• vom 23.04.2015, 17:43 Uhr

Armenier Hintergrund

Update: 24.04.2015, 22:18 Uhr

Armenien

"Hier haben wir gelebt"




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Von WZ-Korrespondent Frank Nordhausen

  • 100 Jahre nach dem Armenier-Genozid hat die Türkei Angst vor Reparationsforderungen. In Diyarbakir haben sich nach dem
  • Ersten Weltkrieg wieder tausende Armenier niedergelassen. Heute bekennen sich nur 15 oder 20 zu ihren Wurzeln.

Ergün Ayik, rechts das Bild seiner Großmutter, zeigt Grundbuchauszüge für die Felder in Lice. - © reuters/Frank Nordhausen

Ergün Ayik, rechts das Bild seiner Großmutter, zeigt Grundbuchauszüge für die Felder in Lice. © reuters/Frank Nordhausen

Istanbul/Diyarbakir. "Hier haben wir gelebt, der Erker war unser Wohnzimmer, unten waren Küche, Bad und Lagerräume", sagt Ergün Ayik und deutet auf die Ruine des alten Steinhauses in der Altstadt der Millionenmetropole Diyarbakir im kurdischen Südosten der Türkei. "Alle Häuser in dieser Gasse waren einmal Eigentum von Armeniern. In einer blühenden Stadt. Nun schauen Sie sich an, wie es heute aussieht!" Nicht gut, kann man sagen. Die meisten Häuser sind verfallen, mit hässlichen Anbauten versehen, die Dächer renovierungsbedürftig. Nur gegenüber dem baufälligen Wohnhaus, da ist ein kleines Wunder zu bestaunen: die perfekt restaurierte St. Giragos-Kathedrale, deren Grundmauern auf das 14. Jahrhundert zurückgehen. Die einzige intakte von einst 13 armenischen Kirchen in der Stadt. Ergün Ayik, ein sehr ernster, kleiner Mann mit einem melancholischen Zug um die Augen, hat wesentlich dafür gesorgt, dass die alte armenische Hauptkirche Diyarbakirs neu erstanden ist, mit Geld der Stadt, vor allem aber mit Spenden der weltweiten armenischen Diaspora.


Der 71-jährige Vorsitzende der Armenierstiftung von Diyarbakir führt seinen Besucher ins Innere dieser größten armenischen Kirche im Nahen Osten. "Sieben Altäre, das ist einzig in der Welt", sagt Ayik in gutem, etwas altmodischem Deutsch, das er auf dem Deutschen Gymnasium in Istanbul lernte. Er lässt den hohen Sakralraum auf den Besucher wirken. "Diese Kirche wird wieder von uns genutzt, von den letzten Armeniern in Diyarbakir."

In der Nacht zu Freitag wird in der St. Giragos-Kathedrale ein Konzert zum hundertsten Gedenken des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich abgehalten. Wie in Diyarbakir wird dann weltweit des 24. Aprils 1915 gedacht, als die Regierung rund 250 armenische Intellektuelle und Gemeindevorsteher verhaften ließ. Anschließend wurden hunderttausende Armenier aus ihren Häusern in Anatolien getrieben und gezwungen, hunderte von Kilometern in die Wüste des heutigen Syriens zu marschieren. Nach Schätzungen westlicher Historiker starben zwischen 1915 und 1918 bis zu 1,5 Millionen Armenier im Osmanischen Reich durch Entkräftung, Hunger oder Massaker.

21 Staaten bezeichnen die Ereignisse inzwischen als Genozid - nicht die Türkei, wo der Völkermord offiziell mit "die Ereignisse von 1915" umschrieben wird. "Die Türkei hat Angst, dass die Armenier ihr Eigentum zurückfordern und sie Reparationen zahlen muss", sagt Ayik. "Dabei ist die Sache einfach: Zwei Millionen Armenier waren früher hier, warum sind sie weg? Wer verlässt einfach so sein Vaterland?"

"Gesammelt und verschleppt"
In der Provinzhauptstadt Diyarbakir lebten damals rund 40.000 Menschen, die Hälfte von ihnen Armenier. Ergün Ayik berichtet sachlich vom Grauen der Deportationen: "1915 wurden die Armenier gesammelt und verschleppt, mit der vollen Absicht, sie zu ermorden. Ihr Besitz wurde geraubt, ihre Häuser von Kurden besetzt. Nur etwa fünf Prozent der Armenier aus Diyarbakir kehrten zurück." Weil die Stadt für sie als halbwegs sicher galt, ließen sich 5000 bis 6000 Überlebende des Völkermords aus ganz Anatolien nach dem Ersten Weltkrieg wieder in Diyarbakir nieder. Viele konvertierten zum Islam, weil sie als Christen ständigen Anfeindungen ausgesetzt waren. Viele erklärten ihren Kindern erst am Ende ihres Lebens, dass sie Armenier seien. Einige sagten es ihnen nie. Vor fünf Jahren hätten sich in Diyarbakir genau zwei Menschen, ein Ehepaar, öffentlich dazu bekannt, christliche Armenier zu sein, sagt Ayik. "Heute sind es 15 bis 20 Leute, aber alles Alte. Andererseits gibt es einige Tausend, die von sich sagen, dass sie Armenier sind, aber zum muslimischen Glauben konvertierten."

Die fünf Brüder seiner Großmutter väterlicherseits wurden ebenso ermordet wie der Großvater und dessen fünf Geschwister. "Alle tot", sagt Herr Ayik mit seiner traurigen Stimme. Seine Großmutter hat in der Kleinstadt Lice rund 50 Kilometer nordöstlich von Diyarbakir wie durch ein Wunder überlebt. "Sie kannte sich mit Naturheilkunde aus, sie wurde gebraucht, deshalb konnte sie am Leben bleiben." Auch zwei Schwestern seiner Großmutter retteten sich, indem sie Türken heirateten und Muslime wurden. Sie waren die einzigen erwachsenen Überlebenden in Lice. Sonst kamen nur einige Kinder davon, darunter Ayiks Vater, der damals drei Jahre alt war. "Wir hatten 15 große Felder in Lice, alle wurden uns genommen", sagt Ayik.

Während Ayiks Großmutter in Lice blieb, zog der Vater, als er erwachsen war, nach Diyarbakir, wo er das Haus gegenüber der Kathedrale kaufte und ein Kleidergeschäft aufmachte. 1952 entschied der Vater, mit seiner Familie nach Istanbul zu gehen. Viele christliche Armenier zogen im Lauf der Zeit an den Bosporus, weil sie in Diyarbakir auf der Straße angepöbelt wurden. "Armenier" gilt in der Türkei heute noch als Schimpfwort. Ergün Ayik übernahm in Istanbul später den Lederhandel seines Vaters und wurde wohlhabend damit. Gleichzeitig engagierte er sich in der armenischen Gemeinde. Seit 20 Jahren ist er Vorsitzender einer der offiziell anerkannten kirchlichen armenischen Stiftungen, die lange Zeit als Einzige befugt waren, armenisches Restvermögen in der Türkei zu verwalten.

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Dokument erstellt am 2015-04-23 17:47:07
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