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Von Klaus Stimeder

  • Die Wahl Trumps hat die US-Medien in eine Identitätskrise gestürzt. Die Folgen werden sich schon demnächst zeigen.




© "Wiener Zeitung" / Wolfgang Ammer © "Wiener Zeitung" / Wolfgang Ammer

Los Angeles. Das Signal auf das, was die amerikanische Medienelite in den nächsten vier Jahren erwartet, hätte deutlicher kaum ausfallen können. Eine Woche, nachdem er die Wahl gewonnen hatte, lud Donald John Trump nahezu alle prominenten Fernsehreporter, -produzenten und -unternehmer des Landes in den Trump Tower zu Manhattan, seinen Hauptwohnsitz und das Zentrum seines weltweiten Firmengeflechts.

Obwohl man im Vorfeld des Treffens Stillschweigen vereinbart hatte, sickerte schnell durch, was der künftige Präsident der Vereinigten Staaten den Aushängeschildern ihrer jeweiligen Sender und ihren Vorgesetzten mitzuteilen hatte: Sauer sei er, und zwar ordentlich. Über eine Stunde lang beschwerte sich Trump über die seiner Meinung nach "unfaire" und "voreingenommene" Berichterstattung, deren Opfer er im Lauf seiner Präsidentschaftskampagne angeblich geworden sei. Was den Immobilienmagnaten am meisten gestört hatte: Bilder, die ihn buchstäblich in unvorteilhaftem Licht gezeigt und unter anderem seine faltige Haut und sein Doppelkinn offenbart hätten. Der Mann ist 70 Jahre alt. Auch wenn sich ein paar wenige, dem Vernehmen nach allen voran NBC-Politikchef Chuck Todd, nicht einschüchtern ließen, ließ Trump den Großteil seiner Gäste sprachlos zurück; und stieß damit gewissermaßen den Dolch noch tiefer in die Wunde.


© Chris Pizzello/ap/picturedesk.com © Chris Pizzello/ap/picturedesk.com

Noch bevor sich der Pulverdampf des brutalsten Wahlkampfs der jüngeren Geschichte gelegt hatte, war unter den Gartenpflegern der amerikanischen Medienlandschaft längst die große Selbstreflexion ausgebrochen. Egal, ob Fernsehen, Radio, Print oder online, die große, alles überlagernde Frage lautete stets gleich: Inwiefern sind wir verantwortlich, tragen wir Mitschuld an Präsident Trump?

Unter denjenigen, die darauf eine triftige Antwort zu haben glaubten, bildeten sich im groben zwei Lager. Das eine, mehrheitlich bevölkert von Publizistik- und Journalismus-Professoren sowie Repräsentanten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (Public Broadcasting Service/PBS und National Public Radio/NPR), kritisierte die ausladende Berichterstattung, welche die Privatsender Trump insbesondere während der Vorwahlen der Republikanischen Partei zuteilwerden ließen sowie die "Normalisierung" seiner zuvor als radikal empfundenen Positionen, nachdem seine Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten festgestanden war. Die anderen Verteidiger des Abendlandes sahen das Hauptproblem in den neuen, fortschreitend unübersichtlicher werdenden Verhältnissen. Jene hätten es ermöglicht, dass mittlerweile Millionen Bürgerinnen und Bürger so frei erfundene wie schreckliche Nachrichten à la "Hillary Clinton hat einen Kindersklavenring unterhalten" für bare Münze nehmen - und entsprechend wählen und handeln. (Erst Anfang Dezember fiel ein mit einer Schnellfeuerwaffe bestückter Mann aus North Carolina in eine zuvor gern von Clintons Leuten frequentierten Pizzeria in Washington D.C. ein, um dort nach eigener Aussage "nach dem Rechten zu sehen"; er habe "im Internet" gelesen, dass besagter Ring dort sein Hauptquartier habe.)

Was alles irgendwie stimmt, aber am Ende viel zu kurz greift - und so unfreiwillig offenbart, wieweit die Mehrheit der Herren und Damen der veröffentlichten Meinung in den USA wenn schon nicht den Anschluss zur Mehrheit, dann zumindest zu jenem Teil der amerikanischen Bevölkerung verloren haben, der diesmal die Wahl entschied. Bei dieser Gruppe von Leuten handelt es freilich weniger um die sogenannten wie vielzitierten "Globalisierungsverlierer", die sich angeblich schwertun, mit den neuen Verhältnissen Schritt zu halten; sondern in der Regel mit ganz wenigen Ausnahmen um so verängstigte wie zornige weiße Amerikaner, die halbwegs okay bis bestens verdienen, aber trotzdem allen Ernstes und entgegen der Beweislage fest davon überzeugt sind, dass sie langsam aber sicher marginalisiert werden.

Trump - Höhepunkt einer
logischen Entwicklung

In diesem Zusammenhang lässt sich der Einzug eines Donald Trump ins Weiße Haus auch anders lesen: Zuerst als vorläufiger Höhepunkt einer so langfristigen wie im Nachhinein besehen fast logischen Entwicklung, die vor mindestens zwei Jahrzehnten ihren Ausgang nahm. Ende November feierte der Haus- und Hofsender der amerikanischen Rechten sein 20. Jubiläum on air. Seine verheerende Wirkung fasste am treffendsten der noch amtierende Präsident vor ein paar Wochen im Gespräch mit dem Magazin "The New Yorker" zusammen: "Wenn ich Fox News schauen würde, würde ich mich auch nicht wählen", sagte darin Barack Hussein Obama. Der Jahresumsatz des Senders, der zum weltweiten Medienimperium der Familie Murdoch gehört, beträgt rund eine Milliarde Dollar und ist damit einer der erfolgreichsten der Welt.

Die Erfolgsformel von Fox News hat sich von Anbeginn nie grundlegend geändert. Unter dem Deckmantel des "Nachrichtensenders" wird knallharte rechte bis rechtsradikale Propaganda betrieben. Was von Anfang an nie anders geplant war, aber erst über die Zeit Früchte trug - zu dem Preis, dass heute weite Teile der amerikanischen Bevölkerung de facto zu Opfern einer systematischen Gehirnwäsche geworden sind, die streng genommen ärztlichen Beistand erfordert. Was sein Gründervater freilich genau so beabsichtigt hatte. Bis Roger Ailes Mitte des Jahres unter dem Druck dutzender bekannt gewordener sexueller Übergriffe auf seine Mitarbeiterinnen zurücktreten musste - um sich umgehend Donald Trump als Medienberater anzudienen -, hatte er Fox News zum Ebenbild seiner selbst gemacht: offen sexistisch, mal mehr, mal weniger subtil rassistisch, extrem fremdenfeindlich, pathologisch paranoid. Das volle Ausmaß der irren Welt, in der Ailes lebt und die er seinen Mitarbeitern zwei Jahrzehnte lang vorlebte, wurde 2014 bekannt, als der New Yorker Journalist Gabriel Sherman seinen mühsamst über Jahre und unter Gefahr für Leib und Leben recherchierten Bestseller "The Loudest Voice in the Room" (Random House) veröffentlichte.


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Dokument erstellt am 2016-12-28 12:41:08
Letzte nderung am 2016-12-28 13:26:18



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