• vom 19.07.2012, 15:36 Uhr

Beschneidung

Update: 19.07.2012, 15:49 Uhr
  • Artikel
  • Kommentare (33)
  • Lesenswert (12)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Gastkommentar

Wider den atheistischen Fundamentalismus


Von Thomas Schmidinger

  • Die männliche Beschneidung wird von den "neuen Atheisten" dazu missbraucht, Juden und Muslime zu diabolisieren.

Thomas Schmidinger ist Politikwissenschafter an der Universität Wien, toleranter Atheist und glücklich beschnitten.

Thomas Schmidinger ist Politikwissenschafter an der Universität Wien, toleranter Atheist und glücklich beschnitten. Thomas Schmidinger ist Politikwissenschafter an der Universität Wien, toleranter Atheist und glücklich beschnitten.

Das Urteil des Kölner Landesgerichts, das in einem Einzelfall die Vorhautbeschneidung eines muslimischen Knaben als Körperverletzung gewertet hat, wurde auch in Österreich von fundamentalistischen Atheisten dazu benutzt, für ein Verbot dieser im Judentum am achten Tag nach der Geburt religiös vorgeschriebenen und im Islam ebenfalls praktizierten harmlosen Praxis einzutreten. Eine fachgerecht durchgeführte Beschneidung hat keinerlei sexuelle oder gesundheitliche Nachteile und wird von der WHO gegen Peniskrebs und Gebärmutterhalskrebs bei der Partnerin und für manche Regionen der Welt sogar gegen HIV empfohlen.

Werbung

Jene, die den Staat zum Einschreiten gegen die Religionsfreiheit religiöser Minderheiten auffordern, interessieren allerdings diese Fakten nicht. Ihr "neuer Atheismus" hat mit dem historisch mit der Arbeiterbewegung und der Aufklärung verbundenen Atheismus nur noch wenig zu tun. Dieses Freidenkertum war primär Herrschaftskritik, insbesondere Kritik an der in vielen Teilen Europas immer noch vorhandenen Verbindung von politischer Herrschaft und bestimmten Staatskirchen. Es sah seinen Kampf gegen die unselige Verquickung von politischer und religiöser Macht als Teil eines Kampfes um eine allgemeine Emanzipation, die letztlich auch diskriminierten religiösen Minderheiten zugute kommen sollte.

In den USA, wo Staat und Religion von Anfang an konsequent getrennt waren, was auch das Paradoxon erlaubte, dass der Staat wesentlich säkularer, die Gesellschaft aber wesentlich religiöser blieb als in Europa, war ein solcher Atheismus nicht notwendig. Mit dem Angriff evangelikaler FundamentalistInnen auf die Naturwissenschaften, insbesondere auf Darwins Evolutionstheorie, der seit den 1980ern an Intensität gewann, setzte aber auch in den USA eine atheistische Gegenbewegung zum evangelikalen Fundamentalismus ein, die primär von Liberalen und Evolutionsbiologen getragen war und nichts mit dem herrschaftskritischen Atheismus gemeinsam hatte. Dieser Atheismus bildete eher eine antitheistische Religion, deren Vertreter mit Methoden aus den Naturwissenschaften zu "beweisen" versuchten, dass es keinen Gott gibt, und damit nur den Versuch evangelikaler Fundamentalisten kopierten, mit der Bibel gegen die Evolutionstheorie zu argumentieren. Zu Recht kritisieren dies Wissenschaftsphilosophen wie Michael Ruse seit Jahren als unwissenschaftliche Grenzüberschreitungen. Seriöse Evolutionsbiologen wie Michael Zimmerman weisen seit langem auf die negativen Folgen für die Verankerung der darwinschen Evolutionstheorie im US-Schulunterricht hin.

Bei uns hat sich dieser neue Atheismus auf Juden und Muslime eingeschossen und knüpft dabei auch an jahrhundertealte antisemitische Stereotype von angeblich blutrünstigen und archaischen Praktiken dieser Religionen an. Es wird Zeit, dass jene Atheisten, die wissenschaftliche Erkenntnisse wichtiger finden als Kastrationsängste, klar und deutlich für die Verteidigung der Religionsfreiheit eintreten, um der weiteren Diabolisierung von muslimischen und jüdischen Eltern etwas entgegenzusetzen.




33 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-07-19 15:41:07
Letzte Änderung am 2012-07-19 15:49:01


Werbung



Beliebte Inhalte



Wien. Wildwest-Szenen in Wien-Alsergrund: Ein am Vortag fristlos entlassener Mann kehrte Donnerstag früh in seine Firma in Wien-Alsergrund zurück und...weiter
  • 17
  • Update vor 26 Min.

20.000 Obdachlose leben allein auf den Straßen Athens. - APAweb / EPA / Orestis Panagiotou
  • Wer arbeitslos wird, landet schnell auf der Straße.
  • weiter

Blumen geschockter Anrainer in der Nähe des Tatortes. Noch sind die Motive der Angreifer unklar. Sicher ist, dass sie schockieren und Angst verbreiten wollten. Da wir dies nicht unterstützen wollen, finden Sie hier keine bluttriefenden Bilder. (red/ja) - Foto: apaWeb / EPA - Arrizabalaga
  • Mutige Frau verwickelte Täter in ein Gespräch.
  • weiter

  • Neue Regierung will Verhandlungen mit Brüssel nicht fortsetzen.
  • weiter

"Bevor uns das Rohöl ausgeht, geht uns das Wasser aus" , ist Brabeck-Letmathe überzeugt. - dpa
  • Spitzenmanager über Europas Defizite und emotionale Debatten.
  • weiter

Haben die Wiener Senioren mehr Weitblick als die eigene Partei? - Rösner
  • Die "rote Basis" macht Urlaub - und schimpft über die (grüne) Stadtpolitik.
  • weiter

Schütze Bosko Rasovic trainiert fünfmal pro Woche. S. Jenis
  • Rund 24.000 Wiener haben eine Waffenbesitzkarte.
  • weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter





Nach Sony (PlayStaion 4) und Nintendo (WiiU) hat nun auch Microsoft seine Vision der zukünftigen Spielkonsolenwelt vorgestellt. Kinect Group Program Manager Scott Evans demonstrierte bei der Präsentation der "Xbox One" gleich einmal den neuen Kinect-Sensor, der nun nicht mehr als Zubehör erhältlich sein wird, sondern fix im Lieferumfang enthalten sein wird.

Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York. Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

Werbung