• vom 08.09.2017, 16:44 Uhr

Filmfestival Venedig


Filmbiennale Venedig

Ein Leck im Dach




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Von Matthias Greuling

  • Finale im Rennen um den Goldenen Löwen: Diesen Samstag werden in Venedig die Preise vergeben.

Regisseurin Vivian Qu verpackt Innenansichten des modernen China in einen Thriller: "Angels Wear White". - © La Biennale di Venezia

Regisseurin Vivian Qu verpackt Innenansichten des modernen China in einen Thriller: "Angels Wear White". © La Biennale di Venezia

Venedig. Das Filmfestival von Venedig hat in diesem Jahr etliche heftige Gewitter über sich ergehen lassen müssen, da blieb kein roter Teppich trocken, und, mehr noch: kein Kinosaal verschont. In der Lagunenstadt steht ja bald einmal ein Gebäude unter Wasser, aber am Lido, an sich eine natürlich geformte Insel, sollten die Häuser eigentlich trocken bleiben. Mitnichten: Im Casino tropft das Regenwasser von der Decke des Kinosaals, genau wie im Foyer des Palazzo del Cinema. Die unter Mussolini errichteten Bauten erstrahlten heuer nach umfassenden Renovierungen in frischem Glanz, aber dicht sind sie deshalb noch lange nicht.

Das alles klingt schwer nach "typisch italienisch", aber im Grunde kann es auch als Metapher für das diesjährige, überaus starke Programm herhalten.

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Denn manche Filme hier haben ihr Publikum wirklich im Sturm erobert. Oder sie haben Turbulenzen ausgelöst und verstört. "Mother!" von Darren Aronofsky zum Beispiel, der ein Buh-Konzert erntete, weil er ein bedrohliches Szenario voller Angstzustände und Psychothriller-Elemente lange auf etwas zusteuern lässt, das sich am Ende als recht banal in seiner Ausformung entpuppt. Ungebetene Gäste bringen hier ein ungleiches Paar (Jennifer Lawrence und Javier Bardem) in einen Horrortrip. Es ist der verstörendste Film dieses Festivals.

Eine Palme für einen Film!
Ebenfalls Buh-Rufe erntete Abdellatif Kechiche, der Gewinner der Goldenen Cannes-Palme für "Blau ist eine warme Farbe". Genau diese Palme will Kechiche nun im Internet verhökern, weil er Geld braucht für den zweiten Teil seines neuen Films "Mektoub, My Love". Die Geldgeber haben ihm den Hahn zugedreht, weil sie einen 120-Minuten-Film wollten, doch Kechiche hat kurzerhand 180 Minuten geschnitten und eben auch noch Teil zwei mitgedreht, der ebenfalls so lange werden soll. Allein: Es fehlt nun das Geld für die Nachbearbeitung. Bei rund 50.000 Euro stehen nun die Gebote für Kechiches Palme.

Die Story des Films klingt gegen die Entstehungsgeschichte hingegen nur einen Bruchteil so interessant, verbringt Kechiche doch einen Gutteil seiner drei Filmstunden damit, Jugendlichen dabei zuzuhören, wie sie sich über die Liebe unterhalten innerhalb eines unbeschwerten Sommers voller Flirts und Schmetterlingen im Bauch. Geschichte gibt es dazu noch keine, aber die folgt vermutlich in Teil zwei. Kechiche hat jedenfalls ganz offensichtlich eigene Erinnerungen eingebracht in dieses jeder dramaturgischen Regel widersprechende Werk.

Viele Regeln befolgt dagegen das chinesische Drama "Angels Wear White" von Regisseurin Vivian Qu. Sie erzählt von einer Hotelrezeptionistin, die Zeugin des sexuellen Missbrauchs zweier 12-jähriger Schülerinnen durch ein scheinbar hohes Tier der Stadtverwaltung wird.

Klassische Spannungselemente
Qu lädt diesen Thriller mit vielen klassischen Spannungselementen auf und zeigt anhand ihrer straffen Dramaturgie einerseits, wie die Korruptionen und Perversionen einer westlichen Welt langsam auch auf die sozialistische Volksrepublik übergreifen, und andererseits, wie unterdrückt Frauen in dieser stark männerdominierten Gesellschaft sind; auch, wenn hier jeder und jede auf ihren eigenen Vorteil erpicht ist (auch eine sehr unsoziale Entwicklung), gibt es am Ende natürlich eindeutige Sieger, und die sind männlich. "Angels Wear White" wäre nicht nur als fulminant inszeniertes Drama preiswürdig, sondern auch seines Informationsgehalts über das moderne China wegen, wo der Film offenbar ganz unbehelligt durch die Zensurbehörden gelangte.

Das französische Drama "Hannah" mit Charlotte Rampling in einer fordernden Altersrolle, erzählt von einer Frau, die sich nach der Inhaftierung ihres Mannes zusehends von ihrer gewohnten Lebensumgebung entfremdet. Rampling könnte hierfür durchaus den Darstellerpreis erhalten.

Als letzter Film im Wettbewerb lief der französische Beitrag "Jusqu’à la garde" von Xavier Legrand. Das nüchterne, in blasse Farben getauchte Sorgerechtsdrama zwischen zwei getrennten Elternteilen (Denis Ménochet, Léa Drucker) belastet vor allem den kleinen Sohn (Thomas Gioria); er gerät unter all der Last der Mühlen der Justiz und der wechselseitigen Psychospielchen an das Ende seiner Kräfte. Es ist wie das Gefühl, ein Dach über dem Kopf zu haben, das leck ist.

Die Preisträger finden Sie ab Samstag Abend in unserem Online-Dossier unter www.wienerzeitung.at/venedig




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Dokument erstellt am 2017-09-08 16:48:07




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