• vom 28.06.2012, 20:07 Uhr

Fußball-EM 2012

Update: 28.06.2012, 20:08 Uhr

Roland Loy

Wenn nur noch Nuancen entscheiden




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  • Sportstatistiker Roland Loy über die Auffälligkeiten bei dieser EM.

Wien. Am Ende kommt es auf Nuancen an. Die Fußball-EM in Polen und der Ukraine ist dafür das beste Beispiel. Knappe Spielergebnisse, ähnliche Systeme, die Fokussierung auf den Kombinationsfußball - Kleinigkeiten entscheiden. "All das hat es früher auch schon gegeben, aber möglicherweise spitzt es sich weiter zu, dass Nuancen über Sieg oder Niederlage entscheiden", lautet die Conclusio von Sportwissenschaftler in seiner EM-Analyse.


Loy hat sich in der Branche durch seine Analysen und statistischen Aufbereitungen einen Namen gemacht und unter anderem Franz Beckenbauer beraten, als dieser Trainer bei Olympique Marseille war. Er hat für den Sender Sat1 die ran-Datenbank aufgebaut und für das ZDF als Berater fungiert.

Allein ein Rückblick auf die Duelle in der sogenannten Horror-Gruppe B mit Deutschland, Portugal, Niederlande, Dänemark belegt seine These: Alle Partien wurden nur mit einem Treffer Unterschied entschieden. Von defensiver Ausrichtung konnte - mit Ausnahme von Griechenland und Dänemark - überwiegend keine Rede sein. Kontrollierte Offensive war Trumpf.

Alle vier Halbfinalisten zeichneten sich durch Angriffslust aus. Selbst die früher für Catenaccio kritisierten Italiener überraschten mit Offensivdrang. Die Abwehrbollwerke aus Griechenland oder England schieden dagegen gleich zu Beginn der K.o.-Phase aus. "Es gibt eine Angleichung in den Spielstilen. Selbst die besseren Teams zeigen Ballgeschiebe im Mittelfeld, Kombinationsfußball ohne Ende - das ist typisch für den modernen Fußball", erläuterte Loy.

Am Ende ist’s der Zufall
Nur acht Tore nach Standards, nur vier durch Fernschüsse nach dem ersten Halbfinale - all dies verwunderte den früheren Schüler des deutschen Fußball-Professors Dettmar Cramer nicht. "Es hat sich vielleicht die Erkenntnis durchgesetzt, dass man aus einer Distanz von 25 Metern ungefähr 70 Torschüsse braucht, um ein Tor erzielen zu können. Innerhalb des Strafraums braucht man im Durchschnitt etwa sieben Torschüsse für einen Treffer", so Loy.

Wie Deutschland oder Portugal setzt auch Finalist Spanien auf ein 4-2-3-1-System. Gegen Portugal entschieden aber nicht die großen Ballartisten wie Xavi oder Andrés Iniesta das Match, sondern die besseren Nerven im Elferschießen, in dem sich die Spanier 4:2 durchsetzten.

Als kombinationssicher und cool erwies sich neben dem Titelverteidiger bisher auch Italien. Trainer Cesare Prandelli wird ob eines Mentalitätswandels sogar gehuldigt. Spieler, Fans und Medien waren vor allem nach 120 Minuten kompromisslosem Angriffswirbel im Viertelfinale gegen England begeistert. "Prandelli hatte den Mut, unitalienisch zu spielen", konstatierte etwa der ehemalige Nationalspieler und Stürmer Gianfranco Zola.

Prandelli wollte eigentlich einmal Architekt werden. Statt Häuser konstruierte er eine neue Squadra Azzurra, die er akribisch vorbereitet. "Wer weiß, was er zu tun hat, muss auch keine Angst vor großen Gegnern haben", lautete Prandellis Motto. Als Magier erwies sich indes der deutsche Bundestrainer Joachim Löw mit seinem Umbau-Coup mit gleich drei Veränderungen in der Startelf im Viertelfinale gegen Griechenland (4:2).

Bei aller Analyse von Taktik, Aufstellung und engen Ergebnissen - für Sportwissenschaftler Loy gibt es einen auch bei dieser EM wesentlichen Faktor: "Wenn nur ein Tor über Sieg oder Niederlage entscheidet, dann hängt auch viel vom Zufall ab."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-06-28 16:38:16
Letzte Änderung am 2012-06-28 20:08:27



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