• vom 10.09.2015, 17:19 Uhr

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Update: 10.09.2015, 17:26 Uhr

Flüchtlingskapazitäten

Der deutsche Abacus




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  • Deutschland nimmt in der Flüchtlingsfrage eine Vorbildrolle ein - doch wann stößt es an seine Grenzen?

Königsteiner Schlüssel 2015

Königsteiner Schlüssel 2015© Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Königsteiner Schlüssel 2015© Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Wien/Berlin. (red/dab) Innerhalb der EU wurden im ersten Halbjahr 2015 rund 417.000 Asylanträge gestellt, errechnet die Medienservicestelle MSNÖ.

Deutschland hat davon bereits fast die Hälfte, nämlich 180.000 Asylsuchende, aufgenommen. Bis Jahresende rechnet die deutsche Bundesregierung mit 800.000 Flüchtlingen. Alleine in München sind seit Anfang September rund 33.000 Asylwerber eingetroffen - so viele wie im ganzen Jahr 2014.

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Doch wie viele Flüchtlinge kann Deutschland aufnehmen? Es ist eine Frage, die angesichts des anhaltenden Flüchtlingsstroms in die Bundesrepublik immer öfter gestellt wird.

"Ich glaube, dass wir mit einer Größenordnung von einer halben Million für einige Jahre sicherlich klarkämen", sagte SPD-Chef und Vizekanzler Sigmar Gabriel in einem ZDF-Interview. So viele Flüchtlinge könne man pro Jahr aufnehmen - vielleicht seien sogar mehr möglich, so Gabriel. Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündete vergangene Woche: "Wir schaffen das!" Migrationsforscher sind sich über allerdings Deutschland Kapazitätsgrenzen uneinig.

Gabriels Aussagen der 500.000 pro Jahr seien ehrgeizig, sagt Dietrich Thränhardt. Der emeritierte Professor für Migrationsforschung der Universität Münster hält derzeit die lange Dauer der Asylverfahren für das größte Hindernis.

"Mein Gefühl ist, 200.000 bis 300.000 pro Jahr kann Deutschland sehr gut aufnehmen", meint Migrationsforscher Wido Geis vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. Nur wenn sehr stark in die Integration der Menschen investiert werde, seien auch 500.000, unter denen sich möglicherweise auch viele Niederqualifizierte befänden, möglich.

Auch die Verteilung von Asylwerbern auf die deutschen Bundesländer ist nicht unumstritten. Sie erfolgt nach dem Königsteiner Schlüssel. Je größer die Bevölkerungszahl und das Steueraufkommen des einzelnen Landes ist, desto mehr Asylwerber muss es aufnehmen. Kritiker bemängeln, dass der Königsteiner Schlüssel einerseits nicht Mietpreise und Arbeitslosenquote berücksichtige. Anderseits verhindere die Regelung die rasche Zusammenführung von Familien, die auf der Flucht getrennt wurden.

Zudem regelt der Schlüssel nur die Verteilung auf die Bundesländer, nicht auch jene auf die einzelnen Kommunen und Kreise. So verteilt Hessen nach Ausländeranteil und Einwohnerzahl, während Baden-Württemberg ausschließlich die Bevölkerungszahl der Kreise berücksichtigt.

Baden-Württemberg musste am Mittwoch kurzfristig die Aufnahme neuer Flüchtlinge stoppen. Grund dafür war die Überlastung der Aufnahmeeinrichtungen - das Land sei aufgrund der tausenden von neuen Flüchtlingen an die Grenzen seiner Kapazitäten gestoßen, sagte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Seit Donnerstagnachmittag werden wieder Flüchtlinge aufgenommen.

Dänemark öffnet Grenzen
Am Donnerstag hat Dänemark seine Grenzübergänge nach Deutschland wieder geöffnet - dänische Behörden hatten am Mittwoch Züge mit Flüchtlingen an Bord gestoppt und Grenzübergänge zu Deutschland geschlossen. Rund 3200 Flüchtlinge sind seit Sonntag in Dänemark angekommen - 670 hätten um Asyl in Dänemark angesucht, sagte der dänische Ministerpräsident Lars Lökke Rasmussen. Die meisten Flüchtlinge wollen nach Schweden, das für seine liberale Asylpolitik bekannt ist. In Dänemark regiert seit Sommer eine Minderheitsregierung unter Führung der Rechtsliberalen, die von der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei toleriert wird.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-09-10 17:23:04
Letzte Änderung am 2015-09-10 17:26:46



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