Vor der Vergabe der Goldenen Palme in Cannes am Sonntag Abend laufen die virtuellen Wetten auf Hochtouren, Filmkritiker aus aller Welt spekulieren zum Beispiel auf Twitter unter dem Schlagwort #cannes2012 über die möglichen Gewinner. Während viele dabei "die Österreicher", insbesondere Michael Hanekes "Amour" als großen Favoriten sehen, scheint diese Möglichkeit unwahrscheinlich.
Jury-Präsident Nanni Moretti ist bekennender Nicht-Fan von Ulrich Seidls Filmen (also wohl keine Palme für ihn) und auch kein grosser Anhänger des österreichischen Kinos; schon 1997 hatte er als Jury-Mitglied die Goldene Palme für Hanekes "Funny Games" verhindert. Jene, die Moretti etwas näher kennen, mögen der Theorie folgen, dass er keinen Regisseur prämieren wird, der bereits eine Goldene Palme hat, denn das würde eine mehr bedeuten, als er selbst besitzt.
Haneke aus dem Rennen
Damit wären bereits ohnehin Michael Haneke, aber auch Christian Mungiu, dieses Jahr mit "Beyond The Hills", Abbas Kiarostami mit "Like Someone In Love" und Ken Loach mit "The Angels Share" aus dem Rennen, wobei Kiarostami den Großen Preis der Jury bekommen könnte. Und Matteo Garrone mit "Reality" hätte dieser Persönlichkeits-Theorie zufolge als Konkurrenz aus dem eigenen Land keine Chance auf den Hauptpreis. Zieht man die anderen Jury-Mitglieder in Betracht, könnte einem Jean Paul Gaultier, Diane Kruger und Andrea Arnold eventuell Leos Carax "Holy Motors" am besten gefallen haben. Der Film, der sich in diesem lauen Wettbewerb der konventionellen,
Komfortzonen-Arthouse-Filme wie eine Konfettibombe der schrägen Kunstanarchie ausnimmt, hat auf jeden Fall einen Preis – wenn auch nicht unbedingt die Goldene Palme – verdient. Moretti könnte dagegen mit Jury-Kollege Alexander Payne darin Unterstützung finden, die Erzählweise der einzelnen Arbeiten genauer zu berücksichtigen. "Moonrise Kingdom" von Wes Anderson wäre in dieser Kategorie ein starker Kandidat und könnte in der Kategorie bestes Drehbuch punkten.
Die Favoriten
Als formal wie dramaturgisch unglaublich starker Beitrag, müsste Sergej Loznitsas "In The Fog"bei der Jury in den Top-3 der Palmenfavoriten liegen, gemeinsam mit "Holy Motors" und "Post Tenebras Lux" von Carlos Reygadas. Ein vollkommen prätentiöser Film, ist "Post Tenebras Lux" dennoch ein vorstellungsreiches Beispiel von künstlerischem Erzählkino und könnte ein so genannter Kompromiss-Gewinner werden.
Stimmt das Gerücht, dass die britische Regisseurin Andrea Arnold und Nanni Moretti einander so wenig ausstehen können, dass sie nicht einmal miteinander reden, dürfte sich die Entscheidung noch ein wenig schwieriger gestalten. Geht man nach Morettis eigenem Filmstil könnte übrigens auch Thomas Vinterbergs falsche-Fährtenleger-Film "Die Jagd" gute Chancen haben;
Ziemlich sicher scheint der Schauspielpreis für Louis Trintignant in "Amour" und "Marion Cotillard" in "Rust And Bones"; für beste Regie steht Christian Mungiu hoch im Kurs. Der 90jährige Alain Resnais könnte für "Vous navez encore rien vu" mit dem Preis der Jury geehrt werden.
Während in Cannes seit einigen Tagen fast unablässig der Regen niederprasselt, verschwimmen in manchen Filmen des Wettbewerbsprogramms gekonnt...weiter
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