• vom 06.04.2017, 16:30 Uhr

Maria Theresia Jubiläum


Blattern

Kampf gegen die tödlichen Pusteln




  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • 1767 erkrankte Maria Theresia an den Pocken.
  • Sie erklärte der Seuche den Krieg und setzte sich für die Impfung ein.
  • Zu Frage 1 der Nro. 368.

Die Blattern (Patientin mit mildem Krankheitsverlauf r.), im 18. Jahrhundert wegen hoher Sterblichkeit und Entstellung gefürchtet; dank Impfung gilt die Seuche als ausgerottet. - © Bilder: L.-L. Boilly (1761-1845), Ausschn./wellcome images; r.: Archiv

Die Blattern (Patientin mit mildem Krankheitsverlauf r.), im 18. Jahrhundert wegen hoher Sterblichkeit und Entstellung gefürchtet; dank Impfung gilt die Seuche als ausgerottet. © Bilder: L.-L. Boilly (1761-1845), Ausschn./wellcome images; r.: Archiv

Die Trauer in der Stadt ist unbeschreiblich. Das Volk läuft zu Hauf zur Burg, um zu erfahren, wie es der Kaiserin geht. Überall in den Straßen sieht man die Menschen erschüttert weinen." Was war geschehen? Im Mai 1767 hatte Maria Theresia eine schlimme Diagnose erhalten: Blattern. Zur Infektionskrankheit recherchierte die Gemeine anlässlich der 1. Frage der Nro. 368. Das einleitende Zitat fand Maria Thiel, Breitenfurt, in Univ.-Prof. Dr. Hans Bankls Buch "Die kranken Habsburger" (1998). Die Sätze stammen aus einem Bericht des venezianischen Gesandten vom 3. Juni 1767. Zwei Tage zuvor hatte die Herrscherin die Sterbesakramente erhalten.

Fälle im Kaiserhaus
Es gab allen Grund zur Sorge, forderten die Pocken oder Blattern (mhd. blâter = Blase) doch einst hunderttausende Todesopfer in Europa. Manche verglichen die Seuche gar mit der langsam abklingenden Pest. Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf: "Durch Tröpfcheninfektion" Angesteckte mussten mit "tödlichem Krankheitsverlauf oder Entstellung bis zur Unkenntlichkeit" rechnen.

Werbung

"Auch vor den Toren der Hofburg" machte das Übel nicht halt, wie Herbert Beer, Wolfpassing, notiert; die Regentin bezeichnete die Pocken gar als "Erzfeind des Hauses Habsburg".

Einen prominenten Fall aus Maria Theresias Familie schildert Dr. Alfred Komaz, Wien 19: "Der ältere Bruder Karls VI., Kaiser Joseph I., ist 1711 im Alter von nur 33 Jahren an den Blattern gestorben, wodurch sein Bruder erst Kaiser werden konnte." Dr. Wilhelm R. Baier, Graz-Andritz: Auch Maria Theresias Schwiegertöchter, "die zwei Gemahlinnen Josephs II., Isabella von Parma und Maria Josepha", fielen den Pocken zum Opfer. Maria Josepha erkrankte im selben Jahr wie Maria Theresia. Brigitte Schlesinger, Wien 12: Ihr Leichnam wurde "aufgrund seines grauenhaften Zustandes . . . verdeckt auf dem Paradebett ausgestellt." Joseph hatte "während ihrer lebensbedrohenden Erkrankung nicht an ihrem Bett", sondern am Krankenlager seiner Mutter geweilt.

Diese hatte sich nämlich, wie Dr. Harald Jilke, Wien 3, erwähnt, bei "der zweiten Ehefrau Josephs infiziert".

Zum Verhältnis zwischen Mutter und Sohn wirft Neo-Tüftlerin Eva Stümpfl, Wien 1 (willkommen in der Gemeine!), ein: "Maria Theresia regierte" damals schon gemeinsam "mit . . . Joseph II." Allerdings, so Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, bestand die Mitregentschaft "bloß auf dem Papier, in die Regierungsgeschäfte in ihren Erblanden ließ sich die Monarchin kaum hineinreden." Sie war übrigens "formell . . . schon von Beginn ihrer Herrschaft . . . an nicht Alleinregentin: Zuerst war ihr Ehemann Franz Stephan Mitregent", bis zu seinem Tod 1765.

Von der Krankheit der Erzherzogin berichtete damals das "Diarium" etliche Tage hindurch, so Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf; dabei "fiebert der Leser geradezu mit". Am 3. Juni 1767 berichtete unser Blatt: "Gestern ward das Fieber wegen mehrerer Entzündung, und an Händ und Füßen angefangener Zeitigung (etwa: Reifung der Pusteln, Anm.) stärker, und die Schmerzen größer, wodurch jenes gegen den Abend noch mehr zugenommen, also zwar, daß Ihre Majest. irre geredet."

Nach bangen Wochen erholte sich die Regentin - "wenn auch", so Franz Kaiser, Wien 11, "durch Narben entstellt."

Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7: "Ihr Leibarzt Ger(h)ard van Swieten . . . erhielt . . . ein mit Brillanten besetztes Porträt Maria Theresias sowie 3000 Dukaten."

Ärzte im Kampf gegen Pocken (v.l.): G. van Swieten kurierte Maria Theresia; J. Ingen-Housz impfte deren Kinder; J. de Carro führte die weiterentwickelte Vaccination ein.

Ärzte im Kampf gegen Pocken (v.l.): G. van Swieten kurierte Maria Theresia; J. Ingen-Housz impfte deren Kinder; J. de Carro führte die weiterentwickelte Vaccination ein.© Bilder: Archiv Ärzte im Kampf gegen Pocken (v.l.): G. van Swieten kurierte Maria Theresia; J. Ingen-Housz impfte deren Kinder; J. de Carro führte die weiterentwickelte Vaccination ein.© Bilder: Archiv

Im folgenden Herbst ereilte die Herrscherin ein weiterer Schicksalsschlag. Alice Krotky, Wien 20: "Tochter Maria Josepha starb" an den Pocken. Dr. Edwin Chlaupek, Wien 3: Damit verlor sie nach "Johanna Gabriela (1762 . . .) und . . . Karl Joseph" (1761) das dritte Kind an die Seuche.

Pioniere und Skeptiker
Die Geheilte wurde zur Impfverfechterin. Sie ließ den "niederländischen Arzt und Botaniker Jan Ingenhousz" (1730-1799; meist Ingen-Housz) nach Wien holen, so Volkmar Mitterhuber, Baden. Er "entnahm Patienten, die an einer milden Form der Pocken erkrankt waren", Eiter aus den Pusteln und inokulierte mit den "lebenden Viren . . . noch nicht erkrankte Personen."

MedR DDr. Othmar Hartl, Linz: Die sog. Variolation war "die gebräuchlichste prophylaktische" Maßnahme, obgleich sie wegen des Risikos "sehr umstritten" war. Ingen-Housz wurde "an den Wiener Hof berufen, um die kaiserlichen Kinder zu inokulieren." Dies sollte auch als Vorbild dienen. Dr. Karl Beck, Purkersdorf, merkt an, dass der Niederländer zuvor "200 arme Kinder" impfte.

DI Wolfgang Klein, Wien 21: Trotz Erfolgen blieb "das Impfverfahren der Variolation . . . in der Monarchie und vor allem in den Provinzen . . . unpopulär". Gerhard Toifl, Wien 17, berichtet von einer Idee der Grazer Sanitätskommission, mit Prämien Anreize zum Impfen zu schaffen, u.a. durch ein Bonussystem für Ärzte. Der Vorschlag wurde nicht angenommen.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-06 11:03:07
Letzte nderung am 2017-04-06 11:11:10



Werbung




Werbung


Werbung