
"Nach Gomorrah wollte ich etwas weniger Grimmiges ausprobieren", sagt der italienische Regisseur Matteo Garrone über seinen neuen Film "Reality", ein Wettbewerbsbeitrag in Cannes. Die Satire über die Obsession eines Fischhändlers mit TV-Shows und damit dem Leben und den Realitätswelten anderer ist verspielt und vielschichtiger geraten, als sie auf den ersten Blick wirkt. Ein Häftling (Aniella Arena) in der Hauptrolle, den Garrone bei einer Aufführung einer Gefängnis-Theater-Gruppe entdeckt hatte, erweist sich hier als Glücksgriff, den kleinen Fischhändler Luciano zu spielen, der davon träumt, für die Big-Brother-TV-Show ausgewählt zu werden. Mit kraftvoller Naivität und entschlossener Hingabe verkörpert er das respektable Mitglied in einem kleinen Stadtteil von Neapel.
In übertriebener Kulisse lässt Garrone die Bewohner des größten Wohnblocks des Viertels stellenweise agieren wie auf einer großen Bühne – das Leben ist doch ein Theater. Bereits hier beginnt Garrones Spielerei mit den Realitätsgrenzen, die sich durch die steigende Obsession Lucianos ins witzig Skurrile steigern. Bald meint Luciano in bisher unbeachteten Dorfbewohnern vom TV-Sender Gesandte zu erkennen, die ihn inkognito auf seine KandidatenTauglichkeit überprüfen wollen. Das löst in ihm ungekannte Selbstreflexion aus, führt aber auch dazu, dass er sich am Ende sogar schon von einer Grille beobachtet fühlt.
Was "Reality" aber noch leistet, ist, Fragen über das generell menschliche Bedürfnis, zu glauben aufzuwerfen und die unendlichen Weiten von religiös verhafteten Moralwerten sowie den Religions-gleichen Einfluss des Fernsehens auf eine Gesellschaft zu unterwandern. Wenn Luciano immer mehr in sein Wunschdenken in die Fernsehscheinwelt abdriftet, zeichnen sich in der ihn umgebenen Gemeinschaft immer stärker Kontrolldynamiken ab, die ihn in die Schranken weisen.
"Besonders in Italien hat das Fernsehen eine immense Wirkung und einen sehr starken Einfluss auf die Menschen. Sie lieben TV", so Garrone. Auch deswegen sei die Arbeit an diesem Film für ihn schwieriger gewesen, als bei "Gomorrah". Wieder ein einer Mischung aus Laien-Darstellern und professionellen Akteuren, gelingt Garrone die Gratwanderung zwischen Vorstellung und Realität fließend. "Ich habe nach einer Art magischem Realismus gesucht", sagt Garrone. "Dabei habe ich mir Luciano immer als eine moderne Variante von Pinocchio vorgestellt, naiv und unschuldig." Deutlich inspiriert war Garrone von Viscontis "Belissima" von 1951. "Dort war das Kino das El Dorado", sagt er selbs. "Heute ist es das Fernsehen."
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