Fukushima/Tokio.

Doch mit Hilfe von Spenden konnte Sasaki sich neues Heu aus Nordjapan besorgen. Vor jeder Auslieferung lässt er nun seine Milch auf Radioaktivität testen. Die Werte liegen unter der Nachweisgrenze - dank des sauberen Futters. Doch ob sein Sohn, der den Hof eigentlich übernehmen sollte, wenn Sasakis Parkinson-Krankheit weiter fortschreitet, noch von Milchprodukten "made in Fukushima" leben können wird, weiß der 70-Jährige nicht.
Der Ruf der von der Landwirtschaft abhängigen Region ist seit dem zweitschlimmsten Reaktorunfall nach Tschernobyl nachhaltig ruiniert. Bei Gemüse sind die Strahlenwerte mittlerweile stark zurückgegangen, aber bei Reis und Pilzen würden selbst die hohen provisorischen Grenzwerte der Regierung noch manchmal überschritten, erzählt Satoshi Nemoto, Vize-Chef der örtlichen Agrargenossenschaft. Die Preise, die die Landwirte für ihre Produkte verlangen können, sind dementsprechend im Keller, vor allem besorgte Mütter mit kleinen Kindern kaufen noch immer ausschließlich Waren aus dem verschont gebliebenen Süden oder Westen. Zu tief steckt die Angst vor einer möglichen Verstrahlung vielen Japanern nach wie vor in den Knochen.

"Viele Bauern sehen keine Perspektive mehr", sagt Nemoto. "Drei Kollegen haben sich bereits aus Verzweiflung das Leben genommen", ergänzt er nach einer kurzen Pause und schluckt. Wenn sich Kollegen bei ihm Rat holen, erklärt Nemoto, es sei ihre Generation gewesen, die den Ausbau der Atomkraft zugelassen habe. Nun sei es ihre Aufgabe, das Land fruchtbar zu halten, damit ihre Kinder und Enkel wieder Landwirtschaft betreiben können. "Wir müssen weitermachen, auch wenn die nächste Ernte wieder verseucht ist."
Problematischer Schutt
Doch die Zuversicht nicht zu verlieren, fällt nicht nur den Bauern in der Fukushima-Provinz schwer - für viele in den von der Reaktorkatastrophe betroffenen Gebieten ist der Begriff "Normalität" derzeit nicht mehr als ein ferner Wunsch. Ein Jahr, nachdem knapp 19.000 Menschen ihre Leben durch das Erdbeben und den Tsunami verloren haben, lebt die große Mehrheit der mehr als 300.000 Evakuierten noch immer in Not- oder Behelfsunterkünften. In den Containerdörfern, die in vielen Orten entlang der Ostküste eiligst aufgebaut wurden, herrschen Tristesse und Perspektivlosigkeit. Oft sitzen die Bewohner hier vor ihren Häusern und starren in die graue Siedlung. Spätestens nächsten Sommer müsse das provisorische Leben ein Ende habe, sagt die 35-jährige Yoko Murakami, die in einer Behelfssiedlung im kleinen Ort Rikuzentakata lebt. "Die Enge ist bedrückend."

Wie es weitergehen soll, weiß aber auch ein Jahr danach niemand so genau, denn die Flutwelle und das Beben haben am 11. März 2011 nicht nur Wohnhäuser zerstört, sondern auch Fabriken, Gewerbebetriebe und Verkaufslokale. Mit dem Verlust der Arbeit ging auch die Lebensgrundlage der Menschen verloren, dem Werben der Lokalpolitiker um neue Betriebsansiedlungen folgen die Unternehmer bisher nur zögerlich. Jobs gibt es für die meisten daher nur bei Aufräum- oder Dekontaminierungsprojekten, die auf den ersten Blick gut voranzukommen scheinen. Inmitten einst belebter Gebiete findet man nun riesige Brachen, oft zeugen nur die sorgsam und überaus akkurat vom Schutt befreiten Betonfundamente davon, dass sich hier einmal Haus an Haus gedrängt hat.
Doch die offensichtliche Leere, die nun vielerorts regiert, täuscht über eines der gravierendsten Probleme hinweg, mit dem sich das Land bei seinen Wiederaufbaubemühungen konfrontiert sieht. Die teils stark radioaktiv belasteten Trümmer wurden zwar großflächig weggeräumt, auf provisorischen Lagerplätzen zu großen Bergen getürmt oder in überdimensionale Plastikbeutel verpackt, doch aus der Welt geschafft wurden sie nicht. Von den 23 Millionen Tonnen Schutt, die der Tsunami und das Beben hinterlassen haben, sind der Regierung zufolge erst fünf Prozent adäquat entsorgt worden. Trotz aller Solidaritätsaufrufe weigern sich Lokalbehörden und Deponiebetreiber, die Trümmer zu übernehmen - zu groß ist die Angst vor einer möglichen Verstrahlung und den Protesten der Bevölkerung.
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