• vom 23.03.2012, 15:59 Uhr

Diagonale

Update: 23.03.2012, 16:21 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Die Diagonale in Graz geht am Samstagabend mit der Preisverleihung zu Ende

Günstig ist das neue Gut


Von Alexandra Zawia und Matthias Greuling

  • Ein Festival auf Sparkurs zeigt die Qualität der Reduktion.

Sensibles Porträt von Frauen mit fataler Diagnose: "Die Sprache des Körpers". - © Bonusfilm

Sensibles Porträt von Frauen mit fataler Diagnose: "Die Sprache des Körpers". © Bonusfilm

Graz. Traditionell weist der Jahres-Output österreichischen Filmschaffens mehr Dokumentationen auf als Spielfilme. Logistisch einfacher, weil oft in Personalunion Regisseur, Kameramann und Produzent und damit auch billiger zu realisieren, stehen viele dieser Dokumentationen an Brisanz, Emotionalität und Kraft diversen Spielfilmproduktionen aber um nichts nach, im Gegenteil. Außerdem ermöglicht die Dokumentarfilmproduktion auch ein kontinuierliches Arbeiten von Filmschaffenden, die zwischen Spielfilmen mit langer Vorlaufzeit und spontaneren Dokus wechseln können.

Werbung

Gerade die diesjährige Diagonale bestätigt den verstärkten Fokus österreichischer Filmemacher auf Dokumentationen, manchmal auch als Arbeiten, die fiktionale Inhalte mit dokumentarischen vermischen, oder als intensives Beiprodukt eines Spielfilms entstehen. Letzteres ist zum Beispiel die Dokumentation "Outing" von Sebastian Meise, die sich im Zuge der Arbeit an seinem Debütspielfilm "Stillleben" ergeben hat.

Träume eines Pädophilen
Beide Filme stellte Meise auf der Diagonale vor, beide behandeln ähnliche Fragen: In "Stillleben" untersucht Meise, was mit einer Familie passiert, die herausfindet, dass der Vater davon träumt, seine sexuellen Fantasien mit der eigenen Tochter auszuleben. Das Thema Kindesmissbrauch und Inzest wird hier auf reflektierte Weise verhandelt, im Vordergrund stehen nicht Anklagen, sondern Fragen nach Vorurteil und Schuldzuweisung im Rahmen eines schwer belasteten familiären Gefüges. Die Fragen "Was ist Schuld", "Wo beginnt sie" und "Wer kann damit wie umgehen" stellt Meise noch intensiver in der Dokumentation "Outing". Hier lässt er den pädophilen Archäologiestudenten Sven ohne verfremdete Stimme oder unkenntlich gemachtes Gesicht von seinen Träumen, Ängsten und Hoffnungen erzählen. Der Film zeigt die Perspektive eines jungen Mannes, der damit leben muss, seine sexuellen Bedürfnisse nie ausleben zu können. Und stellt die Frage, wie die Gesellschaft mit solchen Menschen umgehen soll.

Gewalt und Bananen
Das Thema Inzest behandelt auch Christoph Starks Spielfilm "Tabu - Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden": das versuchte Porträt von Georg Trakls kurzem Leben und seiner großen Liebe zur eigenen Schwester. Ein verzettelter Film über Inzest, Drogenmissbrauch und Poesie. Viel fokussierter und intensiver auch hier wieder die Dokumentationen: In "Die Sprache des Körpers" etwa porträtiert Barbara Gräftner über fünf Jahre hinweg drei Frauen, die damit konfrontiert sind, dass sie in absehbarer Zeit sterben werden. Wie das Leben im Angesicht des Todes neue Formen annimmt und ihre Diagnosen den Protagonistinnen paradoxerweise neue Perspektiven eröffnen, zeigt Gräftner auf schonungslos realistische Weise.

Ebenso geradezu wörtlich gewaltsam vereinnahmend ist Fritz Ofners Dokumentation "Evolution der Gewalt", in der er nachzuspüren versucht, welche Mechanismen in Guatemala dazu geführt haben, dass sich in diesem Land Gewalt als gesellschaftspolitisch legitimiertes Instrument zur Lösung von Konflikten etabliert hat. Anhand von erschütternden Bildern und Berichten von Opfern wie Tätern zeigt er, wie der 30-jährige Bürgerkrieg und die große Einflussnahme der United Fruits Company in einem Land, dessen größter Wirtschaftssektor der Bananenexport ist, die Bewohner verroht hat.

Susanne Brandstätter wiederum untersucht in ihrem Dokumentarfilm "The Future’s Past" die Nachwirkungen des Regimes der Roten Khmer, das in Kambodscha einst ein Viertel der eigenen Bevölkerung ermordet hat. Brandstätter legt ihren Fokus auf die heutige Jugend im Land, auf die Nachgeborenen, die nun beginnen, Fragen über die Vergangenheit zu stellen. Es ist Geschichtsaufarbeitung und Vergangenheitsbewältigung, die Brandstätter in geordneten, aber auch nüchternen Bildern einfängt und mit der sie eine Brücke zu unserer eigenen Geschichte schlägt: Die Menschen in Kambodscha stehen erst am Anfang des essenziellen Prozesses der kollektiven Vergangenheitsbewältigung.




Schlagwörter

Diagonale, Filmfestival, Preis, Film

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-03-23 16:05:07
Letzte Änderung am 2012-03-23 16:21:51



Werbung



Beliebte Inhalte



Mit dem "Ring" in Wien zum Erfolg: Franz Welser-Möst. - epa
  • Wie viele Arten es doch gibt, Richard Wagners 200. Geburtstag zu begehen.
  • weiter

Verteidigt Wagner und kritisiert die Klassikwelt scharf: Endrik Wottrich. - Newald
  • Tenor Endrik Wottrich über Wagner, Schlingensief und kleine Stimmen.
  • weiter

Georges Moustaki bei einem Auftritt in Frankfurt (1983). - APAweb / EPA/NABIL MOUNZER
  • Edith Piafs Welterfolg "Milord" stammt aus seiner Feder.
  • weiter

Das Duo Daft Punk findet sein Glück in der Disco-Ära: "Lose yourself to dance!" - David Black
  • Auf "Random Access Memories" regiert der Disco-Sound von seinerzeit.
  • weiter

Jon Bon Jovi stand glücklich im Regen. - APAweb/Herbert Pfarrhofer
  • Pollen konnten dem Sänger diesmal nichts anhaben.
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Das Duo Daft Punk findet sein Glück in der Disco-Ära: "Lose yourself to dance!" - David Black
  • Auf "Random Access Memories" regiert der Disco-Sound von seinerzeit.
  • weiter

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter

Eine Szene aus der umstrittenen "Tannhäuser"-Inszenierung der Rheinoper (Markus Eiche, linkst, als Wolfram und  Elisabet Strid als Elisabeth). - APAweb / AP, Deutsche Oper am Rhein, Hans Jörg Michel
  • Oper wird nur mehr konzertant aufgeführt.
  • weiter

An den Namen Brosd Koal erinnert man sich noch über die FM4-Sendung "Im Sumpf". Nachdem mit Karl Schwamberger der Motor hinter dem Dialekt-Pop-Projekt...weiter




Schulden G.m.b.H.

Jeder Einzelfall ist Routine

Schuldnerschicksale: Eva Eckerts Doku handelt von jenen, die davon leben, dass andere nicht mehr zahlen können. - Stadtkino Es ist immer das Gleiche: Ein Schuldner bezahlt seine Handyrechnung, seine auf Pump gekauften Möbel oder seine Leasingraten nicht... weiter




"Mutter und Sohn"

Eine Frage des Geldes

Nüchternes Gesellschaftsporträt: Netzers preisgekrönter Film zeigt eine überbesorgte Mutter (im Bild: Luminita Gheorghiu) und stellt das korrupte Milieu der Superreichen an den Pranger. - Filmladen Es ist die Realität, aber es wirkt wie ein Zerrbild. Das, was der rumänische Regisseur Cãlin Peter Netzer in seinem Film "Mutter und Sohn" vorführt... weiter




Shortcuts

Neu im Kino

 - © Principal - Fotolia Mit Kraft und Geist(az) Als der Phobiker Martín von seiner Freundin verlassen wird, vergräbt er sich in seiner Einzimmerwohnung... weiter



In Cannes eröffnen die 66. Filmfestspiele mit "Der große Gatsby"

Es fließt, was brodeln sollte

Omnipräsente Festspiele: Poster des Eröffnungsfilms "The Great Gatsby" am Carlton Hotel. - reuters Cannes. Ein wenig irritierend wirkt es immer noch: Das prestigeträchtigste Festival der Welt eröffnet heute tatsächlich nicht mit einer Weltpremiere... weiter




Content Award Vienna

Ein Medienpreis für Multimedia-Kunststücke

20130424_contentaward Unter dem Titel "Content Award" sucht die Technologieagentur der Stadt Wien (ZIT) alljährlich Computerspiele, Kurzfilme und Installationen... weiter





Werbung