• vom 26.01.2015, 16:39 Uhr

Boko Haram

Update: 26.01.2015, 18:06 Uhr

Sachbuch

Afrika auf Asiens Spuren




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Von Christian Ortner

  • Ein deutscher Journalist beschreibt Afrika jenseits der Klischees von Armut und Elend - als stark wachsenden, optimistischen und die Lebenschancen seiner Bewohner verbessernden Kontinent.

Okey Bakassi ist ein Star von "Nollywood".

Okey Bakassi ist ein Star von "Nollywood".© Chinedu Okpara/Demotix/Corbis Okey Bakassi ist ein Star von "Nollywood".© Chinedu Okpara/Demotix/Corbis

Boko Haram, Ebola, Hunger, Elend, Bürgerkrieg - so wird Afrika im Westen grosso modo wahrgenommen, vielleicht noch garniert mit ein bisschen Busch-Romantik à la "Out of Africa".

Ein ganz anderes, viel weniger bekanntes Afrika beschreibt, für den Laien etwas überraschend, in einem sehr lesenswerten Buch der deutsche Publizist Christian Hiller von Gaertringen, im Hauptberuf Wirtschaftsredakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Es ist das Afrika des beeindruckenden Wirtschaftswachstums, das weit über jenem Europas oder der USA liegt, das Afrika von erstaunlichen Unternehmer-Karrieren schwarzer Milliardäre, das Afrika mit den modernsten Mobil-Kommunikationsnetzen - und vor allem ein Afrika, in dem sich eine Mittelschicht leidlich wohlhabender Menschen herausgebildet hat, die optimistisch in die Zukunft sehen.

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"Afrika ist das neue Asien", behauptet der Autor des gleichnamigen Buches, was zwar angesichts des noch immer immensen Wohlstandsgefälles zwischen etwa China und den meisten afrikanischen Staaten etwas übertrieben erscheint, aber als Zukunftsperspektive verstanden sicher vertretbar ist.

Die Löwen jagen die Tiger
"Das Image von Afrika", meint Gaertringen, "ist heute schlechter als die Realität". Tatsächlich wächst die Wirtschaft der 54 Staaten des afrikanischen Kontinents seit vielen Jahren im Durchschnitt um 5 Prozent pro Jahr, ein Wert, von dem Österreich oder Deutschland nur träumen kann. Einzelne Staaten kommen sogar noch besser voran: Für Ghana, Äthiopien und Ruanda prognostiziert die OECD in den kommenden Jahren Wachstumsraten von 8 bis 10 Prozent, ganz wie das in den Boom-Jahren der asiatischen Tigerstaaten zu beobachten war. Die afrikanischen Löwen beginnen, die asiatischen Tiger zu jagen.

Eine der Ursachen dieses Erfolges liegt in einer ziemlich deutlichen Verbesserung der Rahmenbedingungen, unter denen Unternehmer in Afrika werken müssen. Rechtsstaatlichkeit, Bürokratieabbau, Unternehmerfreundlichkeit sind in vielen Staaten des schwarzen Kontinents deutlich vorangekommen. Ruanda, noch vor zwei Dekaden in blutige Bürgerkriege verstrickt, liegt im jüngsten "Doing-Business"-Ranking der Weltbank hinsichtlich der Attraktivität für Investoren noch vor Italien.

Und Afrikas Unternehmer nutzen die Chancen, die sich daraus ergeben, durchaus. Gaertringen hat viele von ihnen persönlich getroffen. Gerade die Mängel und Unzulänglichkeiten, mit denen die meisten von ihnen in ihrer Kindheit zu kämpfen hatten, habe sie zu besonders findigen, kreativen und daher wettbewerbsfähigen Entrepreneuren geformt und ihnen zu teils erheblichem Wohlstand verholfen: 55 Milliardäre und 2500 Millionäre leben derzeit im Afrika südlich der Sahara.

Dass viele von ihnen mit zweifelhaften Methoden reich geworden sind, merkt der Autor ebenso an wie das Entstehen einer neuen Unternehmerklasse, die sich an das Recht hält und diese Rechtsstaatlichkeit auch von der jeweiligen politischen Klasse einfordert. Die Korruption sei zwar noch immer allgegenwärtig, trotzdem aber eindeutig im Rückzug begriffen.

"Nollywood" im Aufwind
Der Autor beschreibt plastisch - und vergnüglich zu lesen - afrikanische Erfolgsgeschichten, die im Westen nur Experten kennen dürften, vor allem aus der Telekommunikation, dem Handel, dem Bankgeschäft oder sogar der Filmbranche. So verkauft etwa die legendäre Brauerei "Guinness" in Nigeria mehr vor Ort produziertes Bier als in der irischen Heimat, in Afrika entwickelte Zahlungssysteme für den Mobilfunk entwickeln sich zum Export-Hit, und auch die Textilindustrie kommt, dank der traditionellen afrikanischen Kreativität, gut voran.

Derer bedient sich auch eine andere Branche mit großem Erfolg: "In Nigeria ist mit Nollywood eine echte Industrie entstanden, die es mit dem Original Hollywood und der indischen Version Bollywood in vieler Hinsicht aufnehmen kann." Mit derzeit rund 2000 Produktionen pro Jahr dürfte Nigeria, jedenfalls rein quantitativ, die USA bereits überholt haben.

Ein alles in allem faszinierender und bereichernder Blick auf Afrika jenseits der hier handelsüblichen Klischees, der nur unwesentlich darunter leidet, dass der Autor gelegentlich redundant erzählt und nicht immer so kompakt und dicht schreibt, wie das im Sinne des Lesers angemessen wäre.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-01-26 16:41:05
Letzte ─nderung am 2015-01-26 18:06:18



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