Je suis Charlie

Dossier
Je suis Charlie

Ich bin Charlie
Je suis Charlie ist ein politischer Slogan, der unmittelbar nach dem Anschlag auf die französische Satirezeitung Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 entstand. Bei dem Attentat wurden elf Personen getötet und mehrere Anwesende verletzt. Auf der Flucht brachten die Täter einen weiteren Polizisten um. Sie wurden am 9. Jänner von Sicherheitskräften gestellt und erschossen.


  • vom 20.01.2015, 15:52 Uhr

Je suis Charlie

Update: 20.01.2015, 21:35 Uhr

Terror

War da was?




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Von Matthias Greuling

  • Momentaufnahmen und Miniaturen aus Paris, zwei Wochen nach dem Terror.

Werbefigur Charles und Charlie reihen sich in den Auslagen der großen Kioske Seite an Seite. - © Greuling

Werbefigur Charles und Charlie reihen sich in den Auslagen der großen Kioske Seite an Seite. © Greuling

Paris. Die vielleicht interessanteste Neuerung in diesem Winter in Paris ist folgende: Am Boulevard des Italiens, direkt neben der Pariser Oper, liegt eine McDonald’s-Filiale. Die hat eine neue, innovative Idee, wie man den zahlreichen McMüll entsorgt, der nach dem Essen übrig bleibt. Ein knabenhoher, roter Müllschlucker fordert dazu auf, den Inhalt seines Tabletts hineinzukippen, nachdem er sich automatisch geöffnet hat.

Dieser Müllschlucker macht beim Müllschlucken so interessante Geräusche, dass jeder dabei ganz fasziniert zuhört; da wird gequetscht, geknautscht, zerdrückt, was sich ihm in den Weg stellt. Die Leute bringen brav ihren Müll zum Müllschlucker, das ist ganz anders als in Österreich, das wohl das einzige Land ist, in dem McDonald’s, für viele ein Symbol westlicher Dekadenz, es von Beginn an versäumt hat, die Kunden zum Wegräumen zu erziehen.


Doch das, was wir in den 80er und 90er Jahren gelernt haben, gilt hier nicht mehr: Die Mülltrennung in Papier, Plastik, Speisereste findet nicht statt, sondern alles landet in einem Sack. Schön platzsparend gepresst. Das ist auch ein Sinnbild dieser nach Bequemlichkeit strebenden Wohlstandsgesellschaft, die unter den Konsequenzen ihrer scheinbaren Erhabenheit (noch) nicht leidet.

Draußen, neben der Filiale, ist ein Kino. Dort läuft gerade "La famille Bélier", derzeit der größte Kinohit in Frankreich: Vier Millionen Besucher waren schon drin in der ruralen Romanze, in der die Tochter eines gehörlosen Bauers und seiner gehörlosen Frau als einzige Hörende und Sprechende in der Familie den Laden schupft. Der Kitsch der Dramaturgie will es, dass ausgerechnet sie die allerschönste aller Stimmen hat und deshalb bald Gesangskarriere in Paris machen könnte. Wenn da nicht die liebenswerten Landeltern wären und die Provinz mit ihren Kühen. Die urbanen Franzosen, so zeigen die Einspielergebnisse, stehen auf solche Kuhmist-Romantik, solange sie den Mist weit weg wähnen.

Alles wie immer?
Vor dem Kino, direkt neben der teuren Boutique, wo man Lancel-Taschen ab 500 Euro verkauft, liegt ein Paar auf dem Trottoir, mit Decken eingehüllt, den Rücken direkt an der Straße, keinen Schutz suchend, nicht nach Geld bettelnd. In ihren Armen liegt ein etwa sechs- oder siebenjähriger Bub, er hat sich zur Mama gekuschelt. Ihr weniges Hab und Gut bewahren sie in Plastiksackerln auf. Der warme Luftzug aus dem Metro-Gitter kompensiert die zwei Grad kalte Nacht ein wenig. Die drei sehen aus wie Franzosen. Aber was heißt das schon?

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-01-20 15:56:05
Letzte Änderung am 2015-01-20 21:35:05



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