Es ist ein echter Wettbewerb der Buh-Rufe hier in Cannes. Von Tag zu Tag mehr schienen einander viele Kritiker im Ausdruck ihrer Missgunst übertrumpfen zu wollen, zu sehr enttäuschten lang erwartete Arbeiten vielversprechender Regisseure wie etwa Jacques Audiard oder Andrew Dominik. Aber ist der Kulturpessimismus wirklich angebracht?
Der Boden für eine gewisse Miss-Laune jedenfalls war schon vor Festivalbeginn bestellt worden: Direktor Thierry Frémaux musste sich - zurecht - die Kritik gefallen lassen, unter die 22 Wettbewerbsbeiträge dieses Jahr keinen einzigen einer Regisseurin gewählt zu haben. Nun, kurz vor Ende des Festivals, scheint es noch unwahrscheinlicher, dass nicht anstatt des einen oder anderen schlechten Films im diesjährigen Bewerb zumindest ein ebenso schlechter einer Frau aufzutreiben war.
Fakt ist: Das Festival liebt seinen etablierten Altherren-Klub der regelmäßigen Cannes-Wiederkehrer: Alain Resnais, Walter Salles, Ken Loach und Michael Haneke durften ihre neuen Arbeiten vorstellen - und etliche von ihnen enttäuschten. Allein Hanekes ökonomisch und effizient unsentimentaler Film "Amour" über einen Ehemann (Jean-Louis Trintignant), der seine bettlägerige, demente Frau (Emmanuelle Riva) pflegt, führte lange die Kritikerlisten an und kristallisierte sich schnell als Palmen-Favorit heraus. Haneke hat zwar erst 2009 die Goldene Palme gewonnen und mit Jury-Präsident Nanni Moretti noch eine Rechnung offen, der in der gleichen Funktion 1997 die Goldene Palme für Hanekes "Funny Games" verhinderte, doch ein plötzlicher Gesinnungswandel bei Moretti hin zum österreichischen Kino scheint unwahrscheinlich.
Mitglied im Altherren-Club
Wahrscheinlicher scheint da schon der Darstellerpreis für Trintignant in dieser Rolle. Jedoch gibt es in der Cannes-Geschichte zahlreiche doppelt prämierte Regisseure, etwa die Dardenne-Brüder oder Emir Kusturica, auch sie "Mitglieder" im Altherren-Klub an der Croisette, Vertreter eines - böse formuliert - geri-Art-rischen Kinos, einer - wohlwollender gesagt - unangefochtenen Art-istokratie, die Regisseuren wie ihnen oftmals ein Freibrief in den Wettbewerb zu sein scheint. Alains Resnais zum Beispiel zelebriert mit "You Aint Seen Nothing Yet", der lose auf Jean Anouilhs Stück "Eurydice" basiert, seine Liebe zum Theater und spielt wie immer mit Erzählform und Struktur - worin auch das Problem des insgesamt soliden, aber doch verzettelten Films liegt.
Während in Cannes seit einigen Tagen fast unablässig der Regen niederprasselt, verschwimmen in manchen Filmen des Wettbewerbsprogramms gekonnt...weiter
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