• vom 07.05.2017, 15:18 Uhr

Donaufestival Krems

Update: 07.05.2017, 22:29 Uhr

Donaufestival

Aus alt mach nicht neu




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Von Christa Hager

  • Am letzten Tag des Donaufestivals gastierte mit This Is Not This Heat aus England eine der innovativsten Bands der 1970er Jahre in Krems.

Fokussiert, zackig und treibend: This-Heat-Gründungsmitglied Charles Hayward. - © david visnjic, donaufestival

Fokussiert, zackig und treibend: This-Heat-Gründungsmitglied Charles Hayward. © david visnjic, donaufestival

Ein leichter Hauch von Nostalgie wehte über Krems, als am letzten Tag des Donaufestivals Grüppchen an hörbar Weitgereisten das zum erweiterten Festivalgelände mutierte Areal rund um die Minoritenkirche mit einem kleinen Sprachenmix belebten. Ihr Ziel: die englische Band This Heat, oder besser gesagt, die Verneinung derselben: This is Not This Heat. Das Trio der 70er Jahre hat sich nämlich 35 Jahre nach ihrer Auflösung in erweiterten Besetzungen neu zusammengetan. Und dementsprechend hoch waren die Erwartungen.

Bekannt wurden This Heat, gegründet 1976 im südlichen Londoner Stadtteil Brixton, während ihrer kurzen Existenz bis 1982 hauptsächlich durch ihren ganz neuen Zugang zur Musik. Denn in einer Zeit, als geradliniger Punkrock herrschte und experimentelle Wellen noch Zukunftsmusik waren, da ignorierte das englische Trio bereits den damals üblichen Umgang mit Melodien und Harmonien, setzte die noch kaum verbreiteten Tape-Loops ein und bediente sich an einem Mix aus minimal music, musique concrète, Krautrock oder dem aufkeimenden Industrial. Radikal nicht nur ihr musikalischer Zugang, sondern auch ihre politischen Texte.

Geblieben ist, dass This Heat bis heute den Ruf als eine der innovativsten Bands der 1970er Jahre genießen, viele Bands und Musiker haben sie beeinflusst. Und wie man in Krems/Stein in der gut besuchten Minoritenkirche erleben konnte, klingen sie immer noch originell. Umgeben waren Charles Bullen (Gitarre) und Charles Hayward (Schlagzeug, Gesang), der dritte Band-Mitbegründer Gareth Williams starb im Jahr 2001, von Daniel O'Sullivan vom Duo Grumbling Fur am Bass und Keyboard, Frank Byng am Schlagzeug, der Improvisationsmusiker Alex Ward (Klarinette und Gitarre) sowie die Sängerin Merlin Nova – allesamt Musiker, die gemeinsam mit den zwei Charles in der Lage sind, die originalen Arrangements von This Heat zu reproduzieren. Doch anstelle von genaue Repliken schossen die vier Neuen neue Ideen und neue Texturen zu jedem Stück in die Kirche.

Allerdings hatte das Neuarrangement einen Schönheitsfehler. Denn auch wenn der durchaus als politisch zu interpretierende Entschluss, das ursprüngliche Trio im Sinne der Kooperation und des gemeinsamen Zusammenarbeitens um mehrerer Musiker – bis hin zur Orchestergröße - zu erweitern, so ging er in Krems musikalisch nicht auf. Denn die ursprüngliche Essenz von This Heat, allen voran die Reduktion auf das Wesentliche, ging dadurch verloren. Zu willkürlich und häufig waren die Improvisationseinlagen von Ward, zu überladen der Gesang aller zusammen. Die Akustik der Kirche setzte dem noch eines drauf.

Unklar blieb auch, warum es eines zweiten Schlagzeuges bedurfte – denn das für das Trio so typische dialogische Musizieren war in Krems ein bloßes Nebeneinander, eine Verdoppelung. Es fehlten Kontrast und Dynamik.

Es war also weder etwas Neues, wie der neue Bandname suggeriert, noch das Alte, was This Is Not This Heat in Krems zeigten. Ihre Werke wirkten ein wenig wie ein abgespultes "Best Of", auch wenn mit "The Fall of Saigon" etwa durchaus klare Moment der Schönheit durchklangen, allen voran durch den kraftvollen wie rauen Gesang von Hayward am Schlagzeug.

Abgesehen von This Is Not This Heat und der beim Publikum sichtlich beliebten US-Metall-Band Deafheaven sah man am letzten Tag des Festivals sonst nur Solisten am Werk, darunter die Schwedin Klara Lewis, die wenig originell dafür umso lauter ihren aus analogen wie digitalen Quellen geknüpften Klangteppich ausbreitete. Lautstärke allein ist zu wenig, auch wenn sie mit ihren Sounds die Lungenflügel zum Erzittern brachte und den Ohrenstöpseln dazu verhalf, stetig aus den Ohrenmuscheln zu vibrieren.

Alles in allem gab es am letzten Tag des Festivals erneut eine musikalische Reise in unterschiedliche musikalische Gefilde, welche die herausragende Qualität des Line-Ups vom ersten Wochenende (u.a. mit den Einstürzenden Neubauten und der originellen US-Combo Horse Lords) jedoch nicht wiederholen konnte. Dafür war die Latte zu hoch.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-07 15:19:45
Letzte nderung am 2017-05-07 22:29:57



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