• vom 08.04.2012, 11:42 Uhr

Frankreich 2012

Update: 10.04.2012, 17:51 Uhr
  • Artikel
  • Kommentare (6)
  • Lesenswert (15)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Die Hoffnung von Frankreichs Linken

Jean-Luc Mélenchon laut Umfragen auf Platz drei


Von WZ Online/cra

  • Ehemaliger Minister unter Jospin mobilisiert die Massen und bietet (nicht nur) der rechtsextremen Kandidatin Le Pen die Stirn.

Jean-Luc Mélenchon bei einer Wahlveranstaltung in Lille. - APAweb / REUTERS/Pascal Rossignol

Jean-Luc Mélenchon bei einer Wahlveranstaltung in Lille. APAweb / REUTERS/Pascal Rossignol

Er wird bei diesen Wahlen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht Präsident werden, dennoch hat es der Linkskandidat Jean-Luc Mélenchon zum Star des Wahlkampfes gebracht. Fünfzehn Prozent der Wahlberechtigten wollen Umfragen zufolge am 22. April ihr Kreuz hinter dem Namen des ehemaligen Trotzkisten machen.

Werbung

In der Wählergunst hat der 60-Jährige damit die rechtsextreme Politikerin Marine Le Pen vom dritten Platz verdrängt.

Zwar liegt Mélenchon mit seinen Umfragewerten weit hinter dem konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy und dessen sozialistischen Herausforderer Francois Hollande. Doch er hat das Protestpotenzial weitgehend auf sich vereinigt, das sich zu früheren Zeiten Trotzkisten, Kommunisten, Sozialisten, linke Nationalisten und Grüne geteilt hatten.

In seinen Wahlkampfreden fordert er, Frankreichs Souveränität neue Geltung zu verschaffen und der Nato den Rücken zu kehren.

Information

Jean-Luc Mélenchon war 2000 - 2002 Minister für Berufsbildung im Kabinett Jospin. Im Jahr 2008 trat Mélenchon aus der sozialistischen Partei aus und gründete nach dem Vorbild der Deutschen Linkspartei (Parti de Gauche), deren Europaabgeordneter und Vorsitzender er ist.

Wahlprogramm

Auch feurige Aufrufe zum Kampf erfreuen das Publikum, das zu Sätzen wie "Wenn es keine Freiheit mehr gibt, ist der Aufstand die heilige Pflicht der Republik" begeistert die roten Fahnen schwenkt. Für den Fall des Wahlsiegs verspricht er, den Mindestlohn auf monatlich 1700 Euro zu erhöhen und die Jahreseinkommen bei 360.000 Euro zu deckeln. Jeder Cent darüber soll dem Staat zufließen, und das Renteneintrittsalter will der Linke wieder auf 60 Jahre senken. Außerdem punktet Mélenchon mit EU-kritischen Positionen, aktuell vor allem gegen den Fiskalpakt, bei der Bevölkerung.

Eine klare Sprache und ein eindeutig antikapitalistischer Kurs bescheren Mélenchon viel Zuspruch, zehntausende Menschen finden sich zu den Wahlkampfveranstaltungen der "Front de gauche" (eine Fusion der Kommunisten und der Parti de Gauche) ein, in Paris folgten zuletzt sogar mehr als 100.000 Personen dem Aufruf Mélenchons zu einem "Marsch auf die Bastille".
Außerdem schaffte es der wortgewandt Politiker auch, die rechtsextreme Politikerin Marine Le Pen zum Schweigen zu bringen. Sie verweigerte ihm während einer Fernsehdiskussion die Diskussion, nachdem er mehrmals den wahren Charakter des Front National gezeigt hatte: denn Le Pens politischer Diskurs funktioniert nur solange, solange sie nicht auf präzise Argumente zu antworten hat. Mit Mélenchon hat nun aber ein Politiker die Bühne betreten, der dieses Spiel auch aufzeigen kann.

Le Pen weigert sich seither, mit ihm zu debattieren, unter anderem mit der Begründung, Mélenchon sei bei den Wahlen im Unterschied zu ihr eine im Wahlkampf unbedeutende Figur. Angesichts der Umfragewerte entbehrt dieses Argument allerdings jeglicher Grundlage.

Mobilisierung

Der charismatische Präsidentschaftskandidat Mélenchon schafft es, die Massen zu mobilisieren.  Zehntausende strömen zu seinen Reden, wie hier in Toulouse.

Der charismatische Präsidentschaftskandidat Mélenchon schafft es, die Massen zu mobilisieren. Zehntausende strömen zu seinen Reden, wie hier in Toulouse.APAweb / REUTERS/Bruno Martin Der charismatische Präsidentschaftskandidat Mélenchon schafft es, die Massen zu mobilisieren. Zehntausende strömen zu seinen Reden, wie hier in Toulouse.APAweb / REUTERS/Bruno Martin

Experten zufolge hat Mélenchon mit seinem Wahlkampf indirekt dem Sozialisten Hollande geholfen - weil er Industriearbeiter, Studenten und Arbeitslose mobilisierte, die anderenfalls nicht gewählt oder Le Pen die Stimme gegeben hätten.

Ein zu großer Erfolg würde hingegen bürgerliche Wähler abschrecken, auf dass sie im zweiten Wahlgang am 6. Mai ihr Kreuz bei Sarkozy machen werden. Der konservative Amtsinhaber warnte deshalb schon, dass Hollande zur "Geisel Mélenchons" werden könne.

Ministeramt möglich

Wenn denn die Bedingungen stimmen, so ließ Mélenchon seine Sprecherin unlängst verlauten, werde er seine Linkspartei in ein Regierungsbündnis mit Hollandes Sozialisten einbringen. Kabinettserfahrung hat das Kind der Revolte von 1968, das so gar nichts über sein Privatleben verlauten lässt, auf jeden Fall: Unter dem sozialistischen Premier Lionel Jospin war er von 2000 bis 2002 Minister für Berufsbildung.


Video auf YouTube





6 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-07 19:26:10
Letzte Änderung am 2012-04-10 17:51:29


Frankreich 2012: Das Ergebnis des zweiten Wahlgangs

Das von der französischen Wahlbehörde verlautbarte offizielle Endergebnis des zweiten Wahlgangs der französischen Präsidentschaftswahlen 2012 ergab... weiter




In den Programmen von Hollande und Sarkozy finden sich auch Übereinstimmungen

Der nächste Präsident muss sparen

(ja) Nicht nur der Inhalt auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung von Programmen kann wahlentscheidend sein. Der sozialistische... weiter




Hollande klarer Favorit der Stichwahl

Frankreich 2012: Umfragen zur Wahl

Hellseher - Klaus Eppele - Fotolia.com In der Vorwahlzeit stehen die Meinungsforscher im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Die Prognosen für den zweiten Wahlgang sagen einen klaren... weiter




Frankreich 2012: Das Ergebnis des ersten Wahlgangs

Frankreich 2012 - 1. Wahlgang - Marie-Lan Nguyen (2), besoindegauche - Charles Hendelus, EPP, Antonin Borgeaud - Creative Commons Das von der französischen Wahlbehörde verlautbarte offizielle Endergebnis des ersten Wahlgangs der französischen Präsidentschaftswahlen 2012... weiter




Die Kandidaten des ersten Wahlgangs

Frankreich 2012 Kandidaten 1 - Marie-Lan Nguyen, besoindegauche - Charles Hendelus, EPP, Antonin Borgeaud, Marie-Lan Nguyen - Creative Commons Drei Kandidatinnen und sieben Kandidaten haben sich für die erste Runde der französischen Präsidentschaftswahlen am 22... weiter




Der französische Präsident steht an der Spitze des politischen Systems

Das mächtigste Staatsoberhaupt in der EU

Politisches System Frankreich - Ladyt - Creative Commons Von allen Staatsoberhäuptern der Europäischen Union hat der französische Präsident die größten Vollmachten. Seine starke Stellung verdankt er der... weiter




Kandidaten brauchen breit gestreute Unterstützung

Wie wird gewählt?

Elysée - Pang-hung liu - Creative Commons Der Präsident der Republik Frankreich wird in allgemeiner und direkter Wahl gewählt. Seine Amtszeit beträgt fünf Jahre... weiter




Die Präsidenten Frankreichs

De Gaulle - KA PS - Creative Commons Der Präsident der Republik (Président de la République) ist Vorsitzender des Ministerrats, Staatsoberhaupt und repräsentiert  Frankreichs auf... weiter



Werbung



Beliebte Inhalte






Chondrocladia lyra, ein fleischfressender Schwamm, lebt über drei Kilometer tief im Pazifik vor der Küste von Kalifornien. Die Art wurde von der Universität von Arizona in Tempe (USA) für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt.

23.05.2013: Nach 28 Jahren stießen Biologen auf eine unbekannte Affenart in Afrika: die Lesula-Affen. Sie leben versteckt in der Lomami-Region in der Dem. Rep. Kongo und wurden nun von der Universität von Arizona für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt. Nach Sony (PlayStaion 4) und Nintendo (WiiU) hat nun auch Microsoft seine Vision der zukünftigen Spielkonsolenwelt vorgestellt. Kinect Group Program Manager Scott Evans demonstrierte bei der Präsentation der "Xbox One" gleich einmal den neuen Kinect-Sensor, der nun nicht mehr als Zubehör erhältlich sein wird, sondern fix im Lieferumfang enthalten sein wird.

Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Werbung