• vom 04.09.2017, 09:09 Uhr

Autostopp


Autostopp

Verkehrstod der Liebe




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Von Franz Zauner

  • Autostopper werden immer auf's Neue zu den Exerzitien der Langsamkeit verdammt.

Wer sich in den Verkehrsstrom wirft, sollte Zeit haben. - © de.fotolia.com , daviles

Wer sich in den Verkehrsstrom wirft, sollte Zeit haben. © de.fotolia.com, daviles

Beim Autostoppen fühlte man sich wie ein Stöckchen im Fluss. Man warf sich in den Verkehrsstrom, und der trug einen fort. Nur mit Glück kam man geradewegs ans Ziel. Mitunter geriet man auf Abwege, in Sackgassen oder wurde weit abgetrieben. Das Tempo war stets unbestimmt, selten ging es schnell, oft genug war man zu den Exerzitien der Langsamkeit verdammt: Warten, vor sich hin dämmern, träumen.

Einmal landeten wir im Auto einer Dame und saßen in den zerschlissenen Plastiksitzen gleich wie auf glühenden Kohlen. Die Dame war mittleren Alters, und das mittlere Alter begann für uns damals ab etwa 25. Sie hatte einen Schulfreund und mich in den Sommerferien auf der Südstrecke aufgelesen. Sie war Jugoslawin, unterwegs in Richtung Jugoslawien. Allerdings sprach sie kein Deutsch, und das war sehr ungewöhnlich damals, in den späten Siebziger Jahren. Sie fuhr sehr konzentriert, doch die Tachonadel kletterte nie höher als bis zur Fünfziger-Marke. Was auch daran lag, dass sie zwar ordentlich Gas gab, aber nur den zweiten Gang benutzte. Und zwar immer.

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Franz Zauner ist Online-Chef der "Wiener Zeitung".

Wenn Sie im zweiten Gang anfuhr, ruckelte zunächst das Auto und dann gleich auch der eigene Kopf. Von außen muss das ausgesehen haben wie eine kollektive Grußübung. Jenseits der Vierziger-Marke schepperten die Ventile erbarmungswürdig, der ganze Motor orgelte und heulte, als hätte er unsägliche Schmerzen. Das einzige Fahrzeug, das wir auf hundert Kilometern überholten, war ein Traktor. Ansonsten bildeten wir ein Verkehrsärgernis, das bei den Überholenden die im Straßenverkehr bis heute üblichen Gesten für den Ausdruck tief empfundener Despektierlichkeit abrief: Auf die Stirne tippen, Faustschwingen, einmal über das Gesicht wischen, hin und zurück. Der gestreckte Mittelfinger kam erst später in Mode. Die Aggressions-Symptomatik hatte vielleicht auch damit zu tun, dass der Wagen ein jugoslawisches Kennzeichen trug, damals galten die Leute jenseits der Südgrenze als Hauptgefahr für die kultivierte österreichische Lebensweise.

Wir haben nicht herausgefunden, warum sie uns mitnahm. Vielleicht wollte sie einfach nicht alleine sein in dem offensichtlich defekten Wagen, während sie so demütigend langsam gen Spielfeld schleichen musste. Vielleicht hatte sie sich auch gedacht, dass es nicht schlecht wäre, zwei Begleiter parat zu haben, falls das Getriebe schmolz und der Wagen geschoben werden musste. Jedenfalls haben wir damals im jugendlichen Gewitzel über das Fahrtempo der Dame einen Spruch geboren, der bei uns nunmehr alten Freunde bis heute zuverlässig ein Lächeln triggert: "Kannst ja aussteigen, wenn dir etwas nicht passt." - "So eilig habe ich es wieder auch nicht."

Ein anderes Mal hatte ich es sehr eilig, denn auf mich wartete eine große Liebe in der Stadt Salzburg. Liebe war damals in der progressiven Jugend der einzig vertretbare Grund, in die Mozartstadt zu eilen. Ich hatte gerade auch eine Beziehung zu Karl Kraus aufgebaut, und bald kannte ich seinen Satz: Hätten die Salzburger von heute Salzburg erbaut, wäre höchstens Linz daraus geworden. Gleich zwei so genannte Landeshauptstädte in einem Satz herabzuwürdigen, das imponierte mir.

Ich hatte es also eilig. Bis Linz ginge es relativ zügig voran, dann nahm die Stadt Rache an meinem Hochmut und schickte mir einen Ford Mustang mit gefühlt einem Hektoliter Hubraum und 99 Ventilen. Der Mustang besteht im Wesentlichen aus Motorhaube mit ein wenig Auto dran, er verspricht Schnelligkeit. Das Gefährt, ein Falstaff der Mobilität, gurgelte locker 25 Liter Treibstoff auf hundert Kilometer herunter und blies die Reste in schwarzen Rauchwolken aus dem röhrenden Auspuff. Er fahre zwar nach Salzburg, sagte mir der Fahrer, ein ergrauter Späthippie, müsse aber zunächst tief im Oberösterreichischen noch ein Paket abliefern und deshalb einen kleinen Umweg machen. Wenn mir das nichts ausmache, könne ich mit. Der kleine Umweg dauerte Stunden, denn auch der Mustang trabte nur dahin, einen Galopp wollte der Fahrer, ein Apologet des Gleitens und bekennender Gegner des Hetzens, seinem Gefährt nicht antun. Der Motor dröhnte wie ein Schiffsdiesel, aus den ausgeleierten Lautsprechern krächzte das in Kassetten gespeicherte Gesamtwerk von Credence Clearwater Revival (CCR). (Für die später Geborenen: Kassetten, das waren kleine Magnetbänder in Plastikgehäusen, die dazu neigten, sich im Abspielgerät zu unentwirrbaren Girlanden zu verheddern.) Seine Lieblingssongs spielte er mehrmals. Bis heute bekomme ich die Liedzeile nicht aus dem Ohr: Long as I can see the light. Yeah. Yeah. Yeah. Oh yeah.

Dazu stelle man sich das durchdringende Tuckern des 99-Zylinders vor und die langsam, sehr langsam vorbeiziehende Landschaft, kontrastiert von der zürnenden, weil wartenden Göttin in meinem Geiste. Damals gab es keine Mobiltelefone, wenn man nicht kam, war der Rest Schweigen. Irgendwo zwischen Vöcklabruck und Straßwalchen hörte mein Gasfuß auf, beschwörend auf die Bodenplatte zu treten, der Mustang wurde einfach nicht schneller. Ich entspannte mich und schlief ein.

Als Salzburg schlussendlich am Horizont auftauchte, war es schon dunkel. Die Freundin interpretierte meine Verspätung nicht als höhere Gewalt, ausgeführt in Zeitlupe, sondern als Desinteresse. Autostoppen galt nicht nur als chic, es galt auch als schnell. In den Worten von CCR: Sweet hitch-a-hiker, won't you ride on my fast machine? Die Beziehung hielt nicht lange.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-24 13:43:44
Letzte ─nderung am 2017-08-28 09:00:52



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