Nicht einmal Worst Case
Als die Deutschen wieder einmal aufgerückt waren, passierte der deutschen Abwehr erneut ein Fehler. Lahm fand sich auf einmal in der Rolle des Libero wieder, blieb angewurzelt stehen statt auf Abseits zu spielen, wie es seine Kollegen taten. Mario Balotelli war allein nach einem weiten Pass von Riccardo Montolivo enteilt, von der Strafraumgrenze zog der Stürmer unnachahmlich ab, Manuel Neuer war chancenlos (36.).
Ein zweites Gegentor ist dann so ein Moment, wo die Selbstsicherheit eine große Gefahr darstellt. Denn wie geht man mit einer Situation um, die nicht einmal in Worst-Case-Szenarien durchgedacht worden ist? Natürlich würde keiner der Spieler dieser jungen Mannschaft an die verheerende Bilanz gegen Italien denken, bekundeten sie vor dieser Partie. Mesut Özil erfuhr sie ja auch erst von den Journalisten. Doch ob auch er beim Stand von 0:2 daran denkt?
Das 2:0 zeigte jedenfalls Wirkung bei den Deutschen, die ihre Struktur im Spiel verloren. Auch Teamchef Löw wird sich wohl Vorwürfe gefallen lassen müssen, da er seine Startelf an drei Positionen im Vergleich zum Viertelfinale verändert hatte. Er setzte wieder auf Lukas Podolski und Mario Gómez, und er brachte erstmals von Beginn an Toni Kroos.
Doppeltausch zur Pause
Dass Löw zur Pause Gómez und Podolski für Klose und Reus herausnahm, könnte man als einen Akt der Fehlerkorrektur werten, beide Rückkehrer in die Startelf waren in der ersten Hälfte völlig blass geblieben. Reus brachte dagegen nach der Pause sehr viel Schwung, die Italiener vergaßen schnell ihre neuen Tugenden und zogen sich immer tiefer zurück.
Die kurze Pause nach dem schlauchenden Viertelfinale gegen England wird wohl auch eine Rolle gespielt haben. Antonio Cassano musste schon nach 58 Minuten das Feld entkräftet verlassen, Balotelli hatte wenig später einen Krampf und wurde ebenfalls ausgewechselt.
"In der ersten Hälfte haben wir noch das Spiel gemacht, dann haben wir nur noch verteidigt", gestand Prandelli. Deutschland hatte in den ersten zwei Minuten nach Wiederbeginn zwei große Chancen, nach einer Stunde parierte Buffon einen Freistoß von Reus. Ein Tor hätte vielleicht alles gedreht, denn die Italiener waren kräftemäßig am Limit. Und bei einem 1:2 hätte sich auch wieder das Selbstvertrauen bei den Deutschen zurückgemeldet.
Doch Italien hatte auch einige Konterchancen, ließ selbst Sitzer aus. Das 1:2 aus einem Özil-Elfer in der 92. Minute war nur noch Ergebniskorrektur. "Die Fehler in der Defensive waren entscheidend. Nach dem 0:1 waren wir fahrig, nicht mehr gut organisiert", sagte Löw. Für ihn beginnt alles wieder von vorn. Der erste Schritt wird die Zurückgewinnung des Glaubens sein, der ist an Balotellis Brust zerbröselt.
Deutschland - Italien 1:2
Warschau, 55.540, SR Lannoy (FRA)
Tore: 0:1 (20.) Balotelli, 0:2 (37.) Balotelli, 1:2 (92.) Özil (Elfmeter)
Deutschland: Neuer - Boateng (71. Müller), Hummels, Badstuber, Lahm - Khedira, Schweinsteiger - Kroos, Özil, Podolski (46. Reus) - Gomez (46. Klose)
Italien: Buffon - Balzaretti, Barzagli, Bonucci, Chiellini - Marchisio, Pirlo, Montolivo (64. Motta), De Rossi - Balotelli (70. Di Natale), Cassano (58. Diamanti)
Nationalhymnen und Fußballer - das geht eigentlich nicht wirklich zusammen. Da Nationalhymnen traditionell vor jedem Fußball-Länderspiel - also...
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