Ein Vater gesteht seiner Familie seine intimsten Wünsche: Seit Jahren träumt er von Sex mit seiner Tochter, hat diesen Drang aber bisher stets unterdrückt. Er hat sie nie angefasst, doch die Familie zerbricht an diesem Outing. Sebastian Meise, in Graz am Samstag mit dem Großen Diagonale-Preis ausgezeichnet, thematisiert in "Stillleben" (ab 18. Mai im Kino) und in seiner Doku "Outing", die als Nebenprodukt bei der Recherche entstand, wie Pädophile mit ihren Fantasien umgehen, wenn sie beschließen, diese Gefühle nicht auszuleben.
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"Wiener Zeitung": Herr Meise, wie sind Sie auf das Thema Pädophilie gestoßen?
Sebastian Meise: Das Thema war in den letzten zehn Jahren omnipräsent, wir alle sind dafür sehr sensibilisiert. Ausgangspunkt für meine Geschichte war ein Projekt an der Berliner Charité, auf das Drehbuchautor Thomas Reider stieß: Dort wird pädophil geneigten Menschen eine Therapie angeboten, bevor sie überhaupt zu Tätern werden. Das sind Menschen, die in der Regel unter ihren pädophilen Fantasien leiden, meist aus moralischen Gründen; sie wollen dieser Neigung nicht nachgehen, wollen sie nicht ausleben und zu Tätern werden. An der Charité begegnet man ihnen auf Augenhöhe, man vorverurteilt sie nicht. Das ist ein therapeutischer Ansatz. Soweit ich weiß, sind die Therapieaussichten sehr gut, das hat mir ein forensischer Psychiater bestätigt.
Wie gehen die Betroffenen mit ihren Schuldgefühlen um?
Im Grunde ist die Schuld ein Schutzmechanismus, denn sich schuldig zu fühlen, ist ja auch das Bekenntnis, es nicht tun zu wollen. Im Unterschied zu den Missbrauchstätern, die diese Fantasien rationalisieren und sagen, den Kindern macht das eh Spaß und das sollte gar nicht verboten sein, denken diese Menschen, dass ihr Bedürfnis den Kindern schadet. Für uns war die Frage entscheidend, ab welchem Zeitpunkt man von der Gesellschaft schuldig gesprochen wird, wenn man solche Fantasien hat, und mit welcher Art von Sanktionen das verbunden ist. Kann ein Mensch mit solchen Fantasien mit Kindern arbeiten, etwa als Kindergärtner? Wie schuldig dürfen wir jemanden sprechen?

Welche Einstellung hatten Sie vor dem Projekt zu Pädophilen?
Ich habe meine Einstellung im Rahmen der Arbeit geändert, denn ich hatte zuvor stark stigmatisiert. Letztlich ist die Pädophilie nur eines der Motive, warum man zu einem Täter, also dissozial wird. Das hat mit mehreren Dingen zu tun und ist eine moralische, ethische Frage.
Das Geständnis des Vaters in "Stillleben" stellt die Familie vor große Herausforderungen ...
Scham- und Schuldgefühle, wie sie der Protagonist im Film hat, setzen sein familiäres Gefüge aufs Spiel. Zunächst will er sich seine Gefühle selbst nicht eingestehen, merkt aber bald, dass er für diesen Trieb eine Kompensationslösung braucht. Für die Tochter ist das Outing des Vaters im Film auch sehr aufschlussreich: Sie begreift plötzlich, dass die jahrelange Nicht-Liebe, die sie ihr Vater spüren ließ, gar nicht mit Abneigung zu tun hat, sondern mit seinen sexuellen Obsessionen, die dazwischenstanden.
Mit "Outing" haben Sie begleitend zu "Stillleben" eine Doku über einen Pädophilen gedreht, der sich selbst als "tickende Zeitbombe" bezeichnet.
Das ergab sich relativ spät, der Spielfilm war zuerst da. Die Geschichte drehte sich mehr um Familiendynamiken, die Dokumentation "Outing" hat sich aus weiterführenden Recherchen entwickelt und sich völlig verselbständigt. Der Hintergrund dafür war: Mir war es gar nicht bewusst, dass es Menschen gibt, die von sich aus sagen, sie wollen ihre sexuellen Fantasien nicht ausleben. Das war mir neu.
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