Die Ingredienzien eines einzigartigen Aufstiegs in den Olymp der schönen Künste sind schnell beschrieben: Man nehme einen empfindsamen Jüngling mit bemerkenswerten intellektuellen Fähigkeiten, der in einem trostlosen Kaff im amerikanischen Mittelwesten aufwächst, wo sich Fuchs und Hase zur guten Nacht ein Duell liefern. Größtenteils auf sich selbst gestellt, flüchtet der junge Mann in eine Traumwelt, in der er die Abenteuer Tom Sawyers und Huckleberry Finns nicht mit-, sondern selbst erlebt.
Idol Arthur Rimbaud
Er hört weiße Countrymusik á la Hank Williams ebenso wie schwarzen Deltablues, und er findet rasch heraus, dass er unmöglich dieser bedeutungslose jüdische Knabe Zimmerman sein kann. "Ich ist ein anderer", erkannte vor ihm auch schon Jean Arthur Rimbaud, und so erwählt der junge Mann den Franzosen zu einem seiner Idole, zu denen er auch den trinkfesten Waliser Dylan Thomas und den melancholisch-zornigen Westerner John Steinbeck zählen wird. Ausgestattet mit diesem Rüstzeug, braucht der junge Heros nun noch eine entsprechende Legende, ehe er bereit ist, die Welt im Sturm zu erobern.
Bob Dylan, wie er sich ab 1961 nennt, ändert die Geschichte seiner Jugend so oft ab, bis wahrscheinlich nicht einmal mehr er selbst weiß, wie sie sich wirklich zugetragen hat. In New Yorks Intellektuellenkreisen präsentiert er sich als hartgesottener Hobo , der ungeachtet seiner Jugend bereits unzählige Schienenstränge abgewandert und mit jedem Güterwaggon zwischen Redwood und dem Golf von Mexiko persönlich bekannt ist.
Das Phänomen Bob Dylan schlägt so nachhaltig ein, dass unwillkürlich die Frage aufkommt, weshalb die Folk-Heroen Woody Guthrie, Pete Seeger oder Cisco Houston ihm auf ihren musikalischen Reisen in den 30er und 40er Jahren nie begegnet sind . . .
Künstlerische Anklagen
Eines aber steht rasch fest: Keiner versteht es wie Dylan, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Während der denkende Teil der amerikanischen Gesellschaft den als falsch erkannten "American Way of Life" mit den Gewerkschaftsliedern der 30er und 40er Jahre zu bekämpfen sucht, greift der junge Dylan aktuelle Fälle aus der Presse auf, die er mit ein paar Gitarrengriffen und geschliffenen Formulierungen zu künstlerischen Anklagen wider das System formt. Damit gewinnt er rasch ein Publikum, das weit über die Folk-niks aus dem Village hinausreicht.
Die Protestbewegung der 60er Jahre hat im wahrsten Sinne des Wortes ihr Sprachrohr gefunden. Doch Dylan begnügt sich nicht damit, die Massen zu fragen, auf welcher Seite sie stehen. Er will es Rimbaud nachmachen und zu neuen Horizonten aufbrechen - womit er massives Unverständnis erntet. Als er zur elektrischen Gitarre greift, wird er von jenen, die eben noch seine Jünger waren, lautstark ausgebuht. Auf das euphorische Hosianna folgt das gnadenlose Crucifige .
Dylan nutzt einen Motorradunfall (über den seitdem viel gerätselt wurde und wird), um sich eine Weile von der Welt zurückzuziehen. Als er nach zwei Jahren zurückkehrt, ist er scheinbar nicht mehr derselbe. Der Dylan des Jahres 1968 singt Country-Songs ohne künstlerische Schnörkel. Aus dem Barden des Protests wird ein zotiger Bänkelsänger - und das mit erstaunlichem kommerziellen Erfolg. Die als reaktionär verpönte Countrymusik gilt dank des wiedererstandenen Dylan plötzlich als hip, und nicht wenige Epigonen machen sich auf, aus den alten Banjoklängen progressive Rockmusik zu formen. Bands wie Lynyrd Skynyrd, Steppenwolf oder Dylans eigene Begleitgruppe, The Band, gehen neue Wege und erweitern das musikalische Spektrum um den erst später so genannten Country Rock.
Für Dylan war auch das ein untrügliches Signal, seine Zelte in diesem Genre wieder abzubrechen. Nachdem er Anfang der 70er Jahre noch ein paar starke musikalische Momente hat, die sich vor allem in Alben wie "Blood on the Tracks" oder "Desire" manifestieren, entdeckt er das Christentum für sich und macht bis Anfang der 80er Jahre auf Gospel. Der Sänger übersiedelt - metaphorisch gesprochen - von Nashville nach Harlem. Diesmal freilich bleibt der Jubel aus. Dylan versucht sich in verschiedenen Stilen, probiert mal Boogie, mal Swing, doch für das Publikum ist er unwiderruflich am absteigenden Ast. Nicht wenige sehen ihn als alternden Schlagerfuzzi in Las Vegas enden.
In der Hall of Fame
Aber Dylan wäre nicht Dylan, wenn er nicht erneut wie der Phönix aus der Asche stiege. Mit seinen Freunden Tom Petty, George Harrison, Roy Orbison und Jeff Lynne formiert er The Traveling Wilburys, mit welcher Oldstar-band er sich aus der künstlerischen Krise zieht. 1988 beginnt er eine Tour, die seitdem niemals wirklich endete und folglich auch "Never Ending Tour" heißt. Dylan wurde in die RocknRoll Hall of Fame aufgenommen, wobei Bruce Springsteen als sein Laudator fungierte - wohl der einzige amerikanische Musiker, dessen Werk annähernd so großen Einfluss auf die populäre Musik hatte wie jene des Mannes aus dem Mittelwesten.
Viele Vertreter der linken Protestbewegung haben Dylan mehrmals Verrat an den gemeinsamen Idealen vorgeworfen. Es entbehrt auch nicht einer gewissen Ironie, dass ein Folksänger, der einst dem Klassenkampf seine Stimme lieh, selbst dem Papst ein Ständchen darbrachte. Doch was Dylans Kritiker dabei übersahen, war der simple Umstand, dass ihre Ideale wohl niemals jene Dylans waren. Zumindest nicht die all jener Dylans, die es im Laufe der letzten fünfzig Jahre zu beobachten galt. Dylan ist nämlich - im Gegensatz zu Rimbaud - nicht EIN anderer, er ist VIELE andere, und dies nicht zuletzt deshalb, weil er sich in kritischen Phasen seines Lebens immer wieder neu zu erfinden vermochte. Und das ist wahrscheinlich auch die einzige Möglichkeit, im Schatten eines derart übermächtigen Mythos, zu welchem er längst geworden ist, als Mensch zu überleben.
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