• vom 13.05.2014, 15:24 Uhr

Cannes

Update: 11.05.2015, 12:52 Uhr

Nachlese 2014

Erwartung und Ernüchterung




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Von Alexandra Zawia

  • Der Journalisten-Alltag während der Filmfestspiele: ein Backstage-Report.

Arbeitsplatz Cannes: Arbeiter befestigen beim Festival Palace das offizielle Poster mit dem Konterfei von Schauspieler Marcello Mastroianni. Heute, Mittwoch, eröffnen die 67. Filmfestspiele, am Freitag feiert der Österreich-Beitrag von Jessica Hausner Welturaufführung. - © epa/Nogier

Arbeitsplatz Cannes: Arbeiter befestigen beim Festival Palace das offizielle Poster mit dem Konterfei von Schauspieler Marcello Mastroianni. Heute, Mittwoch, eröffnen die 67. Filmfestspiele, am Freitag feiert der Österreich-Beitrag von Jessica Hausner Welturaufführung. © epa/Nogier

Cannes. Nicole Kidman? Cate Blanchett? Ryan Gosling? Marion Cotillard? - Ganz richtig, es ist Cannes, und seit jeher, da das Filmfestival den Pakt mit den Leuten einging, strotzt die Croisette Mitte Mai vor Stars und Fans und langen Limousinen. Die "Leute", das sind vor allem auch große (US-)Produktionsstudios, die das Festival dafür nutzen, ihre nächsten Blockbuster zu lancieren und Berühmtheiten in die sonst eher verschlafene Kleinstadt bringen - ein lukrativer Aufmerksamkeitsdeal, den Cannes schon seit den 1960ern pflegt. Die Preise explodieren zur Festivalzeit auf das Drei- bis Fünffache ihres üblichen Werts und am besucherstärksten ersten Wochenende der Filmschau gibt es immer ein Feuerwerk.

Eines der wahren jährlichen Highlights in Cannes ist, wenn man alte Bekannte wiedertrifft. Den Platzanweiser im beigen Anzug zum Beispiel, der im Kino Debussy immer am Aufgang zum Balkon steht und dafür sorgt, dass die Journalisten einander nicht über den Haufen rennen, weil sie noch einen Platz ergattern wollen.

Favoriten und Neuzugänge

Auch in diesem Jahr wird das nicht anders sein: 18 Filme laufen im Hauptwettbewerb um die Goldene Palme, darunter französische Beiträge wie Olivier Assayas’ "Sils Maria" mit Juliette Binoche und Kristen Stewart über eine ältere Schauspielerin, die ihren Job durch eine jüngere bedroht sieht, Bertrand Bonellos "Saint Laurent", eine Biografie über den Modeschöpfer Yves Saint Laurent, oder die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, die mit dem Sozialdrama "Deux jours, une nuit" nun das dritte Mal die Goldene Palme gewinnen könnten. Mit großer Vorfreude erwartet wird Nuri Bilge Ceylans "Winter Sleep", der wie zuletzt sein wunderbarer "Once Upon A Time in Anatolia", wieder im "türkischen Kleinasien" spielt, und vor allem auch Andrey Zvyagintsevs Drama "Leviathan" sowie Abderrahmane Sissakos Flüchtlingstragödie "Timbuktu".

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Der künstlerische Leiter des Festivals, Thierry Frémaux, betont - möglicherweise als Reaktion auf die lautstarke Kritik in den vergangenen Jahren -, dass die Auswahl auch Arbeiten von Frauen beinhaltet sowie von Regisseuren, die unter 60 sind. Im diesjährigen Programm trifft dies durchaus zu, allerdings wurden viele dieser Arbeiten nicht für den Hauptbewerb eingeladen, sondern in Nebenreihen wie "Un Certain Regard" programmiert.

Dass der 25-jährige Kanadier Xavier Dolan seine bereits fünfte Regiearbeit "Mommy" im Wettbewerb vorführen kann, hat ihm Cannes womöglich erst gestattet, nachdem er im vergangenen September bei den Filmfestspielen in Venedig um den Goldenen Löwen konkurrierte. Nun tritt er etwa gegen Größen wie Jean-Luc Godard an, der mit "Adieu au Langage" zum ersten Mal in 3D drehte. Ebenfalls mit Spannung erwartet und wie Dolan aus Kanada: Regisseur Atom Egoyan, der mit "The Captive" einen Entführungsthriller vorstellt.

Die japanische Regisseurin Naomi Kawase (mit "Still the water") und die Italienerin Alice Rohrwacher mit "La Meraviglie" sind die einzigen Frauen im Wettbewerb. Die ausgezeichnete österreichische Jessica Hausner bringt ihren neuen Film "Amour Fou" über den Tod von Heinrich von Kleist in der Reihe "Un Certain Regard" zur Weltaufführung - einer jener Fälle, die vorab die Frage aufwerfen, warum der Film nicht in den Wettbewerb genommen wurde, wie sie sich auch im Fall des hervorragenden argentinischen Regisseurs Lisandro Alonso ("La libertad", "Los muertos") stellt. Nicht zum ersten Mal ist er mit einem Film in Cannes, aber zum wiederholten Male in der Nebenschiene "Un Certain Regard", diesmal mit "Jauja" und Viggo Mortensen in der Hauptrolle.

Um die Goldene Palme hingegen rittert David Cronenberg mit "Maps to the stars", nach "Cosmopolis" eine erneute Zusammenarbeit mit Robert Pattinson. Es geht darin um die fatalen Auswirkungen der Traumfabrik Hollywood - vielleicht sogar ein Leitfaden für Cannes?

Das Interview-Business
Im Debussy jedenfalls sorgt der beige Mann für Ordnung. Sein Name ist "Roh-Bär" (Robert), und er ist sanft wie ein Lamm. Für die Buh-Rufe nach der Presse-Vorführung des Eröffnungsfilms "Grace of Monaco" (Nicole Kidman als Monegassin) hat er ebenso ein Lächeln übrig wie für jene, die auf der berühmten Roter-Teppich-Treppe am Aufgang zum Kino noch schnell ein Foto machen wollen.

Traditionell positionieren sich dort aber die grimmig dreinschauenden Security-Guards in schwarzen Anzügen, die besonders dann etwas von Sadismus zu verstehen scheinen, wenn es in Strömen regnet, sie aber partout niemanden reinlassen, bis nicht alle durchnässt sind.

Für die Presse laufen Kinovorstellungen tagsüber eher profan ab, aber nicht ohne Pseudo-Firlefanz am Eingang. Das Wasserfläschchen darf auch bei größter Hitze nicht mit, es könnte - absichtlich oder unabsichtlich - im dunklen Saal zum Geschoß werden. Der beige Bekannte ist zwar "alt", aber Wasserflaschenverletzungen hat er noch nicht erlebt. Trotzdem: Sicher ist sicher.

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Nachlese 2014, Cannes

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Dokument erstellt am 2014-05-13 15:29:04
Letzte nderung am 2015-05-11 12:52:50



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