Warschau. Italien hatte sich gerade erstmals seit 2000 für ein EM-Finale qualifiziert, doch Gigi Buffon verweigerte sich dem Jubel. Während seine Teamkollegen im Warschauer Nationalstadion den verdienten 2:1-Erfolg über Deutschland feierten, war der 34-jährige Tormann von Juventus Turin einfach nur sauer. Auf den eingewechselten Antonio Di Natale und die italienische Offensivabteilung, weil sie mehrere Konterchancen auf das 3:0 leichtfertig vertändelt hatten. Und auf Federico Balzaretti, der in der Nachspielzeit den Elfmeter verursacht hatte, der nach Mesut Özils Vollstreckung kurz noch einmal Hoffnung unter den deutschen Fans hatte aufkommen lassen.

Als der italienische Teamchef Cesare Prandelli auf der Pressekonferenz nach dem Spiel auf die Reaktion von Buffon angesprochen wurde, antworte er: "Buffon ist Weltmeister. Er weiß: Wenn man in einem Halbfinale zwei, drei derartige Chancen hat, sollte man sie auch nutzen." Nachsatz: "Wenn das Spiel in die Verlängerung gegangen wäre, hätten wir auch 2:5 verlieren können, weil die Spieler schon sehr erschöpft waren." Ein bemerkenswerter Satz eines Siegers, dem das Eingeständnis seines deutschen Gegenübers Joachim Löw vorangegangen war, wonach Italien das Match verdient gewonnen habe, weil es "einen Tick cleverer" agiert habe.
Prandellis Träume
Buffon, dem in der Heimat wegen angeblicher Wetteinsätze in Millionenhöhe das Wasser bis zum Hals steht, kann als Sinnbild für den italienischen Sieg herhalten. Der Routinier strahlte während der 90 Minuten von Warschau eine Sicherheit aus, von der sein deutsches Pendant Manuel Neuer nur träumen konnte. Nicht zuletzt deshalb ging das Spiel nicht in die Verlängerung, und Prandelli konnte seinerseits seine Schlaferlebnisse öffentlich machen. "Man hat oft große Träume. Und es kann sein, dass es erst der Anfang dieses Traums ist", sagte der 54-jährige Lombarde, der Italien aus dem Loch nach dem Vorrunden-Out bei der WM 2010 geführt hatte. "Ich sitze mit offenen Augen vor ihnen, aber eigentlich träume ich immer noch."
Dass Prandelli zumindest bis Sonntagabend weiterträumen darf, ist nicht zuletzt seinem Vertrauen in das Sturmduo Mario Balotelli und Antonio Cassano geschuldet. Die beiden Bad Boys des italienischen Fußballs ließen die deutsche Defensive förmlich über die Klinge springen. Der zweifache Torschütze Balotelli setzte sich vor allem mit seinem Tor zum 2:0, einem 120 Stundenkilometer schnellen Kreuzeckkracher von der Strafraumgrenze, ein Denkmal.
Nationalhymnen und Fußballer - das geht eigentlich nicht wirklich zusammen. Da Nationalhymnen traditionell vor jedem Fußball-Länderspiel - also... weiter