• vom 31.01.2017, 22:31 Uhr

Boko Haram


Nigeria

Nach Boko Haram kommt der Hungertod








Von Jürgen Bätz

  • In den Dörfern im Nordosten Nigerias sind Kleinkinder die ersten, die verhungern.

Im Camp Ngala leben 50.000 Flüchtlinge.

Im Camp Ngala leben 50.000 Flüchtlinge.© WFP/Amadou Baraze. Im Camp Ngala leben 50.000 Flüchtlinge.© WFP/Amadou Baraze.

Abuja. (dpa) In vielen Dörfern sind die Schwächsten schon tot. Es gibt keine Kleinkinder mehr. Erwachsene liegen apathisch auf dem Boden. Wer noch Kraft hat, marschiert tagelang zur nächsten Gesundheitsstation. Etwa 200 Kleinkinder sterben im Nordosten Nigerias täglich an den Folgen des Hungers. Zwar hat das Militär die islamistische Terrororganisation Boko Haram zurückgedrängt. Doch in den nun wieder zugänglichen Gebieten zeigt sich ein Bild des Schreckens.

"Die Menschen kommen nach tagelangen Märschen ausgehungert und durstig bei unserer Klinik an", schildert Frauke Ossig, die Nothilfekoordinatorin der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) im Bundesstaat Borno. "Am schlimmsten ist es, wenn sie erzählen, welche Familienmitglieder sie nicht mitnehmen konnten, weil diese zu schwach zum Laufen waren." MSF betreibt in der Stadt Damboa mit etwa 70.000 Einwohnern seit Juli eine Klinik. "Die Lage war schlimm. Es gab keine Hilfe für die Menschen. Die einzige Gesundheitsstation war bei Kämpfen zerstört worden", sagt Ossig. Zunächst wollte sich MSF dort wie üblich nur auf die ärztliche Versorgung konzentrieren. "Aber dann haben wir gesehen, dass noch viel mehr nötig war. Die Menschen haben keine Eimer, um sich zu waschen, keine Decken zum Schlafen, kein Moskitonetz, kein Trinkwasser."

Im Nordosten Nigerias und in den angrenzenden Gebieten des Niger, Tschad und Kameruns sind laut Vereinten Nationen heuer über sieben Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Rund 2,5 Millionen sind auf der Flucht. Mehr als 500.000 Kinder werden an akuter Mangelernährung leiden - ein lebensgefährlicher Zustand. Es könnten "Hunderttausende sterben", warnt Toby Lanzer, UN-Nothilfekoordinator für die Sahel-Zone.

Für den Hilfseinsatz veranschlagen die UN 2017 Kosten von rund 1,4 Milliarden Euro. Am 24. Februar wird in Oslo eine Geberkonferenz abgehalten. "Wenn die internationale Gemeinschaft jetzt nicht einschreitet, dann wird die Krise noch schlimmer und es wird noch mehr kosten, ihr beizukommen", sagt Lanzer. Er sieht darin auch die Bekämpfung von Fluchtursachen: Wenn Menschen vor Ort keine Zukunft mehr haben, werden immer mehr nach Europa fliehen.

Bis zu 800.000 sitzen fest

Das UN-Kinderhilfswerk geht davon aus, dass ohne adäquate Hilfe heuer täglich rund 200 Kinder an den Folgen des Hungers sterben werden. Unter Fünfjährige haben ein schwächeres Immunsystem und sind besonders anfällig für Krankheiten. In einzelnen Gebieten Bornos gehen Experten davon aus, dass es sich bereits um eine Hungersnot handelt. Doch den UN fehlen aus den kaum zugänglichen Regionen Daten. Daher ist die Rede von einer Hungerkrise der Stufe vier - fünf wäre eine Hungersnot.

Das Gesundheitssystem der Region ist wegen der Gewalt großteils zusammengebrochen. Kleinkinder wurden nicht mehr geimpft, was zu Masern-Epidemien geführt hat. Zudem gab es zwei Jahre nach der vermeintlichen Ausrottung der Kinderlähmung in ganz Afrika in dem Gebiet erstmals wieder Krankheitsfälle.

"Ich habe nie gedacht, dass ich Dörfer sehen würde, in denen es keine zwei, drei oder vier Jahre alten Kinder mehr gibt", erinnert sich Lanzer an seinen Besuch der Region Ende Dezember. "Hier waren keine Kinder mehr am Leben."

In manchen Dörfern lagen Erwachsene einfach auf dem Boden, weil sie keine Kraft mehr hatten. Zudem gibt es Gebiete, zu denen Helfer noch keinen Zugang haben. Dort sollen laut Lanzer 400.000 bis 800.000 Menschen festsitzen. "Wir müssen viel mehr Hilfe mobilisieren."





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Dokument erstellt am 2017-01-31 17:18:09
Letzte ńnderung am 2017-01-31 20:28:06



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