• vom 12.08.2017, 18:18 Uhr

Filmfestival Locarno

Update: 12.08.2017, 22:48 Uhr

Locarno

Goldener Leopard für "Mrs. Fang"




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Von WZ Online, apa/greu

  • Die Wettbewerbsjury entschied vielfach an den Erwartungen vorbei.

Regisseur Wang Bing freut sich über den Goldenen Leoparden.  - © Festival Locarno

Regisseur Wang Bing freut sich über den Goldenen Leoparden.  © Festival Locarno

Locarno. Überraschung zum Finale des 70. internationalen Filmfestivals in Locarno: Der "Goldene Leopard" ging an die Dokumentation "Mrs. Fang" des chinesischen Regisseurs Wang Bing. Das gab die Jury unter Vorsitz des französischen Regisseurs Olivier Assayas ("Carlos - Der Schakal") am Samstag bekannt.

Der Film, der das Sterben einer an Alzheimer leidenden alten Frau beobachtet, wurde von deutschen, französischen und chinesischen Produzenten finanziert. Er zeigt mit einiger Penetranz den Umgang mit Krankheit und Tod in einer uns fernen Kultur, zugleich auch die Ausweg- und Ratlosigkeit von Angehörigen, und das einfache, rurale Leben in Chinas Provinz. Wang Bing setzt seine Zuschauer minutenlang dem Siechtum dieser kranken Frau aus, der Betrachter wird sogleich zum Familienmitglied in diesen kargen Räumlichkeiten, in denen auch alle anderen Verwandten anwesend sind und letztlich nichts anderes tun, als darauf zu warten, bis der Tod eintritt.

"Es ist der erste große Preis dieser Art für mich", freute sich der chinesische Regisseur. "Ich mache schon seit zehn Jahren Dokus, aber noch nie war die Anerkennung so groß. Ich widme diesen Film meiner Protagonistin Mrs. Fang, ich hoffe sehr, dass mir der Leopard weitere spannende Filmprojekte ermöglicht".

Wang Bing dreht vor allem deshalb Dokumentarfilme, weil er sich seinen Platz im engmaschigen Netz chinesischer Behörden finden will. "Die Zensur in China ist sehr stark, deshalb ist es schwer, Geld für unabhängige Filme zu finden", so Wang Bing. "Deshalb drehe ich Dokus, weil sie nur einen Bruchteil von dem kosten, was Spielfilme verschlingen würden".

Wang Bings "Mrs. Fang" ist ein Blick auf ein Schicksal, aber auch auf einen Lebensalltag voller Entbehrungen. "Ich drehe gerne Filme über gewöhnliche Leute", sagt der Regisseur. "Sie haben alle gemeinsam, dass sie von der Gesellschaft kaum gehört werden. Sie leben wie Ameisen in allen Winkeln der Gesellschaft, aber niemand beachtet sie oder hört ihre Stimmen".

Für manche Kritiker war der Preis an Wang Bing eine Fehlentscheidung der Jury um Regisseur Olivier Assayas, jedoch zeigt der Preis einmal mehr, welch mutige Alleinstellung Locarno unter den Festivals hat: Als Hort der Filmkunst, die sich keinen Konventionen unterwerfen muss, um groß ausgestellt zu werden, ist es immer noch das Nonplusultra für das weltweite unabhängige Filmschaffen.

Die Wettbewerbsjury hat jedoch vielfach an den Erwartungen vorbei entschieden. Am augenfälligsten ist das bei den Ehrungen der besten Schauspieler. Hoch gehandelt worden waren die Deutsche Johanna Wokalek in "Freiheit" und der US-Amerikaner Harry Dean Stanton in "Lucky". Ausgezeichnet wurden die Französin Isabelle Huppert als zickige Lehrerin in "Madame Hyde" (Frankreich/Belgien) und der Däne Elliott Crosset Hove als gewalttätiger Arbeiter in "Winterbrüder" (Dänemark/Island).

Anders als diese Entscheidungen, findet die Vergabe des Spezialpreises der Jury an den brasilianisch-französischen Spielfilm "Gute Manieren" (Regie: Juliana Rojas, Marco Dutra) einhellig Beifall. Das Drama erzählt vom Leben einer jungen Frau und ihres angenommenen Sohnes, der sich bei Vollmond in einen Werwolf verwandelt. Der Film entspricht genau der auf dem Festival in Locarno gern gepflegten Balance von Unterhaltung und Anspruch.

Das trifft auch auf "9 Finger" des Franzosen F.J. Ossang zu. Er wurde als bester Regisseur gekürt. Sein surrealer Spielfilm überzeugt sowohl als Parabel auf die bürgerliche Gesellschaft als auch als rätselhafter Thriller. Ossang gehört zu den Filmschaffenden, die das Festival von Locarno besonders fördern möchte: Künstler, die nach neuen Ausdrucksformen für das Kino suchen.





Schlagwörter

Locarno, Wettbewerb, Wang Bing

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Dokument erstellt am 2017-08-12 18:19:23
Letzte nderung am 2017-08-12 22:48:41




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