
Kaum gab es in Cannes Debatten über die Verschmutzung des Mittelmeeres vor den Stränden der Croisette, bietet das Festival auch schon den passenden Film dazu: Der deutschtürkische Regisseur Fatih Akin zeigt hier in einer Sondervorführung außerhalb des Wettbewerbs seine Doku "Der Müll im Garten Eden".
Im Zentrum steht die Errichtung einer Mülldeponie in einem ansonsten unberührten Küstengebiet in der Türkei, oberhalb des Dorfes Camburnu am Schwarzen Meer – seit 2007 begleitet Akin mit seiner Kamera immer wieder die Anwohner und ihren verzweifelten Kampf gegen die Deponie, die schließlich doch errichtet und in Betrieb genommen wurde. Die Politik hat den Standort bestimmt, die Menschen vor Ort aber nicht dazu befragt.
"Die Menschen ärgert es, dass man so wenig auf ihre Interessen hört. Sie beschweren sich lautstark, aber stoßen nur auf taube Ohren", sagt Akin im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" in Cannes. Der Filmemacher wirft auch einen Blick auf politische Korruption in Zusammenhang mit der Deponie. "Doch Korruption ist nichts spezifisch Türkisches", sagt Akin. "Wie wir wissen, gibt es überall auf der Welt Korruption in der Politik".
"Der Müll im Garten Eden" ist sichtlich ein Herzensprojekt des Regisseurs, der hier in Cannes bereits mit seinem Spielfilm "Auf der anderen Seite" (2007) im Wettbewerb vertreten war. Immerhin stammen er und seine Familie aus der Region, in der die Deponie liegt. "Das ist meine Erde dort, von dort stammt mein genetisches Material, und ich will mit diesem Film die Menschen in ihrem Kampf gegen diese Umweltverschmutzung unterstützen".
Zugleich ist dieser Umstand aber auch das Manko der etwas konfus wirkenden Szenensammlung. Fatih Akin geht an die Montage der Ereignisse ohne ersichtliches Konzept heran, und verabsäumt damit die Möglichkeit, einem spannenden Thema seinen stilistischen Stempel aufzudrücken. Denn mehr als eine Aneinanderreihung im Stile einer N-TV-Doku ist das Langzeitprojekt "Der Müll im Garten Eden" nicht geworden. Da nützt auch der Soundteppich aus Protestliedern und klanggewaltigen Thriller- und Suspense-Melodien nichts.

"Der Müll im Garten Eden" zeigt immerhin aber eine sich langsam wandelnde Türkei: Noch vor wenigen Jahren wäre es dort wohl undenk- und unfilmbar gewesen, dass Menschen protestierend auf die Straßen gehen, um gegen die Politik zu rebellieren. "Es hat sich viel in der Türkei geändert. Auch der Wunsch, EU-Mitglied zu werden, ist angesichts der Euro-Krise geschrumpft", meint Akin. "Die Türkei ist heute voller Geld, aber das kommt nicht aus Europa, sondern längst aus der arabischen Welt".
Etwas "typisch Türkisches" kann der in Hamburg geborene Akin an seinem Film nicht finden. "Das hängt wohl damit zusammen, dass ich als Deutschtürke gar nicht mehr feststellen kann, was typisch Deutsch oder typisch Türkisch wäre".
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