• vom 23.04.2012, 16:27 Uhr

Fußball-EM 2012

Update: 01.05.2012, 13:30 Uhr
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Die Ukraine hat zur Euro 2012 viele Milliarden investiert, doch die breite Masse hat davon wenig

Hinter der schicken Fassade


Von Reinhard Krennhuber aus der Ukraine

  • Teure Stadien, protzige Luxushotels, moderne Flughäfen: Doch wem nützt’s?

Kiew/Charkiw. Am Rathaus im Zentrum von Kiew zählt eine Digitaluhr die Zeit bis zum Anpfiff der Euro 2012 am 8. Juni herunter. Und zumindest im nur 15 Gehminuten entfernten Olympiastadion scheint man für das Megaevent gerüstet. Während das benachbarte Hotel Sport, ein Drei-Sterne-Plattenbau sowjetischer Prägung, noch eine fensterlose Großbaustelle abgibt, erstrahlt der für 585 Millionen Euro an alter Stelle neuerrichtete Fußballtempel bereits in vollem Glanz. Knapp 66.000 Zuschauer werden hier dem Endspiel, einem Viertelfinale und den Gruppenpartien der Ukraine, Schwedens, Frankreichs und England beiwohnen. Zurzeit dienen die Spiele von Dynamo Kiew den Verantwortlichen als Generalproben.

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Anders als im benachbarten Polen ist Spitzenfußball in der Ukraine noch immer ein leistbares Vergnügen: Eintrittskarten für Spiele der Premier League sind ab 20 Hrywnja (umgerechnet zwei Euro) zu haben - auch im neuen Olympiastadion. Deshalb ist die Arena meist gut gefüllt, das EM-Stadion lockt die Massen an. Lief Dynamo während der Bauphase im alten Stadion oft vor weniger als 5000 Zuschauern ein, kommen jetzt selbst zum Match gegen Mittelständler bis zu 40.000 Fans. Doch für die kommende Saison, nach der Euro, hat der ukrainische (und sowjetische) Rekordmeister bereits Preissteigerungen angekündigt.

Das neue Prunkstück Kiews ist das Final-Stadion der Euro 2012, in dem auch Rekordmeister Dynamo spielt. "An den post-sowjetischen Lebensumständen wird sich nichts ändern", sagt ein Fan.

Das neue Prunkstück Kiews ist das Final-Stadion der Euro 2012, in dem auch Rekordmeister Dynamo spielt. "An den post-sowjetischen Lebensumständen wird sich nichts ändern", sagt ein Fan.Foto: Krennhuber Das neue Prunkstück Kiews ist das Final-Stadion der Euro 2012, in dem auch Rekordmeister Dynamo spielt. "An den post-sowjetischen Lebensumständen wird sich nichts ändern", sagt ein Fan.Foto: Krennhuber

20 Milliarden Euro investiert
Bei anderen zentralen Bauprojekten in der Sechs-Millionen-Stadt hinken die Veranstalter dem Zeitplan hinterher. Der neue Terminal am 35 Kilometer außerhalb Kiews gelegenen Flughafen Borispol ist ebenso noch nicht fertig wie die zweite innerstädtische Brücke über den Dnepr. Der öffentliche Verkehr scheint dagegen für den Fanansturm der EM bereit: Wegweiser und Stationsbezeichnungen in der U-Bahn gibt es auch in lateinischen Buchstaben. Für die Straßenschilder im Verkehrsdschungel von Kiew braucht man des Kyrillischen ebenso nicht mächtig zu sein.

Bis zu 20 Milliarden Euro soll die ukrainische Regierung in Infrastrukturmaßnahmen für die EM investiert haben. Während die omnipräsente Schattenwirtschaft davon profitierte, werden die Investitionen von den Steuerzahlern kritisch gesehen. "Die Straßen zwischen den Austragungsorten wurden neu geteert, aber die Maßnahmen sind nicht nachhaltig", sagt ein Dynamo-Fan vor dem Olympiastadion. "An den post-sowjetischen Lebensumständen wird sich nichts ändern. Die Straßen werden nach dem nächsten Winter genauso kaputt sein wie vorher."

Und auch die Informationspolitik von Viktor Janukowitschs regierender Partei der Regionen und des Organisationskomitees steht in der Kritik. Während man Millionen für Image-Werbespots auf ausländischen TV-Sendern verschleuderte, ist die Bevölkerung über den Stand der Vorbereitungen und die Pläne schlecht informiert. Das zeigt sich auch bei einem Besuch der Trukhanow-Insel, einem langgezogenen Eiland ähnlich der Wiener Donauinsel inmitten des Dnepr.

Explodierende Hotelpreise
Die Fischer und Sonnenanbeter haben keine Ahnung, dass der Platz im Juni von den schwedischen Fans als Campingplatz benutzt werden soll. "Wir wissen nichts davon. Ich halte es aber für eine gute Idee, weil die Hotelpreise explodieren", sagt Daria, die hier mit ihrem Freund einen der ersten warmen Frühlingsnachmittage genießt. Uefa-Präsident Michel Platini hatte sich bei einem kürzlichen Besuch in Lemberg wegen der Hotelpreise erzürnt: "Es ist dumm, zuerst viele Investitionen zu tätigen und danach den Leuten sagen zu müssen, ihr könnt nicht kommen, weil Banditen und Gauner mit der Euro viel Geld verdienen wollen."

Die Vorbereitungen auf das Eintreffen der Schweden auf der Trukhanow-Insel haben jedenfalls noch nicht begonnen. Außer einer Trennmauer deutet nichts auf das Camp hin, der Platz verfügt nicht annähernd über die notwendige Infrastruktur wie Sanitäranlagen oder Restaurants.

Millionär Olexandr Jaroslawskyj (l.) zeigt Michel Platini das Stadion, das Hotel (r.) nebst Lenin-Statue hat er auch finanziert.

Millionär Olexandr Jaroslawskyj (l.) zeigt Michel Platini das Stadion, das Hotel (r.) nebst Lenin-Statue hat er auch finanziert.Foto: epa/Krennhuber Millionär Olexandr Jaroslawskyj (l.) zeigt Michel Platini das Stadion, das Hotel (r.) nebst Lenin-Statue hat er auch finanziert.Foto: epa/Krennhuber

In Charkiw grüßt Lenin
500 Bahnkilometer weiter östlich dreht sich vor dem mächtigen Bahnhof von Charkiw ein Euro-Logo in der Frühlingssonne. In der zweitgrößten Stadt der Ukraine werden Vorrundenspiele von Deutschland, Portugal, den Niederlanden und Dänemark ausgetragen. Wenige hundert Meter hinter dem Bahnhof lassen unasphaltierte Straßen, jahrzehntealte Straßenbahngarnituren und Industrieruinen den Besucher erkennen, dass er hier, nur 60 Kilometer vor der russischen Grenze, nicht mit westeuropäischen Standards zu rechnen braucht. Vielmehr zeigt sich ein Bild der Gegensätze, denn das Zentrum macht einen freundlichen- und dank zehntausender Studenten - sehr belebten Eindruck.

Am 750 Meter langen Prospekt Swobody wird die größte Fanzone dieser EM entstehen. Über dem Freiheitsplatz thront eine riesige Lenin-Statue, daneben ragt das Kharkiv Palace Hotel noch viel weiter in den Himmel. Finanziert hat das 96 Millionen Euro teure Fünf-Sterne-Eldorado mit 180 Zimmern, einem Ballsaal für 600 Gäste und jedem erdenklichen Schnickschack eine Investorengruppe um den Multimilliardär Olexandr Jaroslawskyj, der auch den örtlichen Klub Metalist unterstützt, der Salzburg in der Europa League eliminiert hat.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-23 16:32:08
Letzte Änderung am 2012-05-01 13:30:39


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