• vom 04.10.2011, 00:00 Uhr

Hintergrund

Update: 04.10.2011, 14:47 Uhr
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Die Kriterien, nach denen die Nobelpreise vergeben werden, sind nicht ganz durchsichtig - manchmal gehen auch preiswürdige Forscher leer aus

Die Tücken der Kür


Von Peter Markl

  • Es ist schon richtig: man soll Nobelpreise nicht überschätzen. Wer die Wissenschafts-Szene auch nur einigermaßen kennt, weiß fast immer Wissenschafter zu nennen, die den Preis ebenso verdienen würden wie die Ausgezeichneten.

Roger Tsien, einer der Chemie-Nobelpreisträger 2008.

Roger Tsien, einer der Chemie-Nobelpreisträger 2008.Reuters/ Blake Roger Tsien, einer der Chemie-Nobelpreisträger 2008.Reuters/ Blake

Und natürlich arbeitet das Nobelpreiskomitee nicht im luftleeren Raum: So sehr es sich auch bemühen mag, Vorschläge zu sammeln, und sich in langen Diskussionen um ein möglichst vorurteilsfreies Urteil zu bemühen - die Winde des Zeitgeistes wehen auch in Stockholm. Die Entscheidung für einen bestimmten Kandidaten wird jedenfalls immer auch wissenschaftspolitisch interpretiert, (und die Entscheidung gegen jemanden erst recht). Aber immerhin fällt das Scheinwerferlicht der Medien jedes Jahr für ungewöhnlich lange Zeit auf die ausgezeichneten Gebiete und schafft mit den Nobelpreisträgern weithin sichtbare, neue Autoritäten.

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Nach der alljährlichen Bekanntgabe der Preisträger sind Spekulationen um die Hintergründe also unvermeidlich, und die heurigen Nobelpreise für Medizin und Chemie bieten dafür wieder einmal einen trefflichen Anlass. Sie entsprechen der Absicht des Stifters Alfred Nobel - zumindest, wenn man dessen Intentionen großzügig auslegt: Nobel wollte diejenigen ausgezeichnet sehen, die "der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben". Allerdings sollte der Preis den "im vorangehenden Jahr" erreichten wissenschaftlichen Errungenschaften vorbehalten bleiben, doch war die Vorstellung, der Wert einer wissenschaftlichen Leistung ließe sich so früh schon erkennen, wohl schon 1895 etwas naiv.

Mittlerweile haben sich die ökonomischen und institutionellen Rahmenbedingungen für das Entstehen außerordentlicher Leistungen aber so sehr gewandelt, dass man nicht umhin kann, Alfred Nobels Vorgaben etwas freier zu interpretieren. Das beginnt schon damit, dass auszeichnungswürdige Leistungen nur mehr in sehr seltenen Fällen Einzelleistungen sind; selbst wenn man den Preis auf maximal drei Preisträger aufteilt, bleiben fast immer unumstrittene Beiträge zur ausgezeichneten Leistung unberücksichtigt.

Das trifft heuer fraglos auf den Nobelpreis für Medizin zu, der drei Virologen verliehen wurde, deren einschlägige Arbeiten bereits fast 20 Jahre zurückliegen: Er geht zur Hälfte an Harald zur Hausen, der früher der Direktor des Deutschen Krebsforschungsinstituts in Heidelberg war und der - anfänglich gegen erhebliche Kritik aus der Fachwelt - nachweisen konnte, dass es unter den allgegenwärtigen Papilloma-Viren einige gibt, die nicht nur bei der Bildung von Warzen eine Rolle spielen, sondern auch signifikant zu den Faktoren gehören, die Gebärmutterhalskrebs verursachen. Die daran anknüpfende Aufklärung der weiteren Prozesse, die dazu beitragen, hat es mittlerweile möglich gemacht, einen Impfstoff gegen diesen Krebs zu entwickeln.

Die andere Hälfte geht zu gleichen Teilen an Françoise Barré-Sinoussi vom Pasteur Institut in Paris und Luc Montagnier, früher an der Universität Paris tätig, für die Entdeckung der Aids-Viren. Die beiden französischen Forscher standen bereits vor dieser Ehrung im Rampenlicht der Öffentlichkeit - spätestens seit ihren plakativen Auseinandersetzungen mit Robert Gallo vom amerikanischen National Institute. Dabei ging es nicht nur um die Priorität bei der Entdeckung der Aids-Viren, sondern auch um die Rechte an der patentrechtlichen kommerziellen Auswertung dieser Entdeckung - Streitigkeiten, die erst 1987 durch Präsident Ronald Reagan und Premierminister Jacques Chirac beigelegt wurden. Robert Gallo war der erste, der ein Leukämie erzeugendes Retrovirus entdeckt und einen Teil der Techniken entwickelt hatte, mit denen das französische Team dann 1983 den Aids-Virus identifizierte. Diese Arbeit war jedoch auf Grund methodischer Mängel damals umstritten; nicht dagegen die vier Seiten lange Arbeit, in der die Gruppe um Gallo 1984 ihren Kandidaten für den Aids-Verursacher vorstellte.

Ein schwerer Fehler

Beide Gruppen hatten in dieser Zeit mehrfach biologisches Material ausgetauscht, und dabei ist in Gallo´s Laboratorium ein verhängnisvoller Fehler passiert: das Virus, das Gallo in seiner Arbeit so überzeugend charakterisiert hatte, war in Wirklichkeit nicht sein Virus-Isolat, sondern das Virus der französischen Gruppe, welches auf Grund einer Kontamination auch in den amerikanischen Virus-Kulturen zu finden war. Robert Gallo, dessen aggressive Verteidigung seiner vermeintlichen Priorität ihm nicht viele Sympathien einbrachte, hat erst 1991 die Kontamination in seinem Laboratorium zugegeben. Das Nobelpreiskomitee hat also Recht, wenn es nun die französische Gruppe als die eigentlichen Entdecker der Aids-Viren auszeichnet. Aber viele Virologen sind der Ansicht, ein Teil des Preises hätte auf Grund seiner Pionierrolle bei der Erforschung der Leukämie erzeugenden Retroviren an Gallo gehen sollen. (Auch Barré-Sinoussi und Luc Montagnier haben das nach der Bekanntgabe der Auszeichnung für sie in einer öffentlichen Erklärung anerkannt.)

Robert Gallo ist nicht der einzige, der einigen Grund hat, sich bei der Vergabe der heurigen Nobelpreise übergangen zu fühlen. Die "New York Times" hat nach einigen Mühen einen Amerikaner aufspüren können, dem bei der Vergabe des Chemie-Nobelpreises Ähnliches widerfahren ist.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2008-10-24 14:17:09
Letzte Änderung am 2011-10-04 14:47:57


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