• vom 01.07.2014, 16:53 Uhr

Comics & Mangas

Update: 15.04.2015, 16:11 Uhr

Manga

Lolita im Chrysanthemenland




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Von Christa Hager

  • Kriminalität oder Kunst? Comics dürfen in Japan pornographisch bleiben - auch kinderpornographisch.

Umstrittene Freizügigkeiten: In Japan zeigen Comics oft brutale Sexszenen, auch mit Minderjährigen.

Umstrittene Freizügigkeiten: In Japan zeigen Comics oft brutale Sexszenen, auch mit Minderjährigen.© epa/Robert Gilhooly Umstrittene Freizügigkeiten: In Japan zeigen Comics oft brutale Sexszenen, auch mit Minderjährigen.© epa/Robert Gilhooly

Sie sind schmutzig, fies, gemein. Mangas werden in Japan in unglaublichen Mengen verschlungen und bedienen nahezu jegliche Vorlieben - neben Romantik, Horror, Science-Fiction, Action oder Geschichte eben auch Sex und Gewalt. Europäischen Betrachtern muten diese bisweilen exzessiven Abbildungen von Züchtigung, Grausamkeit und den Kindern und Mädchen zum Teil befremdlich an. In Japan ist nun eine heftige Debatte darüber entbrannt, ob man solche pornographischen Heftchen verbieten sollte. Stein des Anstoßes: Nach jahrelangem internationalen Druck - Japan zählt neben den USA und Russland zu den größten Märkten für sexuelle Darstellungen von Kindern - segneten das japanische Unter- und Oberhaus im Juni ein Gesetz ab, das Kinderpornografie verbietet. Zwar hatte Japan die Produktion und Verbreitung von kinderpornografischem Material bereits 1999 verboten, mit dem neuen Gesetz stellt es nun auch den Besitz unter Strafe.

Faszination Lolita-Komplex


Das Land der Chrysanthemen ist damit das letzte der 34 OECD-Mitgliedsländer, dass ein solches Verbot ratifiziert hat. Demnach werden Personen, die Pornovideos und Fotos von Kindern zur "Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse" besitzen, mit bis zu einem Jahr Gefängnis oder bis zu einer Million Yen (rund 7200 Euro) Geldstrafe belangt. Es wurden außerdem eine Übergangsfrist festgelegt - wer Kinderpornos besitzt, hat nun ein Jahr Zeit, sie loszuwerden - und eine Ausnahme: Pornographische Darstellungen von Kindern in Mangas und Animes sind weiterhin erlaubt.

Information

Wissen: Manga und Anime

Der Begriff "Manga" tauchte erstmals 1814 in dem Bildlexikon des Holzschnittkünstlers Kathshika Hokusai (vor allem bekannt durch "Die große Welle vor Kanagawa") auf: Das Wort besteht aus den zwei Schriftzeichen "man" (rasch, witzig, verzerrt) und "ga" (gemaltes Bild). Mangas sind also verzerrte Bilder, die wie Comics, auf das Stilmittel der Übertreibung setzen. Sie werden von hinten nach vorne und von rechts nach links gelesen und können dick wie Telefonbücher sein. Die Figuren sind stilistisch leicht zu erkennen: Sie haben meist kleine Nasen, lange Beine und übergroße Köpfe und Augen. Letztere haben einen rein pragmatischen Grund: Mit ihnen lassen sich Emotionen besser darstellen. Und ein genauer Blick verrät: Böse Charaktere haben in den Mangas oft kleinere Augen als die guten.

Aber auch die Haarfarbe verrät so einiges über das Wesen der Figuren: Schwarze Haare stehen oft für Ernsthaftigkeit und Tradition, blonde für Unschuld, blaue häufig für Unnahbarkeit oder rote für Temperament. Animes, also Animationen oder Zeichentrickfilme, basieren häufig auf Manga-Erzählungen und weisen deren typische Stilmittel auf.

Die Faszination von sexualisierten Darstellungen von Mädchen hat in Japan einen Namen: lolicon, kurz für Lolita-Komplex. Der Grundstein für die Popularität dieser lolicon-Mangas geht mehr als 100 Jahre zurück: Paragraph 175 des japanischen Strafgesetzbuches (ursprünglich aus dem Jahr 1907) besagt unter anderem, dass Körper, die in der Öffentlichkeit abgebildet werden, so gezeigt werden müssen, dass keine Schamhaare zu sehen sind. Das führte in Folge dazu, dass die Darstellerinnen der Sex-Mangas immer jünger und kindlicher wurden, damit (haarlose) Geschlechtsteile gezeigt werden konnten. Populär wurden die lolicons in den 1970er Jahren durch Wada Shinjis "Alice in Wunderland"-inspirierte Bilderserie "Stumbling Upon a Cabbage Field", veröffentlicht 1974, oder Azuma Hideos, auch als Vater der lolicon-Mangas bekannt, mit "Cybele" 1975.

Während sich im Zuge der Debatten über Kinderpornografie alle einige sind, dass Kinderrechte geschützt werden müssen, gehen hinsichtlich des neuen Gesetzes trotzdem die Wogen hoch: Den einen geht es nicht weit genug, die anderen sehen darin wiederum einen Vorboten für Zensur und Einschränkung der Freiheit der Kunst.

Willkür gegen Kunstwerke?
Die Japan Magazine Publisher’s Association, die mehr als 90 Verlagshäuser vertritt, befürchtet dadurch Willkür gegen Kunstwerke und Kunstschaffende. Außerdem war dem Gesetz ein Entwurf vorausgegangen, der auch ein Verbot von kinderpornographischen Mangas und Animes vorgesehen hatte - ein Sturm der Entrüstung war die Folge, vor allem seitens der Manga-Verleger und Autoren. Die entschärfte Version wurde letztendlich verabschiedet, mit der Begründung, dass die Abbildungen in den Porno-Mangas imaginär wären und sich nicht gegen reale Kinder richten würden und die Freiheit der Kunst dadurch eingeschränkt würde.

Shinichiro Inoue, Präsident des großen Manga-Verlagshauses Kadokawa Shoten Publishing Co, etwa meinte in einem Interview in der japanischen Tageszeitung "Asahi Shimbun" (link siehe Kasten rechts), Comics mit sexuellen Abbildungen stellten ohnehin nur eine marginale Subkultur dar. Eine Regulierung würde in Folge nur den Weg für weitere drakonische Regulierungen ebnen, die auch Zeitungen, Bücher und Zeitschriften betreffen könnten. Obendrein hätte der Entwurf dazu geführt, lolicon-Zeichnungen mit tatsächlichem Missbrauch gleichzusetzen. So argumentieren Verleger und Künstler damit, dass ein Verbot anrüchiger Mangas und Animes das Ziel des Gesetzes, nämlich Kinder zu schützen, nicht gewährleisten. Denn die pornografischen Animationen und Mangas würden keine "realen" Kinder ausbeuten, vielmehr handle es sich in den lolicons um Zeichnungen, um Kunstwesen, die keine sexuelle Gewalt gegenüber echten Kindern zeige.

Realität und Fantasie vereint
Trotz der pornografischen Bilder und Inhalte dürfe man diese Fantasiefiguren deswegen nicht mit wirklichen Kindern gleichsetzen, heißt es. In der Tat: Viele Manga-Mädchen haben zum Beispiel Katzenohren und -schwänze oder Fellbüschel an den Händen und Füßen - Mangas sind eben immer schon eine Mischung aus Realität und Fantasiewelt gewesen.

Ken Akamatsu von der Japan Cartoonist Association meint daher, dass deshalb in Animes und Mangas keine Kinder zu Schaden kämen. Wichtig sei, tatsächlichen Kindesmissbrauch zu verfolgen. Auch gebe es keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass diese pornografischen Medien für die Zunahme an Kriminalität verantwortlich seien. Fakt ist: Die japanische Polizei deckte vor zwei Jahren 1596 Fälle von Kinderpornographie auf, 2013 waren es bereits 1644 Fälle - ein Anstieg um das Zehnfache seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2000. Verantwortlich für die Zunahme sei der weitverbreitete Gebrauch von Smartphones, sagt die Polizei. Verbotsgegner wiederum betonen, dass die Zunahme an registrierten Fällen durch gesteigerte Sensibilität zu erklären sei und nicht durch den Konsum.

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Schlagwörter

Manga, Kinderporno, Porno, Iolicon

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-07-01 15:47:04
Letzte nderung am 2015-04-15 16:11:46




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