• vom 29.08.2017, 09:09 Uhr

Autostopp

Update: 29.08.2017, 11:55 Uhr

Autostopp

Oh mon dieu!




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Von Christian Rösner

  • Via Autostoppen nach Paris, um kurz vor der Matura die Französischkenntnisse aufzufrischen - ein waghalsiges Abenteuer.

Autostopper lieben das Gefühl der Freiheit: Unser Redakteur trampte zwei Wochen vor seiner Französisch-Matura nach Paris.  - © APAweb / AFP, Francois Guillot

Autostopper lieben das Gefühl der Freiheit: Unser Redakteur trampte zwei Wochen vor seiner Französisch-Matura nach Paris.  © APAweb / AFP, Francois Guillot

Wien/Paris. Es war 1992, als ich mich kurzfristig dazu entschloss, zwei Wochen vor meiner Französisch-Matura nach Paris zu stoppen, um dort mein Französisch aufzubessern.

Meine Reisebegleiterin hieß Renate. Sie wollte ihrerseits Abstand gewinnen wegen einer enttäuschten Liebe. Und ihre Freundin Sigrid in Paris besuchen - wo wir auch wohnen durften. Wir starteten also in Wien mit einem Fernfahrer, ein Bekannter von Renates Onkel. Er meinte, er könne uns bis nach Straßburg mitnehmen, danach müssten wir uns alleine durchschlagen.

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Christian Rösner leitet das "Wien"-Ressort der "Wiener Zeitung".

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Das war Abenteuer pur. Die Straße und wir. Das Ziel eine fremde Stadt.

Auf halbem Weg gab es plötzlich einen lauten Knall und der Fahrer lenkte den Dreiachser auf den Pannenstreifen. Ein Reifen war geplatzt. Das schien den Fahrer aber nicht weiter zu beunruhigen. Er machte sich sofort ans Werk und wechselte diese riesen Dinger im Handumdrehen.

Als es schon dunkel war, durften wir uns in der Koje hinter dem Fahrer auf's Ohr hauen. Ich schlief schnell ein, wurde jedoch durch ein lautes, pulsierendes Geräusch aus dem Schlaf gerissen. Ich schob den Vorhang beiseite, sah das Armaturenbrett rot blinken, den Fahrer mit dem Kopf über das Lenkrad gebeugt und den Lkw auf die Leitplanke zufahren. Unser Fahrer war eingeschlafen. Ich rüttelte an seiner Schulter, er schreckte auf, riss das Lenkrad nach links und begann zu bremsen. Das war wirklich knapp. Er fluchte, stieg aus, um alles zu überprüfen, stieg wieder ein, goss sich einen Kaffee aus der Thermoskanne ein und setzte den vollbeladenen 40-Tonner wieder in Bewegung.

Nach dem Abschied von unserem Fernfahrer bei einer Autobahnraststation nahe Straßburg wurde uns schnell bewusst, dass man als Mann-Frau-Pärchen nicht so schnell mitgenommen wird. Vor allem nicht, wenn der Mann Motorradstiefel und Lederjacke trägt und Dreadlocks hat. Und die Frau in einer hautengen getigerten Hose unterwegs ist und zu viel Schminke im Gesicht hat. Also streckte nur Renate den Daumen heraus und ich hielt mich im Hintergrund.

Und siehe da: Es blieb jemand stehen. Es war ein weißer Maserati V6 Biturbo. Die Türe ging auf, ein Mann mit arabischer Kopfbedeckung und Galabeya bekleidet stieg auf der Beifahrerseite aus, klappte seine Sitzlehne vor, um Renate hinten einsteigen zu lassen. Renate drehte sich um und zeigte mit ausgestreckter Hand in meine Richtung und ich setzte mich in Bewegung. Zuerst machte der Scheich eine verneinende Bewegung mit seinem rechten Zeigefinger, aber dann rief der andere Mann auf der Fahrerseite: "It's ok, get in".

So saßen wir wenige Augenblicke später einigermaßen verunsichert auf der engen Rückbank des Maseratis mit den Rucksäcken auf unseren Oberschenkeln und hielten beide die Luft an, weil der Fahrer zeigte, welche Kraft in seinem Auto steckte.

An den Smalltalk kann ich mich heute nicht mehr erinnern - ich habe mir nur gemerkt, dass es sich um zwei Geschäftsmänner handelte und sie uns bis nach Reims mitnahmen. Und wie die anderen Autos vor uns - fern am Horizont - zuerst nur vage zu erkennen waren, um wenige Augenblicke später direkt vor der Motorhaube des Maseratis aufzutauchen. Die Tachonadel zwischen 180 und 250 km/h tanzend. Ich habe bis heute absolut keine Ahnung, warum uns die beiden damals mitgenommen haben.

Jedenfalls waren wir heilfroh, lebend aus dem Boliden auszusteigen. Wir suchten uns für den Rest der Strecke nur noch Lkw-Fahrer. Für die Rückfahrt leistete ich mir dann eine Zugfahrt. Vom Roadmovie-Abenteuer hatte ich vorläufig genug.

In Paris blieben wir eine Woche und hatten eine fantastische Zeit. Meinen Französisch-Kenntnissen hatte die Reise zwar nichts gebracht - die Matura habe ich aber trotzdem geschafft, mit Ach und Krach.

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Schlagwörter

Autostopp, Frankreich, Paris

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-17 11:17:58
Letzte ńnderung am 2017-08-29 11:55:32



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