• vom 30.04.2017, 12:00 Uhr

Maria Theresia Jubiläum

Update: 30.04.2017, 12:12 Uhr

Interview

"Sie war auch unserer Zeit voraus"




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (16)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Doris Barbier-Neumeister

  • Die französische Philosophin Élisabeth Badinter über Maria Theresia als geschickte Jongleurin zwischen ihren Rollen als Mutter, Geliebte und Staatsoberhaupt.



Expertin für weibliche Macht: Élisabeth Badinter.

Expertin für weibliche Macht: Élisabeth Badinter.© afp/Verhaegen Expertin für weibliche Macht: Élisabeth Badinter.© afp/Verhaegen

"Wiener Zeitung": Madame Badinter, wie ist die Idee zu diesem Buch entstanden? Warum ausgerechnet Maria Theresia, die ja in Frankreich kaum wer kennt

Information

Élisabeth Badinter wurde 1944 in Paris geboren. Sie studierte Philosophie und Soziologie und unterrichtete an der Eliteuniversität Ecole Polytechnique. Sie ist mit dem Rechtsanwalt und früheren Justizminister Robert Badinter verheiratet, der 1981 die Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich durchsetzten konnte, und hat drei Kinder. In ihren zahlreichen Büchern und Essays beschäftigt sie sich mit der Geschichte und Soziologie der Frau in ihrem historischen Umfeld und hat sich in Frankreich seit jeher für das Abtreibungsrecht und die Gleichstellung von Mann und Frau in der Arbeitswelt eingesetzt.

Ihr neuestes Buch, "Maria Theresia. Die Macht der Frau", ist, übersetzt von Horst Brühmann und Petra Willim, im Paul Zsolnay Verlag erschienen.

Das Buch wird unter Beisein der Autorin am 11. Mai in der Kaiserlichen Wagenburg im Schloss Schönbrunn (Anmeldung: office@zsolnay.at) und am 12. Mai in La Librairie Hartlieb (Porzellangasse 36, 1090 Wien, 1090.harliebs.at) präsentiert.

DorisBarbier-Neumeister lebt seit mehr als 15 Jahren als freie Journalistin und Autorin in Paris.

Élisabeth Badinter: Jedenfalls lange nicht so gut, wie ihre Tochter Marie Antoinette. Ich wollte eigentlich mit einem Vorurteil aufräumen. Maria Theresia war nämlich viel mehr, als diese dickliche "Mutter der Nation", wie sie heute immer noch gerne dargestellt wird. Sie war auch keine "durchorganisierte Powerfrau", sondern ultrafeminin und sicherlich auch sehr kokett. Heute gibt es fast kein Bild von ihr als junge Frau, dabei war sie sehr schlank und durchaus attraktiv, Lichtjahre von diesem matronenhaften Image entfernt, das ihr immer noch anhaftet. Mit 15 war sie so mager, dass man Angst um ihr Leben hatte. Ich bin rein zufällig beim Lesen eines Briefwechsels zwischen Isabella von Bourbon Parma (der Schwiegertochter Maria Theresias) und ihrer Lieblingstochter Marie Christine auf sie gestoßen. Was für eine Frau, ich war wirklich fasziniert! Es sollte deshalb auch keine simple Biografie werden, sondern vielmehr eine Charakterstudie. Beim Schreiben gehe ich gerne wie eine Archäologin vor, Jahreszahlen und Kriegsgeschichten sind für mich zweitrangig. Ich bin ja auch keine Historikerin, sondern Philosophin .

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Österreichs Kaiserin eine geborene Verführerin war und die PR-Knigge aus dem "Effeff" beherrschte.

Dass sie "nebenbei" 15 Kinder großgezogen hat und die mächtigste Herrscherin Europas war, brachte ihr einen absoluten Sonderstatus ein. Außerdem war sie in ihren Mann, Franz Stephan von Lothringen, sehr verliebt, eine Rarität damals. Als sie 1740 im Alter von 23 Jahren ohne jegliche Vorbereitung Herrscherin über das fragile Reich wurde, das nur aus einem Dutzend lose miteinander verbundenen Nationen bestand, hatte sie niemand so richtig ernst genommen. Sie wurde ganz eindeutig unterschätzt, weil sie ihrer Zeit in vielen Dingen um Jahre, ja Jahrzehnte voraus war. Ganz auf sich gestellt, nur durch ihre eigenen, persönlichen Kräfte und politische Strategien wurde sie zur Galionsfigur der habsburgischen Politik. Ich selbst wollte verstehen, wie sie es geschafft hat, ohne jegliche Hilfe und Vorbereitung die mächtigste Frau Europas zu werden. Denn sie kam ja komplett unerfahren an die Macht, und die Tatsache, dass sie sehr hübsch war, war sicherlich auch ein grosses Handicap.

Sie war ein Marketingprofi und besaß ein unglaubliches Talent, was ihre Imagepflege betraf. Das war angeboren, instinktiv. Schon allein, wie sie ihre Kinder in Szene gesetzt hat. Das war einfach innovativ und unglaublich gewagt. Auch in kritischen Situationen hat sie es nicht gescheut, ihre Weiblichkeit als Waffe einzusetzen, auch mal auf die Tränendrüse zu drücken, wenn es notwendig war. Sie verstand es wie keine andere, die Barrieren der damaligen Konventionen einfach niederzureißen. Und ihr außergewöhnlicher Sinn für Kommunikation und Selbstdarstellung hat ihr dabei sehr geholfen. Mit anderen Worten: sie war eine perfekte, mit allen Wassern gewaschene Strategin, nur hat’s keiner gemerkt.

Welche Rolle spielten die Frauen in Maria Theresias Familie? Wird der Feminismus generell von der Mutter auf die Tochter weitervererbt?

Dieser Machthunger, der vor allem bei ihrer Heiratspolitik zum Ausdruck kam, wurden ihr sicherlich von der Mutter Elisabeth Christine, aber auch ihrer Großmutter mütterlicherseits vorgelebt. Der Einfluss der Frauen in dieser Familie war prägend, sie war schließlich in ihrer Kindheit von sehr starken und dominanten Frauen umgeben, die sie in die subtilsten Machtspielchen eingeführt hatten. Ihr Vater, Kaiser Karl VI., hoffte ja bis zuletzt auf einen männlichen Thronfolger und war sicherlich kein Vorbild. Sie hat ihn auch nie bewundert und ihm wohl nie richtig verziehen, dass er alles tat, um ihre Thronfolge zu verhindern. Das hat sie auch ausdrücklich in ihrem Testament festgehalten.

In dieser privaten Korrespondenz, die heute im österreichischen Staatsarchiv aufbewahrt ist, erfährt man so manches, was sicherlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war . . .

In ihren Briefen nimmt sie sich kein Blatt vor den Mund, schreibt sehr offen über sich und ihre Zweifel, hinterfragt permanent ihre Rolle als Ehefrau und Mutter. Maria Theresia war in der Erziehung ihrer Kinder sehr präsent, kannte die Stärken und Schwächen jedes ihrer Sprösslinge ganz genau. Ob sie nun eine gute oder schlechte Mutter war, sei dahingestellt. Fest steht, dass sie Mutter war, im Gegensatz zu ihren regierenden Zeitgenössinnen. Sie war sicherlich sehr selbstkritisch, auch was ihre eigenen Schwächen betraf, und hatte einen sehr komplexen, nicht ganz einfachen Charakter, war permanent von Selbstzweifeln geplagt.

Trotzdem war sie die mächtigste Frau Europas. Gehen Frauen Ihrer Meinung nach mit Macht anders um als Männer?

Heute tendieren Frauen in Machtpositionen eher dazu, ihre Weiblichkeit zu verleugnen. Maria Theresia ließ den Charme spielen - und alle Botschafter lagen ihr zu Füßen. Sie wusste genau, wie man Menschen manipuliert und setzte ihre Rolle als Frau und Mutter gekonnt strategisch ein. Wir Frauen, egal ob in Machtpositionen oder nicht, werden dazu erzogen, mit mehreren Rollen jonglieren zu können. Daran hat sich bis heute nichts geändert - und den Männern ist das einfach immer noch nicht bewusst. Ich habe das Glück und Privileg gehabt, im Laufe meiner Karriere einige wirklich außergewöhnliche Frauen kennenlernen zu dürfen, wie etwa Golda Meir oder Benazir Bhutto, mit der ich befreundet war. Dabei ist mir aufgefallen, dass Frauen, die heute wichtige Positionen einnehmen, entweder kinderlos sind oder bereits erwachsene Kinder haben. Maria Theresia hingegen bringt während ihrer Amtszeit 16 Kinder zur Welt! Eine große Ausnahme in der Geschichte Europas. Dabei hatte sie - wie die meisten Frauen damals - eine panische Angst vor dem Gebären: Man darf nicht vergessen, dass man sich in einer Situation von extremster Passivität befindet, während man ein Kind zur Welt bringt. Sie musste gleichzeitig ein riesiges Land regieren und wichtige Entscheidungen fällen, sie befand sich also permanent in Extremsituationen. Ehrlich gesagt und gefragt: Welcher Mann würde so etwas vierzig Jahre lang aushalten?


weiterlesen auf Seite 2 von 2




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-28 13:51:05
Letzte Änderung am 2017-04-30 12:12:15



Werbung




Werbung


Werbung