• vom 28.08.2017, 09:09 Uhr

Autostopp

Update: 29.08.2017, 10:50 Uhr

Autostopp

Die Alternative zum Postbus




  • Artikel
  • Fotostrecke
  • Lesenswert (8)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Matthias Winterer

  • Nicht alle Mitfahrgelegenheiten sind vertrauenswürdig. Eine Anekdote aus Oberösterreich.

Ein Auto fährt an einer Postbus-Haltestelle vorbei. Allzu oft fährt auch der Postbus vorbei. 

Ein Auto fährt an einer Postbus-Haltestelle vorbei. Allzu oft fährt auch der Postbus vorbei. © APAweb / Gert Eggenberger Ein Auto fährt an einer Postbus-Haltestelle vorbei. Allzu oft fährt auch der Postbus vorbei. © APAweb / Gert Eggenberger

Linz. Der Postbus war essenzieller Teil meiner Kindheit und Jugend. Er karrte mich zwölf Jahre lang vom Kuhdorf in die Stadt. Viele Stunden pro Woche starrte ich durch seine Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft. Ich wuchs im Postbus auf. Der Bus wuchs aber nicht mit mir mit. In den ersten Jahren verschwand ich fast in seinen riesigen Sitzen, später musste ich die Beine anwinkeln und die Knie gegen die Rückenlehne vor mir pressen um Platz zu finden. Tagein tagaus las er mich pünktlich und zuverlässiger an einer Bushaltestelle auf und spuckte mich an einer anderen wieder aus. Leider war der Bus der einzig zuverlässige in dieser Partnerschaft. Denn so pünktlich wie er, war ich nur selten. Und so sah ich ihn oft von hinten davonbrausen.

In solchen Fällen gab es zwei Möglichkeiten: Auf den nächsten warten oder – was um Welten verlockender war – Autostoppen. Meine Freunde (ebenfalls oft wenig zuverlässig) und ich entwickelten dabei ein Spiel. Wir versuchten so viel wie möglich über die fahrende Person herauszufinden. Wir löcherten sie mit Fragen, sahen uns im Auto um, versuchten über - am Rückspiegel baumelnde – Fotos und Figürchen, auf Familienstand, sexuelle Vorlieben, Berufe zu schließen. Nach der Fahrt ergänzten wir die detektivisch erlangten Informationen mit frei erfundenen Alltags-Anekdoten und Lebensläufe der Menschen. So entstanden seltsame Zwitterwesen – halb real, halb Phantasie Pubertierender.

Information

Matthias Winterer ist Online-Redakteur der "Wiener Zeitung".

Eines Morgens hielt ein mit Dellen übersäter Opel mit quietschenden Reifen vor der Haltstelle. Unsere Gehirne ratterten. Jeder sponn schon an seiner absurden Version des Fahrers. Dieser erwies sich jedoch als relativ wortkarg. Fragen ignorierte er. Er stierte nur labil und irgendwie schief durch die Windschutzscheibe. Sein Kopf war hochrot, die Atmung schwer. Nach jedem Atemzug erfüllte sich die Luft mit dem säuerlichen Geruch gärender Äpfel. Er interessierte sich offenkundig nicht für uns. Er wollte nicht einmal wissen, wo wir eigentlich hin wollen. Mir kam langsam der Verdacht, der schweigende Mann hatte längst vergessen, nicht alleine im Auto zu sitzen. Doch dann brach er sein Schweigen.

Er drehte sich abrupt zu uns um und schrie: "Seid ihr auch so besoffen wie ich?" Selten hatte ich eine lallendere Stimmt gehört. "Wir müssen hier raus", stotterte ich. "Was?" schrie der Mann. "Wir müssen hier raus", wiederholte ich. So abrupt er sich umgedreht hatte, hüpfte er auf die Bremse. Mit einem Ruck stand der Wagen still. "Aber hier ist doch nichts. Hier sind doch nur Felder", lallte er uns nach. Doch wir hatten das Auto des Todes längst verlassen.

In den Tagen danach war ich immer pünktlich beim Bus.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-16 15:11:42
Letzte ─nderung am 2017-08-29 10:50:38



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Mehrheit der Briten will in EU bleiben
  2. UNO-Sicherheitsrat prüft Resolutionsentwurf
  3. EU-Digitalkommissar will an Netzneutralität festhalten
  4. Selbstversuch im Bitcoin-Fieber
  5. "Kein Punkt oder Beistrich wird geändert"
Meistkommentiert
  1. Nur Israel jubelt
  2. Mehrheit der Briten will in EU bleiben
  3. UNO-Sicherheitsrat prüft Resolutionsentwurf
  4. Selbstversuch im Bitcoin-Fieber
  5. Stabiles Börsen-Debüt von Bitcoin

Werbung




Werbung


Werbung