
Die Brüder Paolo (80) und Vittorio (82) Taviani drehen seit Jahrzehnten Filme zusammen, darunter auch stark politische Werke. Für ihre neueste Arbeit "Caesar muss sterben", die am Samstagabend mit dem Goldenen Bären der 62. Berlinale ausgezeichnet wurde, gingen die beiden Italiener in den Hochsicherheitstrakt des Rabibbia Gefängnisses in Rom, um mit den Insassen Shakespeares "Julius Caesar" zu inszenieren. Im Zuge der Proben übertragen die Insassen die Theaterdialoge auf ihren Alltag, es entsteht ein Gefängnisdrama der anderen Art.
"Wiener Zeitung": Was machte die Mischung zwischen Dokumentation und Fiktion zur geeignetsten Darstellungsform für diesen Film?
Paolo Taviani: Wir unterscheiden selbst gar nicht so gerne zwischen Dokumentarfilm und Film. Wichtig ist einfach, dass der Film eine eigene Identität hat und auf seine eigene Art und Weise atmet. Wir suchen immer eine Art Abenteuer, wenn wir einen Film machen, denn wir wollen dabei Neues entdecken, sonst wäre es verschwendete Zeit. Dieser Film war überhaupt speziell, denn der Mensch als Wesen ist sehr komplex, erst recht unter Bedingungen wie in einem Gefängnis. Eine Freundin hatte uns von der Theatergruppe des Rabibbia-Hochsicherheitstrakts erzählt. Wir gingen etwas widerwillig zu einer Vorstellung – und waren wie weggeblasen, so etwas hatten wir noch nie gesehen. Diese Insassen, allesamt Mafiabosse oder sonstige Schwerverbrecher, leben dort ein Nicht-Leben; doch sie inszenierten auf dieser Bühne das Leben mit solcher Kraft. Obwohl es ihnen in ihren Zellen ja verschlossen ist. Wir wollten einen Film machen, der sowohl die Schönheit als auch die Tragik ausdrückt, die diese Insassen durch die Berührung mit Kunst erfahren.
Was ist der Stellenwert von Kunst, gerade für Menschen in Extremsituationen?
Vittorio Taviani: Der Satz, den der Darsteller von Cassius sagt, wenn er in seine Zelle zurückmuss, drückt alles aus: "Erst seit ich weiß, was Kunst ist, wurde diese Zelle wirklich zum Gefängnis." Wir haben diesen Satz nicht für ihn geschrieben. Kunst ist gespeist aus freiem Willen oder dem Kampf dafür. Sie hilft, etwas besser zu verstehen, aber vor allem diesen Männern hat die Berührung mit Kunst geholfen, zu verstehen, was sie verloren haben. Das ist vielleicht die härteste Strafe. Es ist sehr grausam, die Schönheiten und den Reichtum der Kunst zu entdecken, aber zur selben Zeit wissen zu müssen, nie komplett Teil davon sein zu können. Dieses Bewusstsein führte bei einigen der Mitwirkenden zu einer Selbsterkenntnis, die wohl schmerzhaft war.
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