• vom 18.05.2017, 15:51 Uhr

Cannes


Filmfestival Cannes

Die große Illusion




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Von Matthias Greuling

  • Am Ende ist die Leinwand wieder weiß: Cannes bastelt zum 70er am eigenen Mythos.

Gehörte lange Zeit auch zu Cannes: der Busenblitzer (hier 1964 vor dem Hotel Carlton an der Croisette). - © Christian Skrein/Imagno/picturedesk.com

Gehörte lange Zeit auch zu Cannes: der Busenblitzer (hier 1964 vor dem Hotel Carlton an der Croisette). © Christian Skrein/Imagno/picturedesk.com

Wenn Kirsten Dunst kommende Woche über den roten Teppich schreiten wird, dann wird sie sich nicht nur im Blitzlichtgewitter hunderter Fotografen sonnen, die sie anlässlich der Premiere von Sofia Coppolas Film "The Beguiled" umwerben werden, sondern dann kommen in ihr möglicherweise auch ein paar schlechte Erinnerungen hoch. Nämlich an das Festival 2011, bei dem Dunst als Star des Films "Melancholia" von Lars von Trier im Wettbewerb stand. Damals ließ der dänische Starregisseur sich während der Pressekonferenz zu einer schlimmen Polemik hinreißen, in der er sich als Nazi bezeichnete, der Hitler gut verstehen könne, "wie er da unten sitzt im Bunker, ganz am Ende, alleine".

Dunst war im Fortgang dieser Wortmeldung mehr und mehr erbleicht, wohl wissend um den Skandal, den ihr Regisseur hier lostreten würde. Und es wurde ein Skandal, der bis dato letzte große Skandal, den dieses Filmfestival hervorgebracht hat. Lars von Trier wurde zur "persona non grata" erklärt und vom Festival ausgeschlossen.

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Dafür war Cannes seit jeher berühmt und berüchtigt: Kleine und große Skandale, ein derber Sager hier, ein Busenblitzer da, und schon werkte die Publicity-Maschinerie perfekt. Cannes, das ist zuallererst ein Marktplatz, an dem man die Ware Film verkauft - und dazu ist jedes Mittel recht. Das Business zählte hier immer mehr als die Kunst, das ist ein offenes Geheimnis.

Eine flüchtige Vorstellung
Doch unter dem Stichwort Cannes subsumiert man auch eine Legende, einen Mythos, wie das bei allen Großveranstaltungen mit Tradition so ist. Man neigt zur Verklärung, und wenn das Cannes-Logo im Vorspann jedes Films erscheint, dann überkommt den Zuschauer das wohlige Gefühl, darin eine Art Instanz zu sehen, die es aber letztlich nicht gibt. Es ist ein Mythos, den nicht das Festival selbst erschaffen hat, sondern seine Teilnehmer, die Produzenten, Journalisten, Partytiger, Promotionleute. Sie alle halfen dabei mit, weil sie selbst von sich sagen wollen, an etwas Außergewöhnlichem teilgenommen zu haben. Deshalb steckt hinter dem Mythos keine Substanz, sondern nur eine flüchtige Vorstellung davon. Wenn die Projektoren ausgehen, wird jede noch so bunt schillernde Leinwand wieder weiß.

Dass im Salle Debussy bei jeder Vorstellung nach dem Vorspann "Raoul!" gerufen wird, von irgendwem im Saal, ist Kult, aber die Herkunft dieses Brauchs ist fraglich. Einige meinen, es wäre die Nachahmung eines Journalisten, der einmal zu spät in den Saal kam und dann hilfesuchend in die Dunkelheit hinein seinen Freund Raoul rief, in der Hoffnung, er hätte ihm einen Platz frei gehalten. Auch diese Geschichte gehört zum Cannes-Kult.

Aber auch die Strapazen, die (derzeit terrorbedingt massiv verschärft) auftreten, wenn man hier einen Film sehen will: Anstellen und warten, Kontrolle, wieder warten, wieder Kontrolle, Filmbeginn, eingeschlafen. Ein Kollege postete: "Wer die Cannes-Experience zuhause nachstellen will, der lege die DVD eines schwierigen Films ein und warte dann noch eine Stunde im Vorzimmer". Da ist etwas Wahres dran.

Doch Cannes will sich zum 70er auch ordentlich feiern lassen: Deshalb erscheinen nun allerorts Festschriften und Jubiläumsbücher, in denen die Highlights der 70 Festivalausgaben opulent zusammengestellt sind. Barbusige Starlets hat man hier seit den 50er Jahren zuhauf ablichten können, und die Karrieren von Weltstars wie Brigitte Bardot, Sophia Loren oder Romy Schneider erhielten in Cannes entscheidende Impulse.

Indirekt hat die Gründung des Festivals mit Hitlers Regime zu tun: Im faschistischen Italien hatte man bereits ein internationales Festival installiert: Die Mostra del Cinema von Venedig gilt als das älteste Filmfestival der Welt und wurde, je näher der Krieg rückte, zunehmend von deutschen und italienischen Preisträgern dominiert, um die faschistische Einheit der beiden Länder auch am Filmsektor zu unterstreichen. 1939 standen alle Zeichen auf Sieg für den französischen Film "La Grande Illusion" von Jean Renoir. Doch der Goldene Löwe (der damals noch Coppa Mussolini hieß) ging in diesem Jahr an Leni Riefenstahls "Olympia" und den italienischen Film "Luciano Serra, Pilota", der unter anderem von Mussolinis Sohn gemacht wurde.

Grund genug für die Franzosen, ihr eigenes Festival ins Leben zu rufen, um sich gebührend zu feiern. Mehrere Austragungsorte standen zur Debatte, schließlich kamen Cannes und Biarritz an der Atlantikküste in die Endausscheidung. Cannes machte das Rennen, das erste Festival sollte am 1. September 1939 beginnen, doch mehr als die Eröffnungsgala ging nicht über die Bühne: Frankreich und England hatten Deutschland nach Hitlers Polenfeldzug den Krieg erklärt.

Und so war erst einmal Pause für die Filmkunst an der Cotê-d’Azur. Erst ab 1946 fand das Festival regelmäßig statt, ab 1949 in dem eigens dafür erbauten Palais Croisette, auf dessen Gelände heute das Marriott steht. 34 Jahre lang wurde das Festival dort ausgetragen. Seit 1983 logiert das Festival im großen "Palais des Festivals", das wegen seiner üppigen Stahlbetonkonstruktion gerne verächtlich "Bunker" genannt wird.

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Dokument erstellt am 2017-05-18 15:57:10



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