Graz. Traditionell weist der Jahres-Output österreichischen Filmschaffens mehr Dokumentationen auf als Spielfilme. Logistisch einfacher, weil oft in Personalunion Regisseur, Kameramann und Produzent und damit auch billiger zu realisieren, stehen viele dieser Dokumentationen an Brisanz, Emotionalität und Kraft diversen Spielfilmproduktionen aber um nichts nach, im Gegenteil. Außerdem ermöglicht die Dokumentarfilmproduktion auch ein kontinuierliches Arbeiten von Filmschaffenden, die zwischen Spielfilmen mit langer Vorlaufzeit und spontaneren Dokus wechseln können.
Gerade die diesjährige Diagonale bestätigt den verstärkten Fokus österreichischer Filmemacher auf Dokumentationen, manchmal auch als Arbeiten, die fiktionale Inhalte mit dokumentarischen vermischen, oder als intensives Beiprodukt eines Spielfilms entstehen. Letzteres ist zum Beispiel die Dokumentation "Outing" von Sebastian Meise, die sich im Zuge der Arbeit an seinem Debütspielfilm "Stillleben" ergeben hat.
Träume eines Pädophilen
Beide Filme stellte Meise auf der Diagonale vor, beide behandeln ähnliche Fragen: In "Stillleben" untersucht Meise, was mit einer Familie passiert, die herausfindet, dass der Vater davon träumt, seine sexuellen Fantasien mit der eigenen Tochter auszuleben. Das Thema Kindesmissbrauch und Inzest wird hier auf reflektierte Weise verhandelt, im Vordergrund stehen nicht Anklagen, sondern Fragen nach Vorurteil und Schuldzuweisung im Rahmen eines schwer belasteten familiären Gefüges. Die Fragen "Was ist Schuld", "Wo beginnt sie" und "Wer kann damit wie umgehen" stellt Meise noch intensiver in der Dokumentation "Outing". Hier lässt er den pädophilen Archäologiestudenten Sven ohne verfremdete Stimme oder unkenntlich gemachtes Gesicht von seinen Träumen, Ängsten und Hoffnungen erzählen. Der Film zeigt die Perspektive eines jungen Mannes, der damit leben muss, seine sexuellen Bedürfnisse nie ausleben zu können. Und stellt die Frage, wie die Gesellschaft mit solchen Menschen umgehen soll.
Gewalt und Bananen
Das Thema Inzest behandelt auch Christoph Starks Spielfilm "Tabu - Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden": das versuchte Porträt von Georg Trakls kurzem Leben und seiner großen Liebe zur eigenen Schwester. Ein verzettelter Film über Inzest, Drogenmissbrauch und Poesie. Viel fokussierter und intensiver auch hier wieder die Dokumentationen: In "Die Sprache des Körpers" etwa porträtiert Barbara Gräftner über fünf Jahre hinweg drei Frauen, die damit konfrontiert sind, dass sie in absehbarer Zeit sterben werden. Wie das Leben im Angesicht des Todes neue Formen annimmt und ihre Diagnosen den Protagonistinnen paradoxerweise neue Perspektiven eröffnen, zeigt Gräftner auf schonungslos realistische Weise.
Ebenso geradezu wörtlich gewaltsam vereinnahmend ist Fritz Ofners Dokumentation "Evolution der Gewalt", in der er nachzuspüren versucht, welche Mechanismen in Guatemala dazu geführt haben, dass sich in diesem Land Gewalt als gesellschaftspolitisch legitimiertes Instrument zur Lösung von Konflikten etabliert hat. Anhand von erschütternden Bildern und Berichten von Opfern wie Tätern zeigt er, wie der 30-jährige Bürgerkrieg und die große Einflussnahme der United Fruits Company in einem Land, dessen größter Wirtschaftssektor der Bananenexport ist, die Bewohner verroht hat.
Susanne Brandstätter wiederum untersucht in ihrem Dokumentarfilm "The Futures Past" die Nachwirkungen des Regimes der Roten Khmer, das in Kambodscha einst ein Viertel der eigenen Bevölkerung ermordet hat. Brandstätter legt ihren Fokus auf die heutige Jugend im Land, auf die Nachgeborenen, die nun beginnen, Fragen über die Vergangenheit zu stellen. Es ist Geschichtsaufarbeitung und Vergangenheitsbewältigung, die Brandstätter in geordneten, aber auch nüchternen Bildern einfängt und mit der sie eine Brücke zu unserer eigenen Geschichte schlägt: Die Menschen in Kambodscha stehen erst am Anfang des essenziellen Prozesses der kollektiven Vergangenheitsbewältigung.
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