• vom 15.09.2015, 15:35 Uhr

Griechenland-Schuldenstreit

Update: 10.12.2015, 18:09 Uhr

Griechenland

"Wir sind keine Maniker des Bruchs!"




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Von WZ-Korrespondent Ferry Batzoglou

  • Syriza-Abtrünniger Lafazanis über Tsipras, Sparpolitik und die Wahl in Griechenland.

"Besiegen wir die Furcht!" fordert die LAE.

"Besiegen wir die Furcht!" fordert die LAE.

Athen. Nach dem Wahltriumph Ende Januar bestimmte ihn Premier Alexis Tsipras vom "Bündnis der Radikalen Linken" (Syriza) zum Super-Minister für produktiven Wiederaufbau, Umweltfragen und Energiewesen. Sein Name: Panagiotis Lafazanis. Aus Protest gegen das dritte Kreditprogramm mit den Gläubigern schied er aus dem Kabinett Tsipras aus und gründete mit weiteren 24 Syriza-Abweichlern Ende August die "Volkseinheit" ("Laiki Enotita"/
LAE). Lafazanis spricht sich offen für einen Grexit, Griechenlands Ausstieg aus der Eurozone, aus. Seine Partei könnte Syriza Stimmen wegnehmen und damit der konservativen Nea Dimokratia den Wahlsieg bringen.

"Wiener Zeitung": Herr Lafazanis, wie werden Sie und die "Volkseinheit" (LAE) bei den Neuwahlen am 20. September abschneiden?

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Panagiotis Lafazanis: Wir werden die drittstärkste politische Kraft sein. Das wird von besonderer Bedeutung sein.

Besteht auf einer Kündigung des Kreditprogramms: "Volkseinheit"-Chef Panagiotis Lafazanis. reuters/Alkis Konstantinidis

Besteht auf einer Kündigung des Kreditprogramms: "Volkseinheit"-Chef Panagiotis Lafazanis. reuters/Alkis Konstantinidis Besteht auf einer Kündigung des Kreditprogramms: "Volkseinheit"-Chef Panagiotis Lafazanis. reuters/Alkis Konstantinidis

Weshalb?

Wir werden in Opposition zur Regierung stehen, die sehr wahrscheinlich aus Syriza und Nea Dimokratia gebildet werden wird. Diese große Koalition wird die Spar- und Reformauflagen aus dem dritten Kreditprogramm für Griechenland umsetzen. Wir sind da absolut dagegen. Es gibt aber noch einen anderen wichtigen Grund, weswegen wir im neuen Parlament in die Rolle des Oppositionsführers schlüpfen müssen.

Welchen denn?

Die rechtsextreme Goldene Morgenröte könnte sich als drittstärkste Partei etablieren. Das zeigen Umfragen. Das birgt sehr große Gefahren und muss unbedingt verhindert werden. Die Wahl der Volkseinheit ist auch darauf die beste demokratische Antwort. Wir bieten Perspektiven und Hoffnung für Griechenland. Die Goldene Morgenröte verkörpert demgegenüber den Neofaschimus, den Rechtsextremismus, die Fremdenfeindlichkeit, den Fremdenhass. Das ist das Schlimmste, was diesem Land passieren kann.

Was sind Sie und die Volkseinheit? Neo-Kommunisten, Revoluzzer, Utopisten? Oder Spaltpilze, die die erste linke Regierung in Athen gestürzt haben, wie es Tsipras nun lautstark behauptet?

Die Volkseinheit ist eine Front linker, demokratischer, progressiver und patriotischer Kräfte in Griechenland. Wir sind gegen die betriebene Austerität, die Griechenland immer weiter verarmt und verelendet. Wir wollen Griechenland auf einen anderen Weg bringen. Ich persönlich bin ein radikaler Linker, ein zutiefst demokratischer Mensch - und im guten Sinne ein griechischer Patriot.

Wie sehen Sie Berlin?

Berlin ist eine sehr schöne Stadt! (lacht) Ich habe Berlin schon vor dem Mauerfall besucht - und es wird immer schöner.

Ist das alles?

Nein, natürlich nicht. Berlin als Zentrum des deutschen Establishments verursacht große Schmerzen in ganz Europa. Wir leben in einem deutschen Europa, in einer von Deutschland bestimmten EU. Leider. Das hat keine Zukunft.

Was stört Sie konkret an der Haltung Berlins?

Wir sind gegen den Sparkurs, gegen die Austerität, die von Berlin maßgeblich gestaltet und diktiert wird. Wir sind gegen die strikte Haushaltsdisziplin, die Senkung der Löhne, der Gehälter, Renten und Pensionen, gegen den weiteren Abbau und die Aushöhlung des Sozialstaats. Der Euro kann so keine Zukunft haben. Mit ungleichen Ökonomien kann es keine Gemeinschaftswährung geben. Nirgendwo. Der Euro ist mit deutschen Kriterien und Standards geschaffen worden. Er dient unstrittig den Interessen Deutschlands. Das ist tragisch für ganz Europa, insbesondere für die ärmeren, die schwächeren Länder in der Eurozone. In der Eurozone kann Griechenland die Krise nicht überwinden und endlich wieder auf den Wachstumspfad zurückkehren.

Sie liebäugeln offen mit der Rückkehr zur Drachme. Im ersten Wahlspot der Volkseinheit steigen Sie in Athen in ein Taxi ein und der Taxifahrer fragt Sie: "Wohin soll ich Sie fahren?" Sie antworten: "Zur Münzanstalt, bitte" - und lächeln. Klarer geht es wirklich nicht.

Moment! Lassen Sie mich eines klarstellen: Für uns ist keine Währung ein Fetisch. Seien Sie versichert: Wir hätten absolut kein Problem mit dem Euro, falls wir unser fortschrittliches Programm im Euro umsetzen könnten. Ich sehe aber nicht, wie sich das verwirklichen ließe. Das ist nur mit einem Umsturz in der Eurozone und in der EU möglich. Bedingung dafür ist aber, dass ein Land oder eine Gruppe von Euroländern einen alternativen Weg in der Eurozone einschlägt. Das ist bisher freilich nicht passiert.

Tsipras’ Dogma lautete: "Kein Bruch (mit der Eurozone), aber auch keine Unterwerfung (unter die öffentlichen Geldgeber)." Dieser Weg ist offenbar gescheitert. Stehen Sie und die Volkseinheit für den Bruch?

Wir sind keine Maniker des Bruchs! Wir wollen nicht den Bruch nur um des Bruchs willen. Wir wollen, dass unser Land die Krise überwindet und langsam, langsam zum Wachstum zurückkehrt. Das würde bei der jetzigen Politik aber unweigerlich zum Bruch mit der Eurozone führen. Für diese Politik trägt das deutsche Establishment eine besondere Verantwortung.

Sind Sie persönlich von Tsipras’ sagenhaftem Purzelbaum hin zu einer Fortsetzung des rigorosen Sparkurses enttäuscht? Sie haben schließlich viele Jahre lang Seite an Seite gekämpft.

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Dokument erstellt am 2015-09-15 15:38:04
Letzte ─nderung am 2015-12-10 18:09:14



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