• vom 11.07.2015, 09:00 Uhr

Griechenland-Schuldenstreit Meinung

Update: 12.07.2015, 16:21 Uhr

Griechenland

Korrupt ist nur der andere




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Von Konstanze Walther

  • Der Autor James Angelos erklärt, mit welchen Emotionen die politische Debatte in Griechenland geführt wird.

Griechenlands Vergangenheit als Ursprung der westlichen Zivilisation war ein wesentliches Verkaufsargument für die Aufnahme in den Europäischen Wirtschaftsraum.

Griechenlands Vergangenheit als Ursprung der westlichen Zivilisation war ein wesentliches Verkaufsargument für die Aufnahme in den Europäischen Wirtschaftsraum.© reuters/Behrakis Griechenlands Vergangenheit als Ursprung der westlichen Zivilisation war ein wesentliches Verkaufsargument für die Aufnahme in den Europäischen Wirtschaftsraum.© reuters/Behrakis

"Wiener Zeitung":In Ihrem Buch "The Full Catastrophe" widmen Sie ein Kapitel der berüchtigten "Insel der Blinden": Zakynthos, einer Insel, auf der fast zwei Prozent der Bevölkerung Sozialleistungen für Blinde kassiert haben. Damit wäre die Insel aber mit einem seltenen Schicksal geschlagen - der Anteil der Blinden wäre schließlich neunmal so hoch wie im Durchschnitt in der westlichen Welt. Sie haben damals die Insel besucht, und alle Ihre Gesprächspartner zeigten mit dem Finger auf den jeweils anderen, nach dem Motto, selbst sei man nicht korrupt, aber der andere. Und es sei gut, endlich mit der Korruption aufzuräumen, meint auch Ihr Taxifahrer, bevor er Ihnen eine falsche Rechnung ausstellt. Das war 2012. Glauben Sie, dass sich diese Mentalität in den vergangenen Jahren geändert hat oder ist das etwas, wofür es einen Generationenwechsel braucht?

James Angelos: Heute würde zumindest jeder Grieche zugeben, dass es Dekaden eines korrupten politischen Systems gegeben hat und Veränderung notwendig ist. Die Frage ist, ob eine - diese - Regierung die Veränderungen implementieren kann. Die vorherige Regierung hat es bereits versucht, aber der Eindruck unter den Leuten war, dass bei dem Versuch, die Steuervermeidung einzudämmen, zuallererst die kleinen Leute zur Kasse gebeten worden sind. Und viele Griechen sagen: "He, wieso unternehmt ihr nicht zuerst etwas gegen die großen Fische, bevor ihr gegen uns vorgeht?" Das ist einer der Gründe, weshalb Syriza im Jänner gewählt worden ist; weil sie versprochen hat, dass sie genau das machen wird: gegen die großen Fische vorzugehen. Ob sie das machen oder nicht, und ob sie die Möglichkeit dazu haben, ist eine andere Frage.

Information

James Angelos. Der ehemalige Journalist ("Wall Street Journal") mit griechischen Wurzeln hat anlässlich des Skandals um die "Insel der Blinden" angefangen, sich vertieft mit dem griechischen System zu befassen. Sein Buch "The Full Catastrophe - Travels Among the New Greek Ruins" ist vor kurzem erschienen.


Hypothetisch gesprochen, was wäre das beste Szenario für Griechenland, wenn wir IWF und Athener Regierung außen vor lassen?

Qualitative Reformen im staatlichen Verwaltungsapparat sind jedenfalls ein Schlüssel. Und Reformen, um die Steuern besser und fairer einzuheben. Griechenland hat ja schon Fortschritte gemacht. Die Gläubiger, die Reformen urgieren, haben Griechenlands Bedürfnis nach Hilfsgeldern als Druckmittel verwendet. Das hat zwar einerseits zu positiven Änderungen geführt. Andererseits wurden Fehler gemacht, die den wirtschaftlichen Abschwung vertieft haben. Wenn es nun ein paar Eingeständnisse von den Gläubigern gibt, dass Fehler gemacht wurden - wie es ja schon vereinzelt vorgekommen ist - verbessert es die Atmosphäre. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass man die Griechen "vom Haken lässt", also "davonkommen lässt", wie immer wieder befürchtet wird, nach dem Motto: Wenn wir es den Griechen durchgehen lassen, dann ermutigen wir damit diese Art von Benehmen in der Zukunft. Ich weiß nicht, ob dieses Denken das Beste ist, um eine Lösung für das Problem zu finden.

Der Titel Ihres Buches ist "The Full Catastrophe". Was war denn Ihrer Meinung nach die absolute Katastrophe? Der Eintritt der Griechen in die Währungsunion? Die Regierungen davor und danach?

Der Titel ist ein Satz aus dem 1964 Film "Alexis Sorbas" (Zorba the Greek, Anm.), der für mich die einzigartige, bizarre Mixtur der Dinge auf den Punkt bringt, die alle zusammengenommen zu dem Ist-Zustand geführt haben. Angefangen mit dem Eintritt Griechenlands in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft 1981. Griechenland hat es dorthin geschafft, obwohl es damals dagegen Bedenken gab. Für Griechenland sprach damals vor allem - unverhohlen - der Gedanke, dass Griechenland der Ursprung der westlichen Zivilisation war, die Mutter aller Demokratien. Und diese, die Vergangenheit beschwörende Rhetorik hört man heute noch in Europa. Griechische Politiker äußern das immer wieder, genauso wie andere europäische Politiker: Griechenland habe eine symbolische Stellung für Europas kulturelle Identität. Dann kam 2010, mit Beginn der offiziellen Staatsschuldenkrise, das böse Erwachen: In Griechenland passierten viele Dinge, die ganz und gar nicht idyllisch sind. Sogar die Reformversuche liefen absurd ab.

Wie zum Beispiel?

Im ersten oder zweiten Jahr nach dem ersten Rettungspaket 2010 versuchte die griechische Regierung, den Betrug bei Sozialleistungen für Behinderte einzudämmen. Dafür mussten sie eine eigene Erhebung machen! Die griechische Zentralregierung konnte die einfache Frage nicht beantworten, wie viele Menschen in Griechenland Sozialleistungen wegen Behinderungen beziehen! "Wenn Sie weiterhin Ihre Behinderten-Sozialleistungen bekommen wollen, dann müssen Sie sich in einem Amt melden und registrieren lassen, sonst werden die Leistungen gestrichen", hieß es. Und so mussten alle Menschen mit Behinderung sich registrieren lassen, nur damit der Betrug mit Sozialleistungen eingedämmt werden konnte, weil die Regierung es aus Unfähigkeit anders nicht schaffen würde. Können Sie sich vorstellen, wie sich das anfühlt, wenn Sie eine Behinderung haben, sich deswegen registrieren zu müssen? Und das ist nur ein Beispiel für die Intransparenz des Systems: Die Regierung kann nicht sagen, wer was bekommt. Da wundert es nicht, dass lokale Politiker schalten und walten, etwa auf der Insel der Blinden Leistungen vergeben, damit sie gewählt werden. Das funktionierte, so lange der Staat so undurchschaubar war.

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Dokument erstellt am 2015-07-10 17:53:05
Letzte ─nderung am 2015-07-12 16:21:51



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