In seinem dritten Jahr als künstlerischer Leiter, möchte Locarno Film Festival-Direktor Olivier Père die Position der Filmschau als junges Autorenfilmer-Festival stärken, bei dem man sich auch vor Glamour nicht fürchtet.
Wiener Zeitung: Was haben Sie in Ihrem dritten Jahr als künstlerischer Leiter von Locarno aus den ersten beiden Jahren gelernt?
Olivier Père: Viel über mich selbst, aber vor allem habe ich gesehen, dass die Formel, die wir uns für das Festival überlegt haben, zu funktionieren scheint.
Wie lautet die?
Zukunft fördern, Gegenwart feiern, Vergangenheit finden, könnte man sagen. Wir möchten wirklich ein Forum für Debütfilme sein, für junge Filmemacher aus Asien, den USA, Lateinamerika, Israel, Russland zum Beispiel, mit einem starken Wettbewerb und einer starken Cineasate du presente-Programm das ist die Identität von Locarno.
Aber natürlich reicht es für ein Filmfestival nicht, mutig und jung zu sein, um die erwünschte Aufmerksamkeit zu bekommen. Dazu gehört nunmal auch der Glamour-Faktor. Und ich sage das gar nicht bedauernd. In Locarno haben wir Glück, mit der Piazza Grande eine derart perfekte Umgebung zu haben, aber man muss natürlich auch sagen, dass sich Dokumentarfilme, Arthouse-Erstlingsfilme, etc., nicht unbedingt eignen, um in einem derartigen Rahmen gezeigt zu werden. Also programmieren wir die Piazza mit Filmen, die ebenfalls "groß" wirken und auch die Erwartungen eines Publikums erfüllen mögen, das ebenfalls zu Locarno gehört, und das sind neben Filmleuten, Cineasten und Journalisten eben auch Touristen und Anhänger des talentierten Mainstream-Kinos.
Die dritte Komponente der Formel sind die Retrospektiven, die für das Festival deswegen wichtig sind, weil wir es als Aufgabe sehen, diese Filme einer neuen Generation zu zeigen, dem Festival eine Cinematheque-Dimension zu geben, dem Publikum die Möglichkeit zu Gesprächen zu bieten und die Chance, diese vergangenen Arbeiten zu entdecken, oder alte Meisterwerke wieder zu sehen.
Die Essenz ist, sich dessen bewusst sein, was heutzutage passiert, im Kino, im Leben, auf der Welt. Und dass Glamour nichts Schlimmes, keine Krankheit, sondern ein Teil des Kinos ist und Qualität nicht ausschließen muss.
Wie die meisten Festivals zeigt Locarno die Filme digital und nicht auf 35 mm...
Das ist oft eine wirtschaftliche Entscheidung, die nicht immer zugunsten der Filme ausfällt, aber es ist dennoch nichts, was ich beklagen würde. Ich habe nicht geweint, als der Film plötzlich Farbe und Ton bekam, und ich weine auch jetzt nicht. Digital eröffnen sich neue Methoden des Filmemachens, neue Wege, etwas zu erzählen.
Seit Sie diesen Job machen, sind die US-Produktionen im Locarno Programm gestiegen, und Sie mussten sich dafür schon Kritik gefallen lassen, wohl auch, weil US-Kino gerne mit Trivialität gleichgesetzt wird. Was entgegnen Sie?
Das Problem kenne ich gut, aber mir geht es ja um den US-Independent-Film, und zwar den echten, nicht den vorgetäuschten. Es gibt eine wirklich bemerkenswerte Gruppe echter Independent-Filmemacher in den USA, die wir gerne verfolgen.
Was soll und kann ein Filmfestival, bei dem – wenn auch viel weniger als im Sport – eine Geld fließt - heute leisten, auch in Hinblick auf Einsparungen und Wirtschaftskrisen?
Meine Überzeugung ist: Ein Filmfestival muss nützlich sein. Wir helfen jungen Filmemachern wirklich auf verschiedene Weise, wir bieten eine Plattform, wir helfen Produzenten, Projekte zu finden, Filme zu Verleihern zu bringen, wir kreieren eine Community, in der die Leute einander unterstützen. Das ist das, was nur ein Filmfestival leisten kann, und deswegen sollte es das auch tun.
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