• vom 20.04.2017, 21:15 Uhr

Frankreich 2017

Update: 21.04.2017, 14:38 Uhr

Frankreich 2017

Frankreich ordnet sich neu




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Von WZ-Korrespondentin Birgit Holzer

  • Bei der Präsidentschaftswahl könnten vor allem die Kandidaten reüssieren, die für einen Bruch mit den etablierten Volksparteien stehen. Doch allzu siegessicher können sich auch Macron oder Le Pen noch nicht sein.

Wem sie ihre Stimme geben werden, liegt bei vielen Wählern noch im Dunkeln. - © ap/Christophe Ena

Wem sie ihre Stimme geben werden, liegt bei vielen Wählern noch im Dunkeln. © ap/Christophe Ena

Paris. Charlotte hatte eine Vision. Halb im Scherz, halb im Ernst erzählt sie davon, während der Mittagspause in einem Asia-Imbiss in Paris. "Plötzlich sah ich vor meinem inneren Auge: Macron, Macron, Macron. Da war mir klar: Er wird gewinnen." Ihre Kollegin Lydia schüttelt den Kopf: "Du arbeitest zu viel!" Charlotte kümmert sich als Info-Graphikerin bei der französischen Wirtschaftszeitung "Les Echos" um die Schaubilder zu Umfragen vor der Präsidentschaftswahl - und stößt dort täglich auf den unabhängige Kandidaten Emmanuel Macron als Spitzenreiter. Ihre Vorahnung stammt also nicht von ungefähr.

Lydia wiederum kann sich damit nicht anfreunden. Sie unterstützt den Sozialisten Benoît Hamon, weil sie sich eine linke Politik des sozialen Ausgleichs wünscht. Obwohl Macron verspricht, den Sozialstaat zu bewahren und die Bewohner benachteiligter Viertel besonders zu fördern, überzeugt er sie nicht: "Das ist doch reines Marketing. Es ist unmöglich, seinen Reden zu folgen, er reiht nur Phrasen aneinander."


Enges Rennen steht bevor
Dennoch kommt der 39-Jährige mit seinem optimistischen Auftreten bei vielen Franzosen an - das bestätigten die Erhebungen, die fast täglich erscheinen. Vier der elf Kandidaten dürften demnach eine Chance haben, die erste Runde an diesem Sonntag zu überstehen und die Stichwahl am 7. Mai zu erreichen. Die Tendenz scheint seit Wochen ungebrochen: Der linksliberale Macron liegt zwischen 22 und 25 Prozent, mal gleichauf mit der Rechtspopulistin Marine Le Pen, mal einen Hauch vor ihr. Um den dritten Platz kämpfen demnach der Republikaner François Fillon und der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon, denen jeweils rund 19 Prozent der Stimmen vorausgesagt werden. Mélenchon, der eine radikale Umverteilung von Reichtum verspricht, hat in den vergangenen Wochen spektakulär aufgeholt. Das ging vor allem auf Kosten des Sozialisten Hamon, der nur noch bei acht Prozent liegt.

Doch wie verlässlich sind Umfragen? Bei den internen Vorwahlen der Republikaner und der Sozialisten setzten sich mit Fillon und Hamon überraschend Außenseiter durch, mit denen kaum einer gerechnet hatte. Sie profitierten jeweils von der großen Unbeliebtheit ihrer Rivalen, doch nun drohen beide zu scheitern: Dem wenig charismatischen Hamon gelang es nicht, seine Ideen von einem bedingungslosen Grundeinkommen bis zu einer Reduzierung der Arbeitszeit glaubwürdig zu erklären. Fillon wiederum machte sich nicht nur mit der Ankündigung eines harten Reform- und Sparprogramms viele Feinde - es reicht von der Erhöhung der Mehrwertsteuer über die Kürzung von 500.000 Beamtenstellen bis zum Ende der 35-Stunden-Woche. Der Konservative verlor auch an Glaubwürdigkeit durch die Ermittlungen wegen des Verdachts der Scheinbeschäftigung seiner Frau und zwei seiner fünf Kinder auf Kosten des Staates.

Häppchenweise kamen über Wochen hinweg immer neue Enthüllungen ans Licht, die sein Image als ehrlichen Staatsmann zunichte machten: So ließ sich Fillon ausgerechnet vom Anwalt afrikanischer Machthaber teure Maßanzüge schenken. Heftig wehrte sich der 63-Jährige, indem er den Medien eine Schmutzkampagne vorwarf - dementsprechend stehen diese mit ihm nun auf Kriegsfuß. Erschüttert verfolgten die Franzosen das Spektakel, das die weit verbreitete negative Sicht der Politiker noch zu bestätigen schien: "Die sind doch alle verdorben", hört man auf den Straßen.

Die Schwäche der beiden großen Volksparteien ordnet die politischen Landschaft neu - und macht sie unübersichtlich: Macron, Le Pen und Mélenchon profitieren von ihrer unverbrauchten Aura als Kandidaten, die das alte System durchbrechen. Doch mit welcher Mehrheit könnten sie im Falle eines Sieges regieren, wenn im Juni Parlamentswahlen anstehen? Es herrscht Verunsicherung. Der geringe Abstand der vier stärksten Kandidaten lässt alles offen in einer Wahl, die derzeit fast alle Gespräche dominiert. Zehntausende strömten in den vergangenen Tagen und Wochen zu den Kundgebungen "ihrer" Kandidaten. Das Rentnerehepaar Nicole und Michel Berthelot gehört dazu: "Wir sind überzeugt, dass Macron das beste Programm hat, weil er für Europa und eine vernünftige Liberalisierung der Wirtschaft ist", sagen sie von dem ehemaligen Wirtschaftsminister. Doch nicht alle sind sich ihrer Wahl so sicher: Jeder vierte Wähler weiß immer noch nicht, wem er seine Stimme geben soll; wenn er überhaupt wählen geht.

Attacken und Skandale
"Kein einziger Kandidat überzeugt mich, für mein konkretes Leben ändert sich eh nichts, und außerdem muss ich am Sonntag arbeiten", sagt ein junger Kellner in einer Pariser Bar. Wie viele ist er angewidert von einem Wahlkampf, der von scharfen gegenseitigen Attacken der Kandidaten geprägt war, von einer atemlosen Suche der Medien nach immer neuen Skandalen. Wenn debattiert wurde, dann noch am häufigsten über Maßnahmen zum Kampf gegen die hohe Arbeitslosigkeit und das Verhältnis zu Europa. Doch oft gingen inhaltliche Vorschläge unter. "Man fühlt sich verloren, und ich brauchte lange, um mich zu entscheiden", gesteht Christine aus dem bürgerlichen Pariser Vorort Charenton-le-Pont. "Aber wenn ich mir die Programme ansehe, glaube ich, dass Fillon am besten dafür geeignet ist, Frankreichs Wirtschaft wieder aufzurichten. Er zitiert oft den Reformmut von Deutschland als Beispiel - da läuft es doch wieder besser? Na also!" Der ehemalige Premierminister unter Präsident Nicolas Sarkozy habe sich bei der Wirtschaftskrise 2009 als guter Krisenmanager gezeigt. Und die Vorwürfe der Selbstbereicherung betreffen ihrer Meinung nach nicht nur Fillon, sondern viele andere Politiker auch: "Die machen das doch eh alle!"

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Dokument erstellt am 2017-04-20 21:20:10
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