• vom 12.08.2017, 17:00 Uhr

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Traumfahrten und Horrortrips




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Von Martin Reiterer

  • Fantasievolle Reise-Comics: Der italienische Zeichner Igort gestaltet Erinnerungen an Japan, der Amerikaner Daniel Clowes schickt seinen Helden durch diverse Zeitschichten.



Jack, die Hauptfigur in "Patience" von Daniel Clowes, wird aus dem Jahr 2029 zurückversetzt in die Jahre 2009 und 1985. Er macht dabei eine traumatische Selbsterfahrung.

Jack, die Hauptfigur in "Patience" von Daniel Clowes, wird aus dem Jahr 2029 zurückversetzt in die Jahre 2009 und 1985. Er macht dabei eine traumatische Selbsterfahrung.© Reprodukt Jack, die Hauptfigur in "Patience" von Daniel Clowes, wird aus dem Jahr 2029 zurückversetzt in die Jahre 2009 und 1985. Er macht dabei eine traumatische Selbsterfahrung.© Reprodukt

"Igoruto-san", so lautet der Name des italienischen Verlegers und international berühmten Comicautors Igort im Japanischen. Es gibt wahrscheinlich keinen anderen westlichen Zeichenkünstler, der sich derart nah an das Japanische herangezeichnet hat wie der in Paris und auf Reisen lebende Italiener, der eigentlich Igor Tuveri heißt und von sich sagt: "In einem vorherigen Leben muss ich Japaner gewesen sein."

Als er 1994 nach Japan kam, gelang es ihm, einen Vertrag mit dem angesehenen Kodansha-Verlag abzuschließen. Rund zehn Jahre zeichnete er für diesen Verlag, darunter die erfolgreiche Kinderserie "Yuri". In seinem jüngsten Comic, "Berichte aus Japan - Eine Reise ins Reich der Zeichen", erzählt der Autor auch die Geschichte seiner Japanbeziehung.

Information

Igort: Berichte aus Japan.Eine Reise ins Reich der Zeichen. Aus dem Italienischen von Myriam Alfano. Reprodukt, Berlin 2016, 184 Seiten, 24,- Euro.

Daniel Clowes:Patience.Aus dem Amerikanischen von Jan Dinter. Reprodukt, Berlin 2017, 180 Seiten, 29,- Euro.

Martin Reiterer, geboren 1966, Germanist und Kulturpublizist, lebt in Wien und befasst sich speziell mit verschiedenen Spielarten des Mediums Comic.

Bekannt geworden ist Igort auch hierzulande mit seinen flächigen Zeichnungen, einer weichen Kolorierung und einem japanisch anmutenden Strich. Neben "5 ist die perfekte Zahl" (2004), einem meisterhaft mit wenigen Worten gezeichneten Mafia-Krimi, und "Fats Waller" (2005), einer eindrucksvollen Künstlerbiografie des schwarzen Jazzpianisten in den 1930er Jahren, hat der Zeichner mit "Berichte aus der Ukraine" (2011) und "Berichte aus Russland" (2012) einen neuen Höhepunkt dokumentarischer Comic-Kunst erreicht, indem er mit einer eigenen Bildsprache und einer eindringlichen Sensibilität die Grauen des ukrainischen Holodomor (die von Stalin in der Sowjet-Ukraine planmäßig hervorgerufene Hungerkatastrophe) sowie des tschetschenischen Kriegs und deren Spuren in der Gegenwart dargestellt hat.

Reiseheft-Ästhetik

Mit derart schwerem Stoff aus Geschichte und Politik wird der Japan-Comic hingegen nicht beladen. Was "Berichte aus Japan" mit den vorausgehenden "Berichten" - im Italienischen trägt die Reihe den Titel "Quaderni" ("Hefte") - verbindet, ist ihre Reiseheft-Ästhetik. Linierte Blätter leiten die unterschiedlich langen Abschnitte ein, die sich wie Teile eines Mo-saiks zusammenfügen. Im Untertitel zitiert Igort Roland Barthes’ Japanessay "Das Reich der Zeichen" aus dem Jahr 1970. Doch für Barthes stellte das japanische "Reich der Zeichen" lediglich ein Modell dar, einen unermesslichen Fundus, den er für seinen Gegenentwurf zum gängigen Symbolsystem nützte, wie etwa Michail M. Bachtin das Karnevaleske als Figur des Widerstands in der Literatur gebrauchte.

Igorts Comic ist jedoch durchaus ein Versuch, den Rätseln und Geheimnissen dieses fernöstlichen Landes auf die Spur zu kommen, auch wenn er wiederholt hervorhebt, dass dieses Unterfangen aussichtslos bleiben muss.

Von Barthes übernimmt der Zeichner allerdings den kindlichen Blick: Barthes sei, so der Autor in einem italienischen Interview, "wie ein Kind" nach Japan gereist. Diese Haltung einer völligen Hingabe an die Dinge und Erscheinungen scheint auch Igorts Herangehensweise zu beschreiben. In gleichsam konzentrischen Kreisen bewegt sich der Zeichner in diesem geheimnisumwobenen Land, von seiner Wohnung zum Tofu-Verkäufer, zu den Schreinen und Tempeln, zum zen-buddhistischen Zentrum, in die großen Buchläden Tokios.

Dabei macht er auch von der Kunst Gebrauch, die Bilder mitunter für sich sprechen und erzählen zu lassen. Barthes’ Diptychon-gleiches Satzpaar "Der Text ist kein ‚Kommentar‘ zu den Bildern. Die Bilder sind keine ‚Illus-trationen‘ zum Text", den Igort zitiert, schwebt gleichsam als ästhetisches Programm des Comicmediums selbst über den Panels.

Hommage an Japan

Igort lässt Leser und Betrachter an einer Bilderreise durch die japanische Kulturgeschichte teilhaben, als wäre es eine private Führung des Beobachters, Lesers, Zeichners. Mit einer Fülle von eingebetteten Bildzitaten, Fotos, Filmstills, nachgezeichneten Screenshots von Animes oder alten Karten gelingt Igort eine einzigartige und farbenprächtige Hommage an das Land seiner Träume.

Zu den Stationen gehören Schlüsseltexte der japanischen Moderne von Tanizaki Juni’chiro wie Filmregisseure und Anime-Propagandafilme der 1940er Jahre, Exkurse über den großen Haiku-Dichter Matsuo Basho oder über die Skizzenbücher Katsu- shika Hokusais, der Anfang des 19. Jahrhunderts den heute noch verwendeten Begriff "Manga" geprägt hat.

Dann ist da die erstaunliche Geschichte der Burakumin, einer kaum bekannten Kaste von Unberührbaren, oder jene von Abe Sada, die durch Nagisa Oshimas "Im Reich der Sinne" auch bei uns Berühmtheit erlangt hat. Und freilich begegnen wir herausragenden Zeichnern wie Yoshiharu Tsuge, Shigeru Mizuki oder Yoshihiro Tatsumi, dem Begründer des Gekiga - einer Richtung, die den Manga in den 1950er Jahren aus seiner Selbstbeschränkung für leichte Unterhaltung herausgeführt hat -, sowie persönlichen Bekanntschaften des Autors, unter anderen mit dem kürzlich verstorbenen Jiro Taniguchi oder Igorts Lektor, den er auch in seiner Rolle als Meister erlebt hat.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-10 18:00:06
Letzte ─nderung am 2017-08-10 18:28:31




"Der Heldenkanzler" von Benjamin Swiczinsky.


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