
Eine ernsthafte Bubenhaftigkeit machte immer schon Edward Nortons Schauspielpersönlichkeit aus. In Wes Andersons "Moonrise Kingdom" (derzeit im Kino) kann er diese als Pfadfinderführer, der im Jahre 1965 mit seiner Truppe einen aus Liebe ausgebüchsten 12-Jährigen sucht, voll ausleben. In Cannes, wo "Moonrise Kingdom" vergangenen Mittwoch den Wettbewerb der Filmfestspiele eröffnete, trafen wir den 43-jährigen Schauspieler zum Interview.
Edward Norton: Nein. Und wenn Sie die Fernsehserie "The Wire" kennen, wissen Sie auch, warum. Sie spielt in Baltimore, wo ich aufgewachsen bin, da gab es eher wenig Natur, dafür tägliche Kokainrazzien an unserer Schule.
Dann waren Sie also in einer Gang?
Nein, du liebe Güte (lacht). Nein, ich bin ziemlich wohl behütet aufgewachsen, muss ich sagen. Aber ich bin zumindest auf Sommercamps gefahren, hab dort Fährtensuchen und Segeln gelernt, das ganze Programm also.
Fiel es Ihnen schwer, sich für den Film in das Jahr 1965 zurückzuversetzen? Hat man sich damals anders benommen?
Ich glaube, es regierte mehr Unschuld als heute. Gerade, was die Pfadfinder betrifft, war es nötig, sie in dieser Zeit anzusiedeln, weil das damals einfach viel mehr zum Alltag gehörte. Angesiedelt in der heutigen Zeit, hätte eine Pfadfindertruppe im Film automatisch einen ironischen oder zynischen Touch, man ist heutzutage einfach viel zynischer. Aber Wes ist das in seinen Filmen niemals, seine Filme sind nicht einmal ironisch, ganz im Gegenteil: Die Figuren darin nehmen sich immer todernst und dadurch werden sie liebenswert.
Haben Sie eine lustige Geschichte über Ihre erste Liebe?
Nein, gar nicht. Ich war immer ein braver Junge.
Wes Anderson ist dafür bekannt, am Set immer eine sehr familiäre Atmosphäre zu schaffen, da kam es doch in diesem Film sehr gelegen, dass sich viel in einem einzigen Haus abspielt, oder?
In der Tat, das war grandios, wir waren wie auf einem Sommercamp, mit Wes als Oberhaupt. Er trommelte in der Früh immer alle zusammen und diktierte uns den Plan für den Tag. Das hört sich jetzt streng an, aber man muss sich das bei Kaffee und Honigbrötchen vorstellen, mit Bill Murray im Schlafrock und Bruce Willis in Unterhemd und Hausschuhen. Am Abend machten wir uns manchmal den Spaß, zum gemeinsamen Essen in unseren Uniformen zu erscheinen. Ja, schreiben Sie ruhig, dass wir alle kindisch sind. (lacht)
Aber das ist doch bestimmt eine gute Eigenschaft als Schauspieler, sich das innere Kind zu bewahren?
Mit Sicherheit. Man kommt ja in diesen Beruf, weil man immer gerne viel Zeit damit verbracht hatte, sich vorzustellen, jemand anderer zu sein, den Spiegel als Ein-Mann-Publikum und Bühne zugleich zu nutzen, sich wohin zu träumen. Findet man einen Weg, für das alles bezahlt zu werden, ist es natürlich optimal.
Die Kinder sind in diesem Film ein wenig die besseren Menschen . . .
Könnte man so sagen. Jedenfalls haben die Erwachsenen den Bezug zu ihren Emotionen ziemlich verloren. Die Kinder dagegen sind voller Gefühle und wollen diese auch gar nicht unterdrücken, sie sind ihnen Leitfaden fürs Leben, ganz anders als den Erwachsenen, die unter ihren Emotionen eher leiden. Aber durch das, was die Kinder tun, wachen auch sie am Ende wieder ein wenig auf.
Was passiert auf dem Weg des Erwachsenwerdens, dass man sich von seinen Gefühlen so oft wegentwickelt?
Wenn ich das wüsste, würde ich ein Buch darüber schreiben und Massen an Geld verdienen! Wenn man ein Kind oder ein Teenager ist, kann sich die ganze Welt um eine Sache drehen - die erste Liebe oder ein Hobby, was auch immer - weil man nicht viele andere Verpflichtungen hat, keine große Verantwortung tragen muss, einfach auch Zeit hat.
Es heißt, dass Sie und Wes Anderson schon lange vor diesem Film viel Email-Kontakt hatten, worum gings da?
Ich hatte ihm einen Brief geschrieben, nachdem ich "Rushmore" gesehen hatte, weil ich ein wirklich großer Fan dieses Films bin, aber ich hatte Wes noch nie getroffen. Er hatte gehört, dass ich zu dem Zeitpunkt gerade ein Theaterstück aufführte, und schrieb mir, was er davon hielt. Seitdem haben wir uns immer wieder ausgetauscht und sind wohl so etwas wie echte Brieffreunde geworden.
Haben Sie denn bald wieder Lust, selbst ein Drehbuch zu schreiben oder Regie zu führen?
Die Arbeit mit Wes inspiriert dahingehend natürlich. Er ist ein sehr guter Koordinator, ein sehr autoritärer Manager, aber er lässt dabei nie den Spaß aus den Augen. Seine beste Eigenschaft ist vielleicht, dass er so präzise ist. Seine Drehbücher sind auf den Punkt geschrieben, er weiß genau, was er von einem Schauspieler will und kann es auch vermitteln, liest auch die Dialoge mit einem durch, sollte man wirklich einmal nicht wissen, wie man etwas sprechen muss. Er improvisiert aber auch oft am Set noch, wenn ihm ein kleiner Gag einfällt, das schätze ich sehr. In den letzten Jahren war ich einfach mit vielen anderen Dingen beschäftigt, aber ich will bestimmt wieder einen Film machen.
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