London. Es ist der ganz normale Shopping-Wahnsinn eines Samstagnachmittags, und wir stehen mittendrin. Wir, das sind Medienkollegen aus Österreich und der Schweiz, die sich ein Bild vom Olympiagelände im Londoner Stadtteil Stratford machen wollen. Der Weg dorthin führt durch das größte Einkaufszentrum Westeuropas. Rechtzeitig für das vergangene Weihnachtsgeschäft eröffnet, ist es im Prinzip das einzige für die kommenden Olympischen Spiele errichtete Gebäude, das seinen Vollbetrieb bereits aufgenommen hat. Während in Sydney seinerzeit die olympischen Stätten bereits ein Jahr vor der offiziellen Eröffnungszeremonie öffentlich zugänglich waren, ist der Londoner Olympiapark derzeit - knapp vier Monate vor Beginn der Spiele am 27. Juli - noch von einem Eisenzaun umstellt, bewacht von Sicherheitsleuten in Warnschutzwesten.
Auch den eigens angereisten Journalisten bleibt der Zutritt verwehrt, und so schauen wir von einer gut besuchten Aussichtsplattform des Einkaufszentrums auf das neu geschaffene Areal. Bis vor wenigen Jahren bestand dieses Gebiet noch aus heruntergekommenen Industrieanlagen und Lagerhäusern. Eine komplizierte Eigentümerstruktur machte Revitalisierungsmaßnahmen lange Zeit schwierig. Erst mit dem Olympia-Budget konnten die Anlagen aufgekauft und abgetragen werden. Nicht weniger als 30.000 Tonnen Abfall, darunter Einkaufswagen und Autos, mussten abtransportiert werden, bevor der Boden entgiftet werden konnte.
Nach den Spielen wird der Olympiapark den Bewohnern der Londoner East Side als Sportzentrum und Naherholungsgebiet zur Verfügung stehen. Mit einer Fläche von 2,5 Quadratkilometern entspricht er ungefähr der Größe des Hyde Parks und ist damit zugleich die erste nennenswerte Grünfläche, die in London seit dem viktorianischen Zeitalter entstanden ist. Oder besser gesagt: entstehen wird. Noch ist der Park eine erdbraune Wüste, auf dem schwere Baufahrzeuge der olympischen Infrastruktur den letzten Schliff verleihen.
Weniger Gigantismus als 08

Die Architektur der bereits fertiggestellten Sportstätten deutet auf eine bodenständigere Finanzplanung hin als bei den bombastischen Spielen in Peking vor vier Jahren. Auf das Thema Nachhaltigkeit wollte man großen Wert legen: Das 80.000 Zuschauer fassende Olympiastadion gilt als die leichteste in dieser Größe je gebaute Arena, was in Anbetracht seiner filigran wirkenden Stahlkonstruktion glaubhaft erscheint. Wie es mit der Nachnutzung aussehen wird, ist dagegen noch nicht endgültig entschieden.