• vom 06.09.2012, 17:35 Uhr

Filmfestival Venedig 2012

Update: 06.09.2012, 18:28 Uhr
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Provokation im Film zwischen gewagtem Veränderungsanstoß und billiger Eigenpromotion

Wut, Mut und Zumutung


Von Alexandra Zawia aus Venedig

  • Blasphemische Bilder wie bei Ulrich Seidl haben eine lange Tradition.

Lido, Venezia, vor zwei Tagen: Zwei Frauen stürmen auf ein Mädchen zu, vielleicht 16 Jahre alt, umzingeln es, bis es sich eine Kette mit einem Kreuz umhängen lässt. Dann zerren sie es freundlich, aber bestimmt mit in jene aufgeregte Menschenmenge, die gerade die Hauptstraße verstopft: Etwa 150 Leute halten Schilder hoch: "Schützt Jesus Christus" steht da oder "Blasphemie wie nie!" - Keine Szene aus einem Kidnapping-Thriller, wiewohl diese Demonstration der ultrakonservativen katholischen Vereinigung NO 194 durchaus von einem Film inspiriert ist: Nachdem bei den Filmfestspielen von Venedig Ulrich Seidls Wettbewerbsbeitrag "Paradies: Glaube" gezeigt worden war, gingen in Italien die katholischen Wogen hoch. Eine Szene in Seidls Film, in der die extrem religiöse Protagonistin mit einem Kruzifix masturbiert, war eindeutig zuviel. Die Organisation, vor drei Jahren gegründet und vertreten vom Italiener Pietro Guerini, kämpft eigentlich gegen Abtreibung und hat nun Seidl und Festivaldirektor Alberto Barbera wegen Blasphemie angezeigt.

Hier muss sogar der "Exorzist" einschreiten: William Friedkins Horrorklassiker.

Hier muss sogar der "Exorzist" einschreiten: William Friedkins Horrorklassiker.© © Bettmann/CORBIS Hier muss sogar der "Exorzist" einschreiten: William Friedkins Horrorklassiker.© © Bettmann/CORBIS

Die schlimmste Beleidigung
Die Tatsache allein, dass Blasphemie in manchen Ländern - in Italien, Österreich und Deutschland etwa mit Geldstrafen - gesetzlich geahndet werden kann, gibt Anlass, dies durchzudenken. Die (hypothetische) Frage ist: Wie kann man in dieser Angelegenheit die Säkularität eines Staates wahren - bzw. will die Mehrheit lieber eine Theokratie?

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Erst vor kurzem hat der Autor Martin Mosebach in Deutschland die Debatte neu entzündet, in dem er forderte, Christen besser gegen Gottesbeleidigung zu schützen: "Geschützt werden aber müssen Menschen, denen es um Gott geht", schreibt er in einem Artikel in der FAZ vom 25. Juli 2012. "Sie sind es, die durch Religionsbeleidigung beleidigt werden, und zwar schwerer und tiefer als durch Beleidigung ihrer eigenen Person." Warum sollte "Religionsbeleidigung" in einem säkularen Staat aber strafbar sein? Ach ja, und: Was darf Kunst?

Damit die Leute zuhören
Filmemacher wie Ulrich Seidl oder Michael Haneke sind berühmt-berüchtigt und verehrt für ihre Art von "Zumutungskino". "Kunst sollte eine Zumutung sein", sagte etwa Haneke der "Wiener Zeitung" im Interview. "Kunst versucht, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen - und die Wirklichkeit ist ja eine Zumutung, das tägliche Leben ist auch eine Zumutung. Wenn Kunst den Namen verdient, muss sie eine Zumutung sein. Das heißt ja nicht, dass ich jemandem ununterbrochen auf die Zehen steigen soll, aber wenn ich etwas sagen will, das jemand hören soll, aber bemerke, dass niemand zuhört, muss ich eben Mittel finden, dass die Leute zuhören."




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-09-06 17:41:06
Letzte Änderung am 2012-09-06 18:28:03


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