kriegswirren", heißt es. Die historische Altlast überschattet die Beziehungen beider Länder. Die 270 Kilometer lange armenisch-türkische Grenze ist geschlossen, es gibt keine diplomatischen Beziehungen. 2008 besuchte der damalige türkische Präsident Abdullah Gül zwar Armenien. Man sondierte eine Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen und eine Öffnung der Grenze. Doch daraus wurde nichts - vor allem wegen des ungelösten Streits um die Ereignisse im Ersten Weltkrieg.

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Dokument erstellt am 2015-04-16 18:08:08
Letzte ─nderung am 2015-04-23 16:11:09



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