
Die Traditionalisten unter den Fans lieben das, diese Patina, die Klubs aber wollen ausziehen, wollen das Olympiastadion für die Spiele 2012 für ihre Zwecke adaptieren. Eine gemeinsame Nutzung ist - zumindest bisher - keine Variante, also läuft alles auf ein direktes Match hinaus, ein Londoner Derby West Ham gegen Tottenham.
Die Frage der Nachhaltigkeit ist in London eine viel diskutierte, sie führte zur Gründung der Olympia Park Legacy Company, einer Unternehmung, die sich um die Nachnutzung der olympischen Sportstätten kümmert. Fix scheint nur, dass die Leichtathletik eine neue Heimat erhalten soll, das war eines der zentralen Versprechen der Londoner, um sich die Stimmen des mächtigen Weltverbandes zu sichern.
Der ursprüngliche Plan, das 80.000 Zuschauer fassende Stadion nach den Spielen um zwei Drittel zu reduzieren und als Leichtathletik-Oval zu nutzen, war immer eher ein Horrorszenario. Es wäre grotesk, ein Stadion für eine nur zweiwöchige Nutzung um 600 Millionen Euro zu errichten. Durch die Avancen der Fußballklubs könnte sich London diese Peinlichkeit ersparen.
Nur was passiert mit der Leichtathletik, mit diesem Versprechen? Der wortgewaltige Lamine Diack, Präsident des Weltverbandes, hat via BBC eindringliche Warnungen nach London geschickt, das sich für die WM 2017 bewerben will. " In diesem Fall könnt ihr (Großbritannien, Anm.) euch als tot betrachten. Es gebe keinen Weg zurück mehr. Es wäre vorbei, für immer. Ich mag Großbritannien sehr, aber in diesem Fall wären wir bei der Präsentation angelogen worden. Es wäre glatter Betrug."
Der Vorschlag von West Ham sieht einen nur moderaten Rückbau des Stadions vor, die Leichtathletik-Bahn würde erhalten bleiben, das Oval auch für andere Sportarten wie Cricket und Rugby geöffnet werden.
Tottenham will Neubau
Tottenham, das ohnehin schon lang Pläne hegt, die White Hart Lane zu verlassen, will das Stadion dagegen fast zur Gänze niederreißen und ein neues bauen. Ohne Tartan-Bahn, die beim Fußball störend ist, weil die Fans viel weiter entfernt sitzen. Dafür würde Tottenham in Crystal Palace, wo bereits jetzt ein kleines, altes Stadion steht, in dem Leichtathletik-Meeting ausgetragen werden, ein neues, größeres errichten lassen.
Die Hotspurs haben sich den US-amerikanischen Entertainment-Konzern AEG als Partner geholt, der London von der Millionenpleite des fast schon brachliegenden Millennium Dome bewahrte und daraus eine profitable Mehrzweckhalle machte. Und auch wenn der nationale Leichtathletik-Verband hinter dem West-Ham-Offert steht, gibt es Stimmen auch aus diesem Sport, die das Tottenham-Angebot für sinnvoller erachten.
Eine Dachorganisation britischer Leichtathletik-Klubs, die sich mitunter in Opposition zum Verband befindet, bezeichnete das Versprechen bei der Olympiabewerbung als "Schwindel". John Bicourt, ein ehemaliger Hindernisläufer, sagt im "Guardian": "West Ham würde mit großer Sicherheit in ein paar Jahren auch darum bitten, die Bahn entfernen zu können, weil sie sicher nur selten benutzt wird."
Denn auch in Großbritannien füllt die Leichtathletik keine großen Stadien mehr, maximal bei einer WM, doch das ist ein Einzelereignis. Ein schönes Kleinstadion in Crystal Palace sei eine realistische Alternative, sagt Bicourt.
Die Entscheidung über die Nachnutzung wurde vergangene Woche auf unbestimmte Zeit verschoben, sie muss aber spätestens Ende März getroffen werden. Bürgermeister Boris Johnson wird nachgesagt, die Tottenham-Variante zu präferieren. Ist dem so, hätten die Hotspurs beste Chancen, das Derby zu gewinnen.