• vom 02.05.2017, 12:25 Uhr

Donaufestival Krems

Update: 02.05.2017, 14:25 Uhr

Donaufestvial

Wutprobe und Mitgefühl




  • Artikel
  • Fotostrecke
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Andreas Rauschal

  • Blixa Bargeld imitiert am Montag am Donaufestival recht eindringlich stranguliert werdende Katzen.

 Im Rahmen ihrer "Greatest Hits Tour" auch am Donaufestival in Krems: Blixa Bargeld und seine Einstürzenden Neubauten. - © david visnjic, donaufestival

 Im Rahmen ihrer "Greatest Hits Tour" auch am Donaufestival in Krems: Blixa Bargeld und seine Einstürzenden Neubauten. © david visnjic, donaufestival

Auf dem Kremser Messegelände besteht aktuell die Möglichkeit, einmal so richtig Dampf abzulassen. In Stephane Roys beliebter Mitmach-Installation "The Laboratory Of Anger Management" geht es darum, die Nebenwirkungen der Leistungsgesellschaft und andere "Umstände" zu verdauen, indem man mit einem Baseballschläger als Waffe die Ausstattung eines Containers zu Kleinholz macht. Dass die zwischen Wutprobe und Aggressionstherapie angesiedelte Arbeit mit freundlicher Unterstützung eines heimischen Baukonzerns erfolgt, dürfte vermutlich auch Blixa Bargeld gefallen, der mit der alten Berliner Lärmavantgarde von den Einstürzenden Neubauten heute noch den Headliner gibt. Der Mann hat bekanntlich einmal für die Baumarktwerbung ironische Dichterlesungen zu Themen wie "Quarzit-Polygonalplatten" gehalten.

Choralgesänge

Bevor es zum Abschluss des erstens Donaufestivalwochenendes unter Leitung von Thomas Edlinger am Montag aber noch drastisch-dräuender aus den Boxen ballert, hätte man zunächst nicht nur beim herzerwärmenden Heimwerkerpop der Grubby Mitts Gelegenheit, das Festival-Hauptaugenmerk auf das Schlagwort der Empathie hin zu überprüfen. Auch die früher als Begräbnis- und Hochzeitssängerin tätige, später dann doch nicht in den Opernbereich gewechselte US-Folk-Chanteuse Josephine Foster hat diesbezüglich etwas zu demonstrieren. Die live in ein Einsiedler-Kleid der Marke "Die Amischen kommen" gehüllte Musikerin erinnert mit ihren auf Zupfgitarre und Cello heruntergebrochenen Songs inklusive La-La-Lagerfeuergesang an friedliche Wiesen- und Moor-Sommertage mit Grammofonbeschallung. Leiseres hat man am Donaufestival noch nicht gehört.

Auf die nur am Papier etwas seltsame Idee, die längst zum säkularisierten Klangraum gewordene ehemalige Minoritenkirche Krems/Stein wieder auf ihren Ursprung zurückzuwerfen, kommt im Anschluss der Kanadier Ian William Craig. Dieser lässt an seiner Schaltkanzel Tape-Manipulationen von in Lo-Fi-Manier aufgezeichneten Choralgesängen, die nicht aus dem naheliegenden Stift Göttweig stammen, live mit dem Faktor Mensch kollidieren, der im Wesentlichen in seinem eigenen Melisma besteht. Man hört die perfekte Musik, um auf dem Boden liegend in den Himmel zu schauen – auch wenn sich dort nichts oder niemand befinden sollte. Inklusive der einen oder anderen kritischen Intervention in Form ungerader Loops aus dem Häcksler reicht Craig mit dieser doch durchwegs der sonischen Schönheit geschuldeten Musik dem Publikum seine Hand. Das ist würdig und recht.

Weil das Donaufestival aber auch seine Missionarsstellung zu verteidigen hat, was den gar nicht so heiligen Lärm betrifft, erlebt man im Anschluss das US-Duo The Body, das live überraschenderweise auf bisher zum Einsatz gebrachte Black-Sabbath-Riffs ebenso verzichtet wie auf ein Schlagzeug, das Vulkanausbrüche vertont, um stattdessen an elektronischen Gerätschaften vor beklemmenden Visuals Kunst aufzuführen, die körperlich spürbar gegen das Publikum vorrückt: The Body nehmen Songtitel wie "Hail To Thee, Everlasting Pain" sehr ernst. Der "Gesang" von Chip King besteht aus einem einzigen Urlaut, der einen Feuerwehreinsatz auslösen könnte. Jemand scheint bei lebendigem Leib zu verbrennen. Das ist harter bis sehr harter Stoff.

Musik aus Flutkellern

Zum Abschluss demonstrieren dann die Einstürzenden Neubauten zu sechst inklusive eines Neuzugangs namens Prince Harry am Keyboard, dass die Zeit ihrer lebensgefährlichen Auftritte schon ein paar Jahrzehnte zurückliegt. Dafür führt ein heute bestens gelaunter Blixa Bargeld als großer Zampano im Dreiteiler durch ein tolles, ironisch betiteltes "Greatest Hits"-Konzert, das den Schwerpunkt dann aber eh auf den ruhigeren Werkkanon der letzten auch schon wieder 17 Jahre seit dem Album "Silence Is Sexy" und dessen kleine stille Großtaten wie das auch live sehr hübsche "Sabrina" legt.


Zwischen immerhin auch heute noch hoch im Kurs stehenden Materialerprobungen in Sachen Abwasserrohr und Metallklangstäbe samt Akkubohrer-Anschluss witzelt Bargeld über das Eröffnungskonzert seiner Band in der Elbphilharmonie und erinnert sich an Aufnahmen lange vor dem Mauerfall in Flutkellern in Hamburg. Der einstige Fürst der Finsternis fordert "Mehr Licht!", imitiert abermals recht eindringlich gerade stranguliert werdende Katzen und weiß nach mehr als zwei Stunden selbst am besten, was wir von diesem Auftritt zu halten haben: Irgendwann, so der Sänger, würden wir Gott berichten, seine Lieblingsband gesehen zu haben.

Im Shuttlebus heimwärts gab es Tina Turner und deutschen Schlager. Zum Glück war jemand dabei, der für uns Empathie empfand.

Werbung




Schlagwörter

Donaufestvial

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-02 12:26:45
Letzte nderung am 2017-05-02 14:25:13



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Mauer des Schweigens brach nach Jahren
  2. Leben in der demokratisierten Dachterrasse
  3. steiermark
  4. Die Ära des geilen Mannes
  5. "Das ist es, wofür ich stehe"
Meistkommentiert
  1. Das Hosentürl zum Ruhm
  2. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
  3. Die Ära des geilen Mannes
  4. Schönheitskönigin
  5. "Das ist es, wofür ich stehe"

Werbung







Werbung


Werbung