• vom 31.05.2016, 13:49 Uhr

Netzpolitik

Update: 31.05.2016, 14:16 Uhr

Diskussion

"Es geht um Kontrolle und Selbstkontrolle von klein auf"




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Von Medienkompetenz

  • Medienpädagogen bezeichnen das Handy als die "Schaltzentrale des sozialen Netzwerks".

Wien. Medienkompetenz schön und gut, aber: Wer macht unsere Kinder und Jugendlichen wirklich fit für die digitale Welt von morgen? Können das Eltern und/oder Schule leisten? Und wer lehrt die Lehrer? Zwei Fachleute plädieren für eine systematische digitale Bildung, eine wissenschaftliche Reflexion der Onlinenutzung, die sich auf Inhalte konzentriert, und kritisieren mangelnden Weitblick in der Lehrerausbildung.

Die Kommunikationsforscherin Petra Herczeg, stellvertretende Studienprogrammleiterin am Institut für Publizistik an der Universität Wien, setzt sich in ihrer Arbeit unter anderem mit dem "Kindsein in der Kommunikationsgesellschaft" auseinander. "Wir wachsen im digitalen Laufstall auf - und es geht von klein an um Kontrolle und Selbstkontrolle", erklärt sie.

Aktivitäten verändern sich durch Smartphone

Medienpädagogen bezeichnen das Handy als die "Schaltzentrale des sozialen Netzwerks": Kontakt kann unheimlich schnell aufgenommen, aber ebenso schnell wieder beendet werden. "Das soziale Netzwerk ist immer dabei, durch das Smartphone hat man seine Freunde jederzeit mit, man ist nie allein", erklärt Herczeg. Das führe dazu, dass man sich theoretisch permanent mit anderen beschäftigen könne und so nie gezwungen sei, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Der aktuellen JIM-Studie zufolge, einer Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger, sind Jugendliche im Schnitt drei Stunden täglich online, davon großteils auf Youtube. Während Facebook mittlerweile überwiegend von Oldies - der Elterngeneration aufwärts - genutzt wird, sind junge Menschen auf der Suche nach Nischen oder Plattformen, wo sie nicht unter Beobachtung stehen.

"Die Fülle an neuen Kommunikationstechnologien wirkt sich auf das Sozialverhalten aus", meint sie. So könne man etwa beobachten, dass der Umgang mit neuen Medien einerseits eine Frage der Sozialisation sei. "Eltern werden stark imitiert. Wie sie Medien nutzen, prägt ihre Kinder." Andererseits sei erwiesen, dass sich Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen durch die Nutzung von Smartphones verändern. So würden etwa Verabredungen anders organisiert, kurzfristiger und unverbindlicher.

Durchaus zwiespältig sei die Medienkompetenz der "Digital Natives" zu bewerten, meint Herczeg, die trotz aller Aufklärung eine gewisse Leichtgläubigkeit dem Internet gegenüber ortet. "Einerseits wissen die Kinder und Jugendlichen vom Kopf her über die Gefahren, sensible Daten usw. Bescheid. Andererseits sickert dieses Wissen nicht in ihr Bewusstsein und wird im Umgang mit den Medien oft nicht umgesetzt. Durch ihr technologisches Know-how, das ja meist höher ist als jenes der Eltern, geben sie sich der Illusion hin, das Medium zu durchschauen - was definitiv nicht der Fall ist", meint sie. Auch die Suchtgefahr sei groß, gibt sie zu bedenken - "darauf bezogen, dass man sein Verhalten eben nicht mehr kontrollieren kann."

Inhaltliche Debatte notwendig

Wie viele Experten sieht auch Herczeg Bedarf an einer systematischen digitalen Bildung von Kindern, Jugendlichen und Lehrern. "Reflexion ist notwendig - nehmen wir nur Computerspiele. Derzeit konzentriert sich die Debatte auf die quantitative Nutzung, aber das ist nur ein Aspekt. Notwendig wäre eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Was bedeutet das, wenn ich in andere Rollen schlüpfe, welche Beziehung entwickle ich zu virtuellen Freunden, und wie wirkt sich das auf mein reales Umfeld aus?", erläutert sie. Man müsse Kinder dort abholen, wo sie sich befänden, und ihre Lebenswirklichkeit zur Kenntnis nehmen. "Virtuell lassen sich viel schneller Freundschaften schließen. Kinder bauen zu ihren virtuellen Freunden - die sie zumeist gar nicht kennen - echtes Vertrauen auf. Im Hinterkopf wissen sie wohl, dass sie aufpassen müssen - aber wie wirkt sich das auf ihr Verhalten im realen Leben aus, verändert es ihr Vertrauen zu den realen Freunden?"

Gerade in der sensiblen Phase der Pubertät sei es einfacher, sich anonym "auszutoben", man könne im Internet alle Themen verhandeln. "Wenn dieser Austausch im echten Umfeld nicht stattfindet, kann das zum Rückzug von Familie oder realen Freunden und zu sozialer Verarmung führen", merkt die Wissenschafterin an.

Optimistisch ist sie, was den Stellenwert von Datenschutz und Privatsphäre betrifft. "Das Bewusstsein für diese Themen wird deutlich steigen. Die Konsumenten merken, dass Geschäftsinteressen hinter diversen Angeboten stecken und auch, dass das Netz nichts vergisst - es ist ein Bewusstsein da, dass man hier gegensteuern muss", erklärt sie.

Die Wissenschafterin betreute Lukas Fischnaller, der für seine Magisterarbeit zum Mediennutzungsverhalten und der Medienkompetenz der Digital Natives im Februar diesen Jahres mit dem Förderpreis Medienforschung des Verbands Österreichischer Zeitungen (VÖZ) ausgezeichnet wurde. Er vermisste eine kritisch-kompetente Haltung der befragten rund 250 Schüler zwischen 14 und 19 Jahren. Auch die Schüler selbst sahen offenbar Nachholbedarf und wünschten sich zu 80 Prozent ein eigenes Fach Medienkunde.

Medienkompetenz in der Lehrerausbildung - leider nein

Während Wirtschaft und Politik nicht müde werden zu betonen, wie wichtig es sei, junge Menschen mit größerer Medienkompetenz auszustatten, wird diesem Anspruch selbst in der neuen Pädagogenausbildung und trotz des 2012 aktualisierten Grundsatzerlasses zum Unterrichtsprinzip Medienerziehung, wonach Medienerziehung in allen Unterrichtsgegenständen verpflichtend berücksichtigt werden muss, kaum Rechnung getragen.

Das zumindest ist die ernüchternde Erkenntnis des Medienpädagogen Christian Swertz vom Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien und Leiter der Wiener Medienpädagogik, der vier Curricula für den Sekundarbereich unter die Lupe genommen hat. Diese Curricula wurden entsprechend der vier Verbundregionen, in denen Pädagogische Hochschulen (PH) und Universitäten im Bereich der neuen Lehrerausbildung zusammenarbeiten, gewählt. "Medien finden dabei nur am Rande Erwähnung", so seine Feststellung. Die Ergebnisse würden zeigen, dass Medien im Allgemeinen und Medienpädagogik, Medienkompetenz und Mediendidaktik im Besonderen nur selten vorkommen und die meisten der seltenen Erwähnungen in der Sache irrelevant sind. Die historische Chance, Medienbildung systematisch in der Lehrerausbildung und damit in den Schulen zu verankern, scheint vertan.

Ein einziges relevantes Beispiel für die Berücksichtigung von Medienkompetenz findet sich laut dem Bildungsforscher im Modul 8 des Curriculums für Geographie der Universität Salzburg. Dort heißt es: "Es wird eine kritische Urteilsfähigkeit bezüglich Vegetations- und Bodendarstellungen in Publikationen und Medien sowie Kompetenzen in der Medienauswahl und in der Entscheidung für kommunikativ geeignete Vermittlungsformen geschaffen". Damit werden fachliche Inhalte und Medienkompetenz so miteinander verbunden, dass die Berücksichtigung von Medienkompetenz als Querschnittsmaterie gelungen ist, so Swertz.

Auch das an der PH Salzburg eingerichtete Kompetenzzentrum für Medienpädagogik und E-Learning vertritt einen ganzheitlichen Ansatz der Medienpädagogik, bei dem der Fokus laut eigenen Angaben nicht auf den Medien und Technologien, sondern auf der Pädagogik und allen damit verbunden wissenschaftlichen - Mediensozialisation, Medienkompetenz - und praktischen Fragen wie Medienerziehung und Mediendidaktik liegt. Tatsächlich messen die PH und Universitäten je nach Verbundregion und je nach Ausstattung mit einem eigenen einschlägigen Lehrstuhl der Frage von Medienpädagogik und digitalen Kompetenzen recht unterschiedlich hohe Bedeutung bei. Stark engagiert ist etwa auch die PH Steiermark, wo Medienkunde von den Themen Tablet Computer und Verwendung von Podcasts in der Lehre über innovative Konzepte zur Gestaltung von Lernräumen, das Konzept des "Flipped-Classroms" bis hin zum Buddy-Konzept reicht.

Pädagogen und ihr Medienverhalten

Wie sollen aber Pädagogen, die sich mit ihrer eigenen Mediennutzung - die wiederum stark vom sozialen Hintergrund beeinflusst ist - niemals kritisch auseinandersetzen mussten, Schülern ein Bewusstsein für den richtigen digitalen Umgang vermitteln? Wenn eine junge Deutsch-Lehrkraft ihren elfjährigen Schülern regelmäßig Internet-Rechercheaufgaben gibt, sich nicht an Wikipedia-Kopien stößt und kein Wort über die Identifizierung von glaubwürdigen Quellen verliert, scheint das "Unterrichtsprinzip Medienerziehung" noch nicht ganz im Schulalltag angekommen.

Auf Anfrage verweist das Bildungsministerium auf die "pädagogische Spezialisierung Medienpädagogik" in den Lehramtsstudien für die Sekundarstufe im Verbund West ab 2017/18. "Das ist ein Schwerpunkt, durch den ein Unterrichtsfach ersetzt werden kann - man kann im Lehramt also statt Chemie Medienpädagogik studieren", erklärt Swertz. Abgesehen davon, dass von diesem Schwerpunkt nur jene angehenden Lehrer, die ihn wählen, profitieren, werfe dieses Angebot die Frage auf, wo diese Pädagogen denn später unterrichten sollen. "Medienkunde als Unterrichtsfach gibt es ja nicht. Eingestellt werden aber nur Zweifachlehrer, die auch Schulfächer unterrichten können. Es bleibt abzuwarten, ob sich unter diesen Umständen Personen finden, die diesen Schwerpunkt studieren", gibt Swertz zu bedenken.

Als Pflichtgegenstand oder verbindliche Übung

In seinen Augen wäre die Einrichtung eines Pflichtgegenstands sinnvoll - "aber das kann man nicht aus dem Boden stampfen", schränkt er ein. Darum könnte es ein erster Schritt sein, im Schulorganisationsgesetz Medienkunde in den Auflistungen der Lehrpläne aufzunehmen. In den Pflichtschulen und Allgemeinbildenden Höheren Schulen (AHS) könnte Medienkunde zunächst als verbindliche Übung etabliert werden, in der AHS auch als Wahlpflichtgegenstand in der Sekundarstufe bzw. alternativer Pflichtgegenstand in der Oberstufe. "Der Lehrplan wäre dann durch eine Verordnung der Lehrpläne durch das Bildungsministerium einzurichten", so der Vorschlag des Medienpädagogen. Das würde unterstreichen, dass die Erklärungen zur Bildung und Digitalen Inklusion in der Digitalen Agenda ernst gemeint seien.

Bei der Vermittlung von Mediendidaktik in der Lehrerausbildung liegt die Sache Swertz zufolge anders: "Die Verankerung von Mediendidaktik in den Curricula der Universitäten darf nicht verordnet werden, weil das die Freiheit der wissenschaftlichen Lehre unterlaufen würde. Es ist aber durchaus möglich, dass der Qualitätssicherungsrat für Pädagoginnen- und Pädagogenausbildung dies als Kriterium in seinen Stellungnahmen berücksichtigt", erklärt er. Dafür müssten die Mitglieder wohl davon überzeugt werden, dass Kenntnisse in Mediendidaktik zu den "für den Beruf der Pädagoginnen und Pädagogen notwendigen Kompetenzen" gehören.

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Dokument erstellt am 2016-05-31 13:51:35
Letzte ─nderung am 2016-05-31 14:16:08



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