• vom 20.05.2016, 17:05 Uhr

Boko Haram

Update: 20.05.2016, 18:18 Uhr

Nigeria

Armes Land trotz Ölreichtum




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ Online/APA

  • Interreligiöse Konflikte, ungleich verteilte Ölprofite und Korruption.

Sprachen in Nigerien.

Sprachen in Nigerien.© Creative Commons - Ulamm, using data from Ethnologue Sprachen in Nigerien.© Creative Commons - Ulamm, using data from Ethnologue

Abuja/Wien. Nigeria ist eines der ärmsten Länder der Welt. Das westafrikanische Land liegt im Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index, HDI) der Vereinten Nationen auf Platz 153 von insgesamt 187 Ländern. Rund 70 Prozent der rund 177 Millionen Einwohner leben unter der Armutsgrenze. Und das, obwohl das bevölkerungsreichste Land Afrikas zu den Top Ten der Erdölexporteure weltweit zählt.

Nigerias Anteil an der weltweiten Ölförderung betrug 2012 2,8 Prozent, mit 116,2 Millionen Tonnen gefördertem Öl belegte das Land Platz 12. In der Statistik der größten Erdölreserven liegt der 1971 der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) beigetretene Staat auf Platz elf mit einem weltweiten Anteil von 2,3 Prozent.

Trotzdem arm

Die reichen Ölvorkommen und Einkommen durch deren Export konnten aber bisher nicht zur Beseitigung der Armut genutzt werden. Nigerias Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf beträgt etwa 2.600 US-Dollar (2318 Euro) - im Vergleich dazu: Österreichs BIP/Kopf beträgt 42.600 US-Dollar.  Mehr als Hälfte der Bevölkerung lebt in extremer Armut (weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag). Die Landwirtschaft ist nicht in der Lage den eigenen Bedarf auch nur annähernd zu decken.

Nicht nur, dass die Entdeckung des Erdöls Mitte bis Ende der 1950er Jahre zu Kämpfen zwischen den Volksgruppen im Nigerdelta im Südosten des Landes führte. Seither sind nach Expertenmeinungen rund zwei Millionen Tonnen Rohöl in das Ökosystem geflossen und verursachten eine ökologische Katastrophe sondergleichen, denn das Nigerdelta verfügt über die größte Biodiversität Nigerias. Neben Flora und Fauna leiden auch die Menschen, deren Lebensgrundlage und Nahrungsmittelsicherheit massiv gefährdet werden. Dass die Einnahmen aus der Ölförderung nur selten wirklich der lokalen Bevölkerung zugutekommen, sondern in den Taschen internationaler Öl-Multis landen, ist aus Sicht von Entwicklungshilfeorganisationen nicht minder schlimm.

Herausforderung: Vielvölkerstaat

Aber auch seine multiethische Gesellschaftsstruktur stellt Nigeria immer wieder vor Herausforderungen. Wie viele andere afrikanische Staaten existiert die Präsidiale Republik in Grenzen, die von europäischen Kolonialherren gezogen wurden, ohne Naturräume, kulturelle, sprachliche und ethnische Gegebenheiten zu berücksichtigen. So wurden ein Vielvölkerstaat mit Hausa, Yoruba und Igbo (Ibo) als größte Volksgruppen und die folgenreiche Spaltung in den mehrheitlich muslimischen Norden und dem vom Christentum und regionalen Religionen geprägten Süden einzementiert. Derzeit leben in Nigeria mehr als 250 ethnische Gruppen, wobei Hausa und Fulani (29 Prozent) die einflussreichsten und größten sind, gefolgt von Yoruba mit 21 Prozent und Igbo (Ibo) mit 18 Prozent.

Konflikte um wirtschaftlichen und politischen Einfluss im Staat sowie der Zugang zu Acker- und Weideland im Norden führten in der Vergangenheit immer wieder zu Unruhen. Erst in den vergangenen Jahren haben diese eine religiöse Komponente bekommen. Seit etwa fünf Jahren versetzt allen voran die islamistische Sekte "Boko Haram" ("Westliche Erziehung ist Sünde") mit ihren Terroranschlägen das gesamte Land in Angst und Schrecken. Vor rund drei Wochen entführte die Terrorgruppe mehr als 200 Schülerinnen, von denen seither jede Spur fehlt.

Im Ausnahmezustand

Angesichts der regelmäßigen Anschläge verhängte Präsident Goodluck Jonathan in den nördlichen Bundesstaaten Borno, Yobe und Adamawa den Ausnahmezustand. Auch ein Großteil der westlichen Regierungen - darunter Österreich - warnt ausdrücklich vor Reisen in diese Teile Nigeria.

Die Armut im Widerspruch zum Ölreichtum des westafrikanischen Landes lässt sich also zum einen durch seit Jahren und Jahrzehnten schwelende soziale, ethnische und konfessionelle Konflikten um politischen und wirtschaftlichen Einfluss erklären, die den Fortschritt Nigerias verhindern. Zum anderen gibt es außer dem Ölgeschäft keine nennenswerten anderen Wirtschaftsbereiche. Die Öl-und Gasgewinne sind für rund 80 Prozent des Haushaltes und mehr als 90 Prozent der Exporteinnahmen verantwortlich. Korruption - laut Transparency International (TI) liegt Nigeria beim "Korruptionswahrnehmungsindex" (CPI 2014) an 136. Stelle (von 174) - und fehlgeleitete Politik tut ihr übriges.

Werbung



Schlagwörter

Nigeria, Boku Haram, Ölförderung

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-03-17 12:09:02
Letzte nderung am 2016-05-20 18:18:54



Afrika

Terror und Armut in Afrika

In Somalia herrscht Krieg. reuters/F. Omar Wien. Auch im subsaharischen Afrika gibt es derzeit jede Menge Krisenherde, die die Leute zur Flucht zwingen: Im Osten des Kongos gibt es brutale... weiter




Nigeria

Boko Haram schlägt zurück

Abuja/Wien. (klh) Es war wohl kein Zufall, dass die islamistische Terrorsekte Boko Haram ausgerechnet jetzt, wenige Tage vor der Präsidentenwahl in... weiter




Boko Haram

Wahloffensive

Lagos/Wien. Es waren Bilder, die in Nigeria für Ärger sorgten. Soldaten bewachten großflächige Werbeplakate für Präsident Goodluck Jonathan... weiter





Werbung




Twitter Wall


Im Camp Ngala leben 50.000 Flüchtlinge.

Ein gerettetes Chibok-Mädchen mit ihrer Tochter am Arm, deren Vater ein Boko Haram Kämpfer ist. Dieser verhaftete Mann soll für Boko Haram gekämpft haben. Die Dschihadisten geraten zusehends in Bedrängnis.



Werbung


Werbung